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Mayers Weltwirtschaft Wider den Neid

Wer die Reichen verunglimpft, gefährdet den Wohlstand der Nation. Neiddebatten wie im Zuge der Diskussion über eine Vermögensteuer nützen nur den Politikern.

© Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt.

Neid ist ein Gefühl, das wir zwar lieber nicht hätten, das uns aber dennoch immer wieder umtreibt. So zeigt die Verhaltensforschung, dass es uns nicht reicht, wenn es uns allein bessergeht. Nein, es soll uns bessergehen als anderen. Das kann so weit gehen, dass wir eigene Verluste gut verkraften, wenn die des Nachbarn nur höher sind. Oder es kann dazu kommen, dass wir uns über einen Gewinn nicht freuen können, weil der des Nachbarn größer ist. Obwohl Neid immer und überall vorkommt, scheint er bei uns zu Hause zu sein. Die Angelsachsen haben sich von uns das Wort „Schadenfreude“ geborgt, um ein besonderes Neidgefühl zu benennen. Neid ist daher ein wichtiger Werkstoff für die deutsche Politik. Er muss nur umbenannt werden: Statt dass der Politiker gemeinen Neid schürt, brennt er lieber für „soziale Gerechtigkeit“. Zur optimalen politischen Verwertung von Neid braucht es einen Anlass.

Die gegenwärtige Finanzkrise bietet sich dafür an. Also ist es folgerichtig, dass der politische Diskurs heute wieder von Debatten über die Umverteilung von Einkommen und Vermögen bestimmt wird. Dabei spielen drei Mythen eine besondere Rolle.

Der globale Kapitalismus ist an allem Schuld

Erster Mythos: Der globale Kapitalismus ist an allem Schuld. Tatsächlich hat die Öffnung der meisten Entwicklungsländer für Marktwirtschaft und Welthandel mehr zur Bekämpfung von Hunger und Armut in der Welt getan als alle Entwicklungshilfe. Zu besichtigen ist dies unter anderem im Wandel Chinas von maoistischer Hungerwirtschaft zum neuen Wachstumswunder oder im krassen Unterschied der Entwicklung von Süd- und Nordkorea. Jeder angehende Student der Volkswirtschaftslehre weiß, dass sich das Verhältnis von Kapital zu Arbeit und damit von Zins- zu Arbeitseinkommen verschieben muss, wenn über zwei Milliarden neuer Arbeitskräfte aus vorher abgeschirmten Volkswirtschaften am Welthandel teilnehmen. Etwas mehr Ungleichheit bei uns ist also der Preis dafür, dass es so vielen Menschen bessergeht. Teilt man die Länder der OECD nach dem Grad ihrer gegenwärtigen Einkommensverteilung (gemessen mit dem Gini-Koeffizienten) ein, so fällt auf, dass Länder mit eher ungleicher Verteilung seit Mitte der neunziger Jahre tendenziell etwas gleicher und solche mit eher gleicher Verteilung etwas ungleicher geworden sind. Trotz eines Anstiegs der Ungleichheit in dieser Zeit liegt Deutschland gegenwärtig immer noch unter dem OECD-Durchschnitt der Ungleichheit.

Zweiter Mythos: In einer Marktwirtschaft kann wirtschaftliche Gleichheit über das Steuersystem erzwungen werden. Tatsächlich ist die Leistungsfähigkeit der Menschen ungleich verteilt. Daher führt der wirtschaftliche Austausch am Markt zwangsläufig zu unterschiedlichen Einkommen. Werden die Ergebnisse marktwirtschaftlichen Handelns über das Steuersystem unterdrückt, wird die Funktionsfähigkeit einer Marktwirtschaft empfindlich gestört: Leistungsträger halten sich zurück oder wandern ab. Richtig verstandene Sozialpolitik in der Marktwirtschaft hilft den Schwachen, die über den Markt ihren Lebensunterhalt nicht verdienen können, und sie strebt an, dass alle ihre Leistungsfähigkeit unabhängig von ihrer Herkunft entfalten können.

Hohe Vermögen sind unsozial

Dritter Mythos: Hohe Einkommen und Vermögen sind unsozial. Tatsächlich ist das Kapital, das aus Einkommen und Vermögen gebildet wird, ein Grundpfeiler unseres Wohlstands. Viele Umverteilungspolitiker sehen dies auch und wollen betriebliche Einkommen und Vermögen teilweise von der Umverteilung befreien. Dabei übersehen sie aber, dass persönliches Einkommen und Vermögen, das über den Finanzsektor der Wirtschaft als Finanzkapital zur Verfügung gestellt wird, es Unternehmen erlaubt, Eigenkapital zu bilden oder Fremdkapital aufzunehmen. Unsozial ist also nur derjenige, der sein Einkommen und Vermögen zum eigenen Konsum verbraucht. Sozialpolitisch konsequent wäre daher nicht die Besteuerung des Einkommens oder Vermögens, sondern des Konsums. Sind die Steuersätze progressiv, würde jemand mit hoher Konsumneigung erheblich mehr Steuern zahlen als ein anderer mit gleichem Einkommen oder Vermögen, aber niedriger Konsumneigung, der durch die Bereitstellung von Kapital mehr zum allgemeinen Wohlstand beiträgt.

Im neunten und zehnten Gebot werden die Christen angehalten, nicht die materiellen oder immateriellen Dinge zu begehren, die ihr Nächster hat. Dies ist eine sehr weise Empfehlung, denn Neid macht nicht nur krank, sondern verringert auch die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft. Eine Politik, die Neidgefühle schürt, nützt nur einem, nämlich dem Politiker, der davon profitieren will. Natürlich soll es auch in unserer Wirtschaft gerecht zugehen. Aber es ist notwendig, genauer hinzusehen, was darunter zu verstehen ist. Dazu braucht man kein Wirtschaftsstudium. Es genügt schon, mal wieder einen Blick in die Bibel zu werfen.

Quelle: F.A.S.

 
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