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Mayers Weltwirtschaft Und jetzt Japan?

Bislang ist das asiatische Land von der Krise seltsam unberührt geblieben. Doch das könnte sich ändern.

© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes.

Wie ein Schwelbrand hat sich die Finanzkrise durch die überschuldete Welt gefressen. Was 2007 im unteren Bereich des amerikanischen Hypothekenmarkts begann, hat sich seither zur transatlantischen Banken- und Staatsschuldenkrise ausgeweitet. Seltsam unberührt davon ist Japan geblieben, obwohl die einschlägigen Kennzahlen dort noch schlimmer aussehen als in Europa oder den Vereinigten Staaten. Für dieses Jahr schätzt die OECD das japanische Staatsdefizit auf knapp 10 Prozent des BIP und die Staatsschuldenquote auf 214 Prozent. Die Wirtschaft ist seit 2007 im Schnitt um 0,2 Prozent pro Jahr geschrumpft, und die Banken sind, wie in Europa, die größten Gläubiger des überschuldeten Staats. Dennoch sind die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen im Verlauf dieses Jahres auf 0,7 Prozent gefallen. Wir haben uns daran gewöhnt, Japan wie Karl den Kojoten in der Luft über dem Abgrund strampeln zu sehen. Doch sein Fall könnte in nicht allzu ferner Zukunft kommen.

Zwei große Brandschutzmauern haben Japan bislang vor der Finanzkrise geschützt: Eine hohe private Ersparnis und die ausgeprägte Neigung des privaten Sektors, diese Ersparnisse in japanischen Staatsanleihen anzulegen. Über viele Jahre waren Japans private Ersparnisse weit größer als der Finanzbedarf der öffentlichen Hand. So kam es, dass die Inländer nicht nur die Defizite des Staates zu extrem günstigen Zinsen, sondern auch noch hohe Überschüsse der Leistungsbilanz finanzieren konnten.

Japans Schutzmauer vor der Krise bröckelt

Inzwischen bröckeln die Brandschutzmauern aber. Der Leistungsbilanzüberschuss, der 2007 noch 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen hat, wird dieses Jahr wohl auf rund ein Prozent fallen; seit dem zweiten Quartal 2011 steckt die Handelsbilanz im Defizit. Neue Berechnungen von Takeo Hoshi und Takatoshi Ito zeigen zudem, dass ohne eine umfassende Konsolidierung der Staatsfinanzen die Staatsschuld das private Anlagevermögen in spätestens zehn Jahren übersteigen und der japanische Staat dann auf ausländische Kapitalgeber angewiesen sein wird. Wenn diese dann höhere Zinsen verlangen, könnte, wie heute im Euroraum zu besichtigen, die Solvenz des Staates und der Banken, die 39 Prozent der Staatsschuld halten, in Frage gestellt werden. Allein diese Aussicht könnte die japanischen Anleger veranlassen, Schuldtitel ihres Staates zu meiden und so vor Ablauf der Zehnjahresfrist die Staatsschulden- und Bankenkrise auszulösen.

Zwei Umstände könnten dies beschleunigen. Erstens ist im Zuge der Alterung der Bevölkerung die private Sparquote von 14 Prozent zu Anfang der neunziger Jahre auf weniger als zwei Prozent gefallen. Heute ist im Wesentlichen der Unternehmenssektor für die Überschussersparnis verantwortlich. Unternehmen disponieren aber sehr viel flexibler als private Haushalte. Solange Deflation herrscht und der Yen stark bleibt, ist es für viele Unternehmen lukrativ, ihre Überschüsse zu positiven Realzinsen über die Banken in Staatsanleihen anzulegen. Wenn sich dies ändert, können die Anlagegelder aber schnell ins Ausland abfließen.

Forderung nach einer lockereren Geldpolitik

Zweitens hat der Kandidat der Oppositionspartei für die Wahlen am 16. Dezember, Shinzo Abe, eine wesentlich leichtere Geldpolitik gefordert. Sein Ziel ist es, den Yen zu schwächen und die Inflationsrate auf zwei bis drei Prozent zu heben, um die Wirtschaft anzukurbeln. Da zu erwarten ist, dass Abe die Wahl gewinnt, sind seine Forderungen ernst zu nehmen. Um diese durchzusetzen, kann er nicht nur über die Gesetzgebung die Unabhängigkeit der Bank von Japan einschränken, sondern auch den konservativen Gouverneur der Bank, Masaaki Shirakawa, sowie einige Direktoren, deren Amtszeit Anfang nächsten Jahres ausläuft, durch ihm genehme Kandidaten ersetzen.

Ein Anstieg der Inflation könnte die Zinsen auf die japanische Staatsschuld deutlich steigen lassen oder die Bank von Japan zwingen, den Markt massiv zu stützen. Im ersten Fall würden nicht nur die Zinsausgaben des Staates in die Höhe schießen, sondern auch die Banken zu Abschreibungen auf ihre Bestände an Staatsanleihen gezwungen werden. Nach Schätzungen der Bank von Japan würde ein Anstieg der Rendite um einen Prozentpunkt zu einem Verlust von 12 Prozent des (Tier 1) Eigenkapitals der Banken führen. Dies entspricht etwa dem Doppelten des Gewinns vor Steuer im Geschäftsjahr 2009/10. Wie in den Problemländern des Euroraums könnten die Wechselwirkungen zwischen steigenden Zinsen, Staatsschulden, Bankbilanzen und Realwirtschaft zu einer schweren Finanzkrise und tiefen Rezession führen. Im zweiten, wohl wahrscheinlicheren Fall, könnte eine durch negative Realzinsen ausgelöste Kapitalflucht den Yen abstürzen lassen. Wie dem Kojoten nach dem Sturz die Felsbrocken würde dem Land dann die Währung auf den Kopf fallen.

Quelle: F.A.S.

 
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