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Mayers Weltwirtschaft Von Marx zu Bismarck

Wie China sein Wirtschaftssystem besser ausbalancieren kann.

© Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt.

Die neue chinesische Führung hat bekräftigt, den bestehenden Fünfjahresplan für die Wirtschaft entschlossen weiterzuverfolgen. Dieser sieht eine Stärkung der heimischen Nachfrage durch höheres Lohnwachstum und einen Ausbau der Sozialversicherung vor. Komplementär dazu soll die Ausrichtung der Produktion vom Export weg zur Befriedigung der heimischen Nachfrage hin verschoben werden. Wie ihre Vorgänger scheinen auch die Herren Xi und Li den Wert und die Grenzen von Karl Marx’ Analyse der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals zu verstehen und zu beherzigen.

Die Löhne bleiben zunächst zurück 

In Band I seines Hauptwerks beschreibt der Altmeister der Entwicklungsökonomik am Beispiel Englands im frühen neunzehnten Jahrhundert die Konsequenzen der Industrialisierung. Werden die aus der Landwirtschaft kommenden Arbeitskräfte in der Industrie an Maschinen gesetzt, so steigt ihre Produktivität sprunghaft an. Solange der Zustrom vom Lande anhält, bleiben die Löhne hinter dem Anstieg der Produktivität zurück. Dem gestiegenen Angebot fehlt also die Nachfrage. So weit die korrekte Analyse. Davon ausgehend prognostizierte Marx allerdings die Verelendung der Arbeiter und die Revolution des Proletariats. Wie wir wissen, kam es anders.

Einen ganz ähnlichen Einfluss auf das Verhältnis der Produktivität zu den Löhnen wie im England des neunzehnten Jahrhunderts hatte die Industrialisierung auch in China seit dessen Öffnung durch Deng Xiaoping im Laufe der achtziger Jahre. Auch China schlug und schlägt sich noch mit Überproduktion herum. Um die von Marx prognostizierten Konsequenzen der Überschussproduktion zu vermeiden, exportierte England im neunzehnten Jahrhundert viele überzählige Arbeitskräfte nach Amerika, Asien und Australien. Da heute massenhafte Auswanderung nicht möglich ist, plaziert China statt der überzähligen Arbeitskräfte die überschüssige Produktion auf dem Weltmarkt. Dank dieses Sicherheitsventils konnten die Herren Chinas bislang den für Kommunisten besonders peinlichen Umstand vermeiden, von einer Revolution hinweggefegt zu werden.

Jetzt geht es um die Stärkung der Kaufkraft

Natürlich kann diese Strategie nur so lange gutgehen, wie der Weltmarkt aufnahmefähig bleibt. Mit der Finanzkrise wurde die Möglichkeit, hohe Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen zu finanzieren, aber deutlich geringer. Um nicht am Ende doch noch von der Marxschen Prognose eingeholt zu werden, machen sich die chinesischen Wirtschaftsplaner nun an die Stärkung der heimischen Kaufkraft. Auch dazu bietet ihnen die Geschichte reichlich Lehrstoff. Mit der Bismarckschen Sozialgesetzgebung von 1883/84 und dem Entstehen der Sozialdemokratie begann die Emanzipation der Arbeiter in Europa. Folgerichtig sieht der neue chinesische Fünfjahresplan nun den Ausbau der Sozialversicherung und die Erhöhung der Löhne vor.

In Europa bereitete diese Phase der Entwicklung einige Schwierigkeiten. So schlug im Großbritannien der Nachkriegszeit das Pendel zu stark auf die Seite der Arbeitnehmer aus, in den siebziger Jahren kam die Wirtschaft daher fast zum Erliegen. Dies verschaffte Margaret Thatcher das politische Mandat, die Macht der Gewerkschaften zu brechen. Ihre Politik der Deregulierung leitete einen Wechsel des Wachstumstreibers vom Industrie- zum Dienstleistungssektor ein. In Deutschland führte das Stottern der Wirtschaft zu einem mehr oder weniger heimlichen Bündnis der Sozialpartner zur Verteidigung der Position als „Exportweltmeister“.

Inzwischen beklagt man in Großbritannien den Niedergang der Industrie, während wir uns mit Abschreibungen auf die Kredite herumschlagen, die wir zur Finanzierung unserer Exportüberschüsse gewährt haben. Beide Probleme will China mit einer vorsichtigen Verlagerung der Gewichte vermeiden. Ziel ist ein „magische Dreieck“: Vollbeschäftigung, Preisstabilität und außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte spricht für die Erreichung dieser Ziele. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass dies aber nicht von Dauer sein dürfte.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 01.12.2012, 15:45 Uhr

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