Home
http://www.faz.net/-gqe-7acpv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Risikoabsicherung

Mayers Weltwirtschaft Türkischer Winter

Mit seiner unnachgiebigen Haltung riskiert Erdogan nicht nur politischen, sondern auch wirtschaftlichen Schaden.

Die Wirtschaft der Türkei hat sich im Verlauf der vergangenen zehn Jahre in beeindruckender Weise entwickelt. Seit 2002 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einer Jahresrate von etwas mehr als 5 Prozent. In den vier Jahren davor hatte die Wachstumsrate gerade mal 1,6 Prozent betragen. Gleichzeitig ging die Inflation auf eine Jahresrate von 13,4 Prozent zurück, nachdem sie in den vier Jahren vorher im Schnitt bei 69,1 Prozent pro Jahr gelegen hatte. Nur die Arbeitslosigkeit sank eher moderat von 10,6 Prozent im Jahr 2002 auf 9,0 Prozent in 2012.

Auch politisch schien sich das Land zu emanzipieren. Die Regierungspartei AKP widersetzte sich zwar dem von Atatürk, dem Vater der modernen Türkei, begründeten Zwang zur Säkularisierung und wollte, dass der islamische Glaube auch Ausdruck im öffentlichen Leben finden sollte. Aber sie verfolgte dieses Ziel in einer demokratischen und moderaten Weise.

Die Wähler honorierten die von der Regierung erzielten wirtschaftlichen Erfolge und gaben der AKP bei den Parlamentswahlen immer mehr Stimmen. Nach 34,4 Prozent bei ihrem ersten Wahlerfolg im Jahr 2002 erzielte die AKP 46,6 Prozent im Jahr 2007 und schließlich 49,8 Prozent in 2011. Als im arabischen Frühling die Bürger in Nordafrika reihenweise autoritäre Regime wegfegten, wurde ihnen die Türkei als Modell eines aufgeklärten islamischen Staats empfohlen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Wochen sind die Erfolge des Landes nun von politischer als auch wirtschaftlicher Seite her gesehen fraglich geworden.

Erdogan war nicht immer Demokrat

Folgt man den Handlungen und Reden von Premierminister Erdogan seit Beginn der Auseinandersetzungen um den Istanbuler Gezi Park, so wird man an den Politiker zu Beginn seiner Karriere erinnert. Dieser war 1998 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er bei einem öffentlichen Auftritt aus einem islamischen Gedicht zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Minarette sind unsere Bajonette, ... die Moscheen sind unsere Kasernen.“ Die Frage, inwieweit dieses Zitat die Einstellung des jungen Erdogan widerspiegelte und ob sich der reifere Erdogan gewandelt hat, ist nicht nur von politischem, sondern auch wirtschaftlichem Interesse. Denn die beeindruckenden Erfolge der türkischen Wirtschaft sind mit einer erheblichen Ausweitung der internen und externen Verschuldung erkauft worden, die das Land verwundbar machen.

Zwar ging die Staatsverschuldung während der Regierungszeit der AKP zurück und liegt gegenwärtig bei nur rund 35 Prozent des BIP. Aber das Verhältnis von ausstehenden Bankkrediten zum Bruttoinlandsprodukt stieg von 0,5 im Jahr 2002 auf 2,1 im ersten Quartal dieses Jahres. Wie in manchen Ländern Südeuropas finanzierte der rasante Anstieg der Kredite einen Boom der Bauwirtschaft, der zu einem Anstieg der Häuserpreise um 38 Prozent seit Anfang 2010 führte. Auch trug die Kreditausweitung zu einem erheblichen Teil zu der rasanten Verschlechterung der außenwirtschaftlichen Leistungsbilanz bei. Diese verzeichnete zu Beginn des Jahres 2002 noch einen leichten Überschuss, wies aber im ersten Quartal 2013 ein Defizit von 7,2 Prozent des BIP auf. Der überwiegende Teil dieses Defizits wird durch mobiles Finanzkapital finanziert. So betrugen die Nettokapitalimporte in die Türkei in Form von Portfolioinvestitionen und Bankkrediten im ersten Quartal dieses Jahres 5,0 Prozent des BIP.

Die Nervosität in den Schwellenländern steigt

Seit die amerikanische Fed eine mögliche Verringerung ihrer Käufe von Staats- und Hypothekenanleihen signalisiert hat, sind die Märkte nervös geworden. Insbesondere die Finanzmärkte der früher von den Anlegern so umworbenen Schwellenländer, die scheinbar sichere, aber höherverzinsliche Anlagen boten, haben gelitten. Da das Vertrauen in den amerikanischen Aufschwung steigt und sich auch die mittelfristigen Aussichten für die Vereinigten Staaten verbessern, steigt die Erwartung höherer amerikanischer Zinsen. Gleichzeitig kommen Zweifel an den Wachstumsaussichten der Schwellenländer auf, in denen politische und wirtschaftliche Reformen ins Stocken gekommen sind.

Die Furcht geht um, dass die Zweifel an der Attraktivität der Schwellenländer und eine mäßigere Geldversorgung der Welt durch die Fed den Geldfluss in diese Länder beeinträchtigen könnten. Insbesondere Länder wie die Türkei, die zur Finanzierung ihrer außenwirtschaftlichen Defizite dringend auf diese Flüsse angewiesen sind, aber Anleger wegen steigender politischer Risiken abschrecken, könnten von diesen Geldflüssen abrupt abgeschnitten werden. Eine Kreditkrise und wirtschaftliche Rezession wären die Folgen. Mit seiner unnachgiebigen Haltung riskiert der türkische Premierminister daher nicht nur großen politischen, sondern auch wirtschaftlichen Schaden.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vor Parlamentswahl Özdemir vergleicht Erdogan mit Putin

Vor der Parlamentswahl in der Türkei hat Cem Özdemir harsche Kritik an Präsident Recep Tayyip Erdogan geübt. Türken in Deutschland gibt der Vorsitzende der Grünen eine Wahlempfehlung. Mehr

29.05.2015, 07:44 Uhr | Politik
Nachgefragt Was ist das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP?

Es steigt, es fällt, es regiert die Welt: Das Bruttoinlandsprodukt ist das Maß aller Dinge. Doch was ist das BIP überhaupt? Mehr

24.02.2015, 09:21 Uhr | Wirtschaft
Konferenz für Wiederaufbau Kobane in Trümmern

Der Islamische Staat ist vertrieben, aber nach fünf Monaten Schlacht gleicht die Kurden-Stadt Kobane einer großen Ruine. Nun wird der Wiederaufbau organisiert. Die Türkei zögert bei einer zentralen Frage. Mehr Von Rainer Hermann

17.05.2015, 17:13 Uhr | Politik
Syrien Flüchtlinge suchen Neubeginn in der Türkei

In die türkische Mittelmeerstadt Mersin sind seit Beginn des Bürgerkriegs im benachbarten Syrien bis zu 350.000 Menschen geflüchtet. Eine Hilfsorganisation unterstützt sie dabei, ihr Leben aus dem Nichts neu aufzubauen. Mehr

31.03.2015, 12:41 Uhr | Gesellschaft
Eklat in Türkei Erdogan verhindert Ehrung für amerikanischen Journalisten

Recep Tayyip Erdogan hat ein weiteres Mal bewiesen, wie wenig ihm an kritischer Berichterstattung gelegen ist. Dieses Mal traf der Zorn des türkischen Präsidenten einen amerikanischen Journalisten. Mehr

27.05.2015, 15:15 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.06.2013, 14:30 Uhr

Trübe Zukunft von RWE

Von Carsten Knop

Die Finanzindustrie war in der Krise systemrelevant und der Staat musste die Commerzbank retten. Die Ewigkeitskosten der Atomkraft lassen bald die Energieriesen straucheln. Da liegt der gedankliche Sprung zur Verstaatlichung von RWE nicht mehr fern. Mehr 32 14


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Job ist nicht gleich Job

Seit Jahren geht in Deutschland die Arbeitslosigkeit zurück. Das wären doch meist nur befristete Stellen, wenden Kritiker ein. Ist das so? Und wie ist es woanders? Mehr 0