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Veröffentlicht: 22.06.2013, 14:30 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Türkischer Winter

Mit seiner unnachgiebigen Haltung riskiert Erdogan nicht nur politischen, sondern auch wirtschaftlichen Schaden.

Die Wirtschaft der Türkei hat sich im Verlauf der vergangenen zehn Jahre in beeindruckender Weise entwickelt. Seit 2002 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einer Jahresrate von etwas mehr als 5 Prozent. In den vier Jahren davor hatte die Wachstumsrate gerade mal 1,6 Prozent betragen. Gleichzeitig ging die Inflation auf eine Jahresrate von 13,4 Prozent zurück, nachdem sie in den vier Jahren vorher im Schnitt bei 69,1 Prozent pro Jahr gelegen hatte. Nur die Arbeitslosigkeit sank eher moderat von 10,6 Prozent im Jahr 2002 auf 9,0 Prozent in 2012.

Auch politisch schien sich das Land zu emanzipieren. Die Regierungspartei AKP widersetzte sich zwar dem von Atatürk, dem Vater der modernen Türkei, begründeten Zwang zur Säkularisierung und wollte, dass der islamische Glaube auch Ausdruck im öffentlichen Leben finden sollte. Aber sie verfolgte dieses Ziel in einer demokratischen und moderaten Weise.

Die Wähler honorierten die von der Regierung erzielten wirtschaftlichen Erfolge und gaben der AKP bei den Parlamentswahlen immer mehr Stimmen. Nach 34,4 Prozent bei ihrem ersten Wahlerfolg im Jahr 2002 erzielte die AKP 46,6 Prozent im Jahr 2007 und schließlich 49,8 Prozent in 2011. Als im arabischen Frühling die Bürger in Nordafrika reihenweise autoritäre Regime wegfegten, wurde ihnen die Türkei als Modell eines aufgeklärten islamischen Staats empfohlen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Wochen sind die Erfolge des Landes nun von politischer als auch wirtschaftlicher Seite her gesehen fraglich geworden.

Erdogan war nicht immer Demokrat

Folgt man den Handlungen und Reden von Premierminister Erdogan seit Beginn der Auseinandersetzungen um den Istanbuler Gezi Park, so wird man an den Politiker zu Beginn seiner Karriere erinnert. Dieser war 1998 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er bei einem öffentlichen Auftritt aus einem islamischen Gedicht zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Minarette sind unsere Bajonette, ... die Moscheen sind unsere Kasernen.“ Die Frage, inwieweit dieses Zitat die Einstellung des jungen Erdogan widerspiegelte und ob sich der reifere Erdogan gewandelt hat, ist nicht nur von politischem, sondern auch wirtschaftlichem Interesse. Denn die beeindruckenden Erfolge der türkischen Wirtschaft sind mit einer erheblichen Ausweitung der internen und externen Verschuldung erkauft worden, die das Land verwundbar machen.

Zwar ging die Staatsverschuldung während der Regierungszeit der AKP zurück und liegt gegenwärtig bei nur rund 35 Prozent des BIP. Aber das Verhältnis von ausstehenden Bankkrediten zum Bruttoinlandsprodukt stieg von 0,5 im Jahr 2002 auf 2,1 im ersten Quartal dieses Jahres. Wie in manchen Ländern Südeuropas finanzierte der rasante Anstieg der Kredite einen Boom der Bauwirtschaft, der zu einem Anstieg der Häuserpreise um 38 Prozent seit Anfang 2010 führte. Auch trug die Kreditausweitung zu einem erheblichen Teil zu der rasanten Verschlechterung der außenwirtschaftlichen Leistungsbilanz bei. Diese verzeichnete zu Beginn des Jahres 2002 noch einen leichten Überschuss, wies aber im ersten Quartal 2013 ein Defizit von 7,2 Prozent des BIP auf. Der überwiegende Teil dieses Defizits wird durch mobiles Finanzkapital finanziert. So betrugen die Nettokapitalimporte in die Türkei in Form von Portfolioinvestitionen und Bankkrediten im ersten Quartal dieses Jahres 5,0 Prozent des BIP.

Die Nervosität in den Schwellenländern steigt

Seit die amerikanische Fed eine mögliche Verringerung ihrer Käufe von Staats- und Hypothekenanleihen signalisiert hat, sind die Märkte nervös geworden. Insbesondere die Finanzmärkte der früher von den Anlegern so umworbenen Schwellenländer, die scheinbar sichere, aber höherverzinsliche Anlagen boten, haben gelitten. Da das Vertrauen in den amerikanischen Aufschwung steigt und sich auch die mittelfristigen Aussichten für die Vereinigten Staaten verbessern, steigt die Erwartung höherer amerikanischer Zinsen. Gleichzeitig kommen Zweifel an den Wachstumsaussichten der Schwellenländer auf, in denen politische und wirtschaftliche Reformen ins Stocken gekommen sind.

Die Furcht geht um, dass die Zweifel an der Attraktivität der Schwellenländer und eine mäßigere Geldversorgung der Welt durch die Fed den Geldfluss in diese Länder beeinträchtigen könnten. Insbesondere Länder wie die Türkei, die zur Finanzierung ihrer außenwirtschaftlichen Defizite dringend auf diese Flüsse angewiesen sind, aber Anleger wegen steigender politischer Risiken abschrecken, könnten von diesen Geldflüssen abrupt abgeschnitten werden. Eine Kreditkrise und wirtschaftliche Rezession wären die Folgen. Mit seiner unnachgiebigen Haltung riskiert der türkische Premierminister daher nicht nur großen politischen, sondern auch wirtschaftlichen Schaden.

Quelle: F.A.S.

 

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