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Mayers Weltwirtschaft : Vorsicht, Geschichtsklitterung!

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Viele Menschen machen den Neoliberalismus für die Finanzkrise und ihre Folgen verantwortlich. Das verdreht die Tatsachen.

          Kürzlich wurde ich gefragt, ob es denn stimme, dass ich mich als „Neoliberaler“ geoutet hätte. Das hatte ich tatsächlich, obwohl ich mich eigentlich als klassischer Liberaler verstehe. In unserer sozialdemokratisierten Gesellschaft qualifiziert sich ein Liberaler schnell für die Liste der „gefährlichen Bürger“, wenn er dem „liberal“ kein „sozial“ voranstellt. Denn für diese Gesellschaft ist es eine ausgemachte Sache, dass der „Neoliberalismus“ an der Finanzkrise schuld war. Dabei war es gerade die Verletzung klassischer liberaler Prinzipien, die das Schlamassel verursacht hat. Solange wir das nicht begreifen, werden wir da auch nicht wieder herauskommen.

          Im Verlauf der 1970er Jahre kam es zum keynesianischen Overkill. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die von John Maynard Keynes Mitte der 30er Jahre propagierte Feinsteuerung der Wirtschaft durch den Staat einen enormen Aufschwung. Keynes schien den Schlüssel zu einem von Rezessionen unbeeinträchtigten stetigen Wachstum der Wirtschaft gefunden zu haben. Doch mit der Popularität keynesianischer Politik wuchs auch der Staat, bis er so übermächtig wurde, dass er das Wachstum erdrosselte. Insbesondere die Vereinigten Staaten und Großbritannien, die sich dem Keynesianismus intensiv verschrieben hatten, landeten in der „Stagflation“. Mit dieser Wortschöpfung bezeichnete man die bisher nicht gekannte Kombination einer stagnierenden Wirtschaft mit galoppierender Inflation.

          Reagan und Thatcher stutzten den Staat zurück

          Die Misere brachte Anfang der 80er Jahre neue Politiker mit liberalen Ansichten auf den Plan, in Amerika Ronald Reagan und in Großbritannien Margaret Thatcher. Sie stutzten den Staat zurück, indem sie Steuern senkten und Regulierungen abbauten. Von diesen Fesseln befreit, erholte sich die Wirtschaft. Das Wachstum stieg und die Inflation fiel.

          Aber eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung stellt hohe Ansprüche an die Eigenverantwortlichkeit ihrer Mitglieder. In der archaischen Stammesgesellschaft und ihrem modernen Pendant, der Großorganisation, findet der Einzelne Schutz und Orientierung. Der Preis dafür ist die Beschränkung seiner persönlichen Freiheit. Frei sind dort nur die Anführer. Und weil das so ist, wird der Erfolg der Stammesgesellschaft oder Großorganisation wesentlich von der Klugheit ihrer Anführer bestimmt. Doch können Einzelne nie so klug sein wie die Gesamtheit freier Individuen. Ebendeshalb hat die freie Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung den höchsten Wohlstand gebracht, den die Menschheit je gesehen hat. Der verstorbene Wirtschaftshistoriker Angus Maddison hat den Anstieg des britischen realen Bruttoinlandsprodukts pro Kopf von Christi Geburt bis 1650, dem Beginn des Aufstiegs des Liberalismus, auf gut 50 Prozent taxiert. In den 360 Jahren danach stieg das reale BIP pro Kopf um rund 2470 Prozent.

          Als es ihnen gegen Ende der 80er Jahre wieder besserging, empfanden viele Wähler die mit individueller Freiheit verbundene Eigenverantwortung als bedrohlich. Eine Rückkehr in die Staatswirtschaft der 70er Jahre war aber unerwünscht, da die Erinnerungen an die damalige Misere noch frisch waren. Dies brachte findige Politikberater und Politiker auf die Idee, einen „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und dem durch den Liberalismus ermöglichten Kapitalismus vorzuschlagen.

          Der fatale „Dritte Weg“

          Die Wirtschaft sollte sich frei entfalten können, solange alles gutging, aber der Staat sollte schützend eingreifen, wenn Rückschläge drohten. Der Dritte Weg, für den in Amerika Bill Clinton und in Großbritannien Tony Blair standen, sollte die beste aller Welten schaffen: Wachstum wie im Kapitalismus und Absicherung wie im Sozialismus, sozusagen die organisierte liberale Gesellschaft. Doch die Entkoppelung von Freiheit und Verantwortung führt zur Überwälzung der Kosten individuellen Handelns auf die Allgemeinheit.

          Besonders krass wurde dies im Finanzbereich praktiziert, wo im Aufschwung der Märkte die Gewinne von den Akteuren eingestrichen und im Abschwung mit anschließender Finanzkrise die Verluste an die Allgemeinheit weitergereicht werden konnten. Gelernt wurde daraus leider nichts. Statt die fatalen Folgen der organisierten Verantwortungslosigkeit des Dritten Wegs zu erkennen, halten viele Leute den „Neoliberalismus“ für den Schuldigen. Folglich suchen sie das Heil in einem stärkeren Staat, der sie beschützt und ihnen die Richtung weist. Damit geben sie nachträglich Friedrich von Hayek recht, der Anfang der 80er Jahre meinte, dass diejenigen den Trend zum Sozialismus am meisten stärkten, die behaupteten, dass sie weder den Kapitalismus noch den Sozialismus, sondern lieber einen Dritten Weg gehen wollten.

          Quelle: F.A.S.

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