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Veröffentlicht: 24.11.2012, 15:20 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Sparen wir Südeuropa kaputt?

Das wird immer wieder behauptet, vor allem in Griechenland. Aber es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Sparprogramme dem Wachstum immer schaden.

von Thomas Mayer
© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Der Defizitabbau in den überschuldeten Euroländern findet nicht nur Anhänger. Kritiker warnen eindringlich vor einer Politik des „Kaputtsparens“. Verringere der Abbau des Staatsdefizits das Bruttoinlandsprodukt in gleichem Maße oder gar überproportional, so das Argument, dann schrumpfe nur die Wirtschaft, ohne dass sich eine Verbesserung der Defizit- oder Schuldenquote ergeben würde.

In seinem neuen World Economic Outlook liefert der Internationale Währungsfonds (IWF) diesen Kritikern neue Munition, indem er behauptet, dass der Effekt der Konsolidierung der Staatsfinanzen auf das Wachstum der Wirtschaft weit höher ist als bisher angenommen. Doch steht sowohl das Argument des „Kaputtsparens“ als auch die empirische Evidenz dafür auf tönernen Füßen.

Nehmen wir den Fall eines Landes (Spanien ähnlich) mit einem Defizit von 100 Milliarden Euro und einem Bruttoinlandsprodukt von einer Billion Euro. Das Verhältnis von Defizit zu Bruttoinlandsprodukt, die Defizitquote, beträgt also 10 Prozent. Nun verlangen wir, dass das Land diese Defizitquote um 5 Prozentpunkte oder 50 Milliarden Euro reduziert. In der Vergangenheit nahm der IWF an, dass dadurch das Bruttoinlandsprodukt um etwa die Hälfte der Verringerung der Defizitquote sinken würde, also um 2,5 Prozent oder 25 Milliarden Euro. Die neue Defizitquote würde nun 50 geteilt durch 975 Milliarden Euro, also 5,1 Prozent, und der Rückgang des BIP 2,5 Prozent betragen.

Eine neue Studie des IWF

In seiner neuen Studie kommt der IWF nun zu dem Schluss, dass er in der Vergangenheit den „Multiplikator“ zwischen Änderungen der Defizitquote und des BIP unterschätzt hat. Der wahre Multiplikator liege nicht bei 0,5 sondern zwischen 0,9 und 1,7. Nehmen wir den Mittelwert dieser Schätzung, dann würde eine Verringerung der Defizitquote um 5 Prozentpunkte das Bruttoinlandsprodukt um 6,5 Prozent oder 65 Milliarden verringern. In diesem Fall wäre die neue Defizitquote 5,3 Prozent, kaum höher als vorher. Durch den Rückgang des BIP kann es aber zu Steuerausfällen kommen, die das Defizit wieder steigen lassen. Doch müssten die Steuerausfälle stolze 43,5 Milliarden betragen, damit die Defizitquote bei 10 Prozent verharrt. Um einen so großen Effekt zu erzeugen, brauchte es aber eine völlig überzogene Steuerquote von 67 Prozent. Nehmen wir eine Steuerquote von 50 Prozent an, dann kommt es in unserem Beispiel zu Steuerausfällen von 32,5 Milliarden, die wir von den Einsparungen von 50 Milliarden abziehen müssten. Die Defizitquote würde daher auf 8,8 Prozent sinken. Für einigermaßen realistische Steuerquoten und Multiplikatoren ist es also unwahrscheinlich, dass Budgeteinsparungen die Defizitquoten unverändert lassen.

Ein höherer Multiplikator würde dennoch eine Politik der Haushaltskonsolidierung erschweren. Es ist aber umstritten, ob der IWF mit seiner neuen Schätzung recht hat. Der Währungsfonds kommt zu seinem Ergebnis, indem er die Erfahrung von 38 Ländern statistisch auswertet. In ihrer Herbstprognose hat die EU-Kommission die gleiche Methode auf andere Ländergruppen angewendet und herausgefunden, dass der Multiplikator gerade für die Defizitländer des Eurogebiets nicht gestiegen ist. Nach Schätzungen der Kommission liegt er nach wie vor zwischen 0,3 und 0,7, also im Mittel bei dem vom IWF ursprünglich angenommenen Wert von 0,5. Die Analyse der Kommission legt nahe, dass die Kritik des „Kaputtsparens“ besonders auf die Defizitländer nicht zutrifft.

Überzeugende Reformen statt zu schnellem Sparen

Dennoch sind Sparanstrengungen sehr schmerzhaft und schüren politischen Widerstand, wie die Welle der Streiks in den Problemländern Anfang November gezeigt hat. Es wäre also wünschenswert, wenn die Sparanstrengungen verringert oder wenigstens über einen längeren Zeitraum gestreckt werden könnten. Idealerweise sollten die Länder dafür so überzeugende Reformen einleiten, dass jeder Zweifel der Kapitalmärkte an der Rückzahlung von Krediten ausgeräumt ist. Dann könnten höhere Defizite über einen längeren Zeitraum finanziert werden. Lassen sich die Kapitalmärkte jedoch nicht überzeugen, dann bleiben im Prinzip noch die finanziell stärkeren Länder der Währungsunion oder die Europäische Zentralbank als Quelle für neue Kredite.

Da aber in den finanziell stärkeren Ländern die Abneigung gegen weitere Kredite an die schwächeren Länder inzwischen ähnlich hoch ist wie der Widerstand dort gegen das Sparen, würde die Aufgabe der Finanzierung faktisch der EZB zufallen. Die Kritiker der Sparpolitik hätten sehr wahrscheinlich kein Problem mit dieser Lösung. Der Einsatz der Zentralbank zur monetären Finanzierung von Staatsdefiziten würde aber mit der Zeit die Glaubwürdigkeit der europäischen Einheitswährung als Mittel zur Aufbewahrung von Ersparnissen zerstören. Größer als die Gefahr des Kaputtsparens der Wirtschaft ist also die der staatlichen Kaputtfinanzierung des Euro durch die EZB.

Quelle: F.A.S.

 

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