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Mayers Weltwirtschaft Unselige Formel

Die Geldpolitik folgt zu sehr der sogenannten Taylor-Regel. Das ist fatal.

© Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt.

Die Zentralbanken beschäftigen eine große Zahl von Volkswirten, die sich in unzähligen Papieren den Kopf darüber zerbrechen, wie und auf der Basis welcher Daten die Geldpolitik gestaltet werden soll. Weitere Volkswirte analysieren die ausgewählten Daten und machen mit Hilfe dieser Analysen Vorhersagen. Hochkarätig besetzte Zentralbankräte entscheiden anhand der Analysen und Prognosen nach stundenlangen Diskussionen über die Veränderung von Leitzinsen und anderen geldpolitischen Instrumenten, um die in ihrem Mandat niedergelegten Ziele zu erreichen.

Ein komplizierter Prozess in nur einer Formel

Das alles sieht so komplex und kompliziert aus, dass Banken weitere Scharen von Volkswirten beschäftigen, um die Analysen und Kommentare ihrer Kollegen in den Zentralbanken zu interpretieren. Es herrschte daher zunächst ungläubiges Staunen, als der amerikanische Ökonom John Taylor 1993 behauptete, der ganze komplizierte Prozess der Entscheidungsfindung könne in einer einzigen mathematischen Gleichung mit vier erklärenden Variablen beschrieben werden.

Nach seiner Regel ergibt sich der aktuelle nominale Leitzins als Summe aus seinem langjährigen realen Durchschnitt, der erwarteten Inflationsrate, der halben Abweichung der tatsächlichen Inflationsrate vom Ziel und der halben Abweichung des tatsächlichen realen Bruttoinlandsprodukts von seinem Potential. Doch das Staunen verging schnell, als empirische Analysen für eine Zentralbank nach der anderen die Regel als Erklärung für die Zinspolitik bestätigten. So einfach also ist die Geldpolitik! Oder sollte man sagen: So einfach macht es sich die Geldpolitik? Und muss man nicht fragen: Darf es sich die Geldpolitik so einfach machen? Mindestens seit Beginn der Finanzkrise wissen wir, dass die Antwort auf diese Frage „nein“ lauten muss.

Inflation richtig zu messen ist schwer

Wie ich an den vergangenen Sonntagen ausgeführt habe, bereitet schon die Ermittlung der Bestimmungsvariablen für die Zinsregel große Schwierigkeiten. Inflation wird subjektiv erfahren und lässt sich nicht objektiv richtig messen. Die Statistik kann daher nicht wirklich erfassen, wie es um die Kaufkraft jedes Einzelnen steht. Noch schwieriger ist die Messung der Abweichung des BIP von seinem Potentialwert, der sogenannten Produktionslücke. Am aktuellen Rand sind die Messwerte so unscharf, dass sie nicht zu gebrauchen sind. Auch wenn die Regel die Zusammenhänge der Variablen korrekt widergeben würde, wäre mit ihr wegen der Unschärfe in der Messung der Bestimmungsvariablen das Ergebnis für den Zins höchst zweifelhaft. Im englischen Sprachgebrauch beschreibt man eine solche Rechnung mit der Redewendung „garbage in - garbage out“.

Aber es kommt noch schlimmer: Die Zinsregel stellt eine unzulässige Verkürzung der wirtschaftlichen Zusammenhänge dar. Die Absicht der Geldpolitik ist es, die Inflationsrate am Zielwert zu halten. In der Regel soll dazu der Zins nicht nur verändert werden, wenn die Inflation von ihrem Ziel abweicht, sondern auch wenn das Bruttoinlandsprodukt von seinem Potentialwert entfernt ist. Dabei soll diese Produktionslücke als Frühindikator für die künftige Inflation dienen. Dies kann sie aber nur, wenn sie mit der Inflation in einem stabilen Zusammenhang steht, wie es die sogenannte Phillipskurve behauptet. Alle mir dazu bekannten empirischen Studien weisen aber auf einen gefährlichen Mangel an Stabilität dieser Kurve hin. Grund dafür dürfte sein, dass die Bestimmungsgründe der Inflation viel komplexer sind als in der einfachen Kurve behauptet. Außer der Produktionslücke üben auch die Entwicklungen der Geldversorgung und Finanzpreise ihren Einfluss aus. Eine Inflationstheorie, die diese Entwicklungen ausblendet, muss unvollständig bleiben und kann daher nicht zur Prognose taugen.

Man kann sich nur darüber wundern, dass viele Volkswirte zwar die Mängel dieser Theorie zugeben, sich aber dennoch ohne Bedenken auf mit dieser Theorie erstellte Prognosen stützen. Für eine Zinspolitik der Zentralbanken nach der Taylor-Regel muss das Urteil noch kritischer ausfallen: Zinsentscheidungen werden auf der Basis fehlerhafter Eingangsdaten nach einer höchst mangelhaften Regel getroffen. Kein Wunder, dass die nach dieser Regel verfahrenden Zentralbanken kräftig zum Entstehen der Kreditblase beigetragen haben und von der Finanzkrise völlig überrascht wurden.

Man sollte erwarten, dass nach dem Platzen der Kreditblase und Ausbruch der Finanzkrise ein Umdenken eingesetzt hätte. Erstaunlicherweise ist dies aber keineswegs der Fall. Die Rufe der wenigen Kritiker dieser Politik, darunter die Bank für internationalen Zahlungsausgleich - verhallen ungehört - vermutlich bis zur nächsten Krise.

Quelle: F.A.S.

 
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