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Mayers Weltwirtschaft Seltsame Preise

Die Erklärung, wie Inflation entsteht, ist höchst umstritten. Das hat Folgen.

© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes.

Unsere Zentralbanken haben den Auftrag, für Preisstabilität zu sorgen. Dazu haben sich die meisten ein Ziel für die Inflationsrate gesetzt, die zum Beispiel im Euroraum unter, aber nahe bei zwei Prozent liegen soll. Vergangenen Sonntag habe ich ausgeführt, dass die Messung von Inflation mit großen Schwierigkeiten verbunden ist und es daher keineswegs sicher ist, dass „Preisstabilität“ erreicht ist, wenn die Zentralbank ihr Inflationsziel trifft. Noch problematischer als die Übersetzung ihres Auftrags in ein Inflationsziel ist die Methode, mit der die Zentralbanken dieses Ziel erreichen wollen. Denn dazu braucht es eine Erklärung, wie Inflation entsteht. Und die ist höchst umstritten.

Erklärt die Phillipskurve die Inflation korrekt? 

Seit den achtziger Jahren hat es sich eingebürgert, die Inflation mit der sogenannten Phillipskurve zu erklären. Diese Kurve geht auf den gleichnamigen englischen Statistiker und Ökonomen Alban Phillips zurück, der 1958 einen Zusammenhang zwischen Lohnsteigerungen und Arbeitslosenrate feststellte. Geht man davon aus, dass Löhne einen wesentlichen Einfluss auf die Preise haben, so kann man die Phillipskurve auch als Zusammenhang zwischen Arbeitslosenrate und Inflation darstellen. Ein paar Jahre später fand der amerikanische Ökonom Arthur Okun heraus, dass Veränderungen der Arbeitslosigkeit von Abweichungen der Produktion von ihrem Trend abhängen, oder anders gesagt, von der gesamtwirtschaftlichen Kapazitätsauslastung, für die sich der Name „Output Gap“ eingebürgert hat. Daraus kann man nun folgern, dass der „Output Gap“ die Inflationsrate beeinflusst. Das Herzstück der Inflationsmodelle der meisten Zentralbanken ist also die Abhängigkeit der Inflation vom „Output Gap“.

Leider ist aber weder der Zusammenhang zwischen dem „Output Gap“ und der Inflation empirisch gesichert, noch lässt sich der „Output Gap“ mit der nötigen Genauigkeit messen, wenn es darauf ankommt, die Inflation in der unmittelbaren Zukunft abzuschätzen. Alban Phillips leitete seine Beobachtung des Zusammenhangs zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnveränderungen für Großbritannien in den Jahren 1861 bis 1957 ab. Man sollte meinen, dass eine Beziehung, die in der Vergangenheit beinahe hundert Jahre überdauerte, auch in der Zukunft Bestand haben sollte.

Schon in den 70er Jahren gab es Arbeitslosigkeit und Inflation

Leider war das aber nicht der Fall. Schon in den siebziger Jahren ging hohe Arbeitslosigkeit mit hoher Inflation einher und in jüngerer Zeit stellte der amerikanische Ökonom Gregory Mankiw für die aufgewärmte neu-keynesianische Phillipskurve fest, dass sie zwar viele Vorteile, aber einen wesentlichen Nachteil hat: „Sie stimmt überhaupt nicht mit den Fakten überein.“ Die in der neu-keynesianischen Phillipskurve unterstellte Beziehung zwischen dem „Output Gap“ und der Inflation ist leider nicht stabil über die Zeit.

Aber auch wenn wir ein Zeitfenster finden können, in dem die Beziehung besteht, nützt es uns wenig, denn wir können die in diesem Modell für die Inflation entscheidende Bestimmungsgröße, den „Output Gap“, nur mit großer Zeitverzögerung in der Rückschau messen. Damit aber haben wir keine Information über die Bestimmungsgröße der Inflation in der Gegenwart und Zukunft, für die geldpolitische Entscheidungen getroffen werden müssen. Die Schwierigkeit der Messung wird schnell offensichtlich, wenn wir OECD-Schätzungen für diese Größe über die Zeit betrachten. So schätzte die OECD in ihrem Economic Outlook aus dem Juni 2007 den Output Gap im gleichen Jahr für die Vereinigten Staaten auf plus 0,1 Prozent und für den Euroraum auf minus 0,4 Prozent. Diese Zahlen zeigten damals an, dass in den Vereinigten Staaten eine minimale Überauslastung und im Euroraum eine sehr geringe Unterauslastung der Kapazitäten bestand. Dies deutete auf ein stabiles Umfeld für die Inflation hin. Im Juni 2013 zeigt der Economic Outlook der OECD für 2007 allerdings einen Output Gap für die Vereinigten Staaten von plus 2,6 Prozent und für die Eurozone von plus 3,3 Prozent, was im Rückblick auf eine deutliche Überhitzung der Wirtschaft schließen lässt. Tatsächlich stieg dann die Inflationsrate in Amerika von 2,9 Prozent im Jahr 2007 auf 3,8 Prozent im Jahr 2008. Im Euroraum stieg die Inflation in diesem Zeitraum von 2,1 Prozent auf 3,3 Prozent. Ob dies auf die im Rückblick festzustellende Überauslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten oder anderes zurückzuführen war, ist wegen der mangelnden Stabilität der Phillipskurve nicht eindeutig. Sicher ist aber, dass eine auf diesem Modell im Jahr 2007 aufgestellte Inflationsprognose für das Jahr 2008 kaum das Papier wert war, auf dem sie stand, da dem Prognostiker weder ein stabiles Modell noch die von diesem Modell verlangte Information zur Verfügung stand.

Quelle: F.A.S.

 
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