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Veröffentlicht: 17.06.2017, 15:26 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Nur nicht nervös werden!

Indexfonds sind eine gute Möglichkeit, Geld anzulegen. Anleger müssen nur etwas wichtiges beachten.

© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Am vergangenen Sonntag habe ich an dieser Stelle erörtert, dass die ultralockere Geldpolitik auf die Finanzmärkte wie ein Betäubungsmittel wirkt. Das plötzliche Erwachen aus dem Drogenschlaf kann sehr schmerzhaft sein. Eigentlich sollte das den langfristig orientierten Anleger in Indexfonds, die heute überwiegend in Form von ETF angeboten werden, nicht beunruhigen. Schließlich beruht ja die Idee des „passiven Anlegens“ darauf, dass der Anleger erst gar nicht versucht, schlauer als der Markt zu sein, weil ihm das sowieso nicht gelingen wird. Statt Wertpapiere selbst auszuwählen und zu versuchen, immer billig zu kaufen und teuer zu verkaufen, soll er den gesamten in einem Index abgebildeten Markt kaufen und seine Anlage in Ruhe reifen lassen.

So weit die Theorie. Doch sieht der Gebrauch von ETF in der Praxis ganz anders aus. Wie meine Kollegen Agnieszka Gehringer und Kai Lehmann in einer neuen Studie zeigen, nutzen viele Anleger ETF zu hyperaktivem Handeln. Die Autoren untersuchten die Handelsaktivitäten von Anlegern in drei großen Aktienindizes, dem Dax, dem amerikanischen S&P500 und dem britischen FTSE100. Für den Dax haben sie herausgefunden, dass von Anfang Januar 2014 bis Ende März 2017 im Schnitt 0,42Prozent der in dem Index enthaltenen Aktien jeden Tag ihren Besitzer gewechselt haben. Dagegen wurden im Schnitt 1,55 Prozent der ausstehenden Anteile dreier großer, den Dax nachbildenden ETF täglich gehandelt. Die Handelsfrequenz der ETF-Anteile war also mehr als dreimal so hoch wie die der in diesen Fonds gehaltenen Aktien. Für den FTSE100 sehen die Verhältnisse ähnlich aus. Die im Index enthaltenen Aktien kommen auf eine tägliche Handelsquote von 0,29 Prozent, die entsprechenden ETF-Anteile (wieder von drei großen Fonds) auf im Schnitt 0,97 Prozent. Noch mehr gehandelt wird in Amerika. Dort liegt die Handelsquote für die im S&P500 enthaltenen Aktien bei 0,88Prozent, die der entsprechenden ETF dagegen bei 4,91 Prozent.

Besonders aktiv sind die ETF-Anleger zu besonderen Anlässen. Meine Kollegen haben die Handelsaktivitäten bei drei Ereignissen der jüngeren Vergangenheit untersucht: dem sogenannten „Flash Crash“ am 24. August 2015, dem Tag nach dem Brexit-Votum am 24. Juni 2016 und dem Tag nach der Präsidentenwahl am 9. November 2016. An all diesen Tagen war die Handelsquote der Aktien in den betrachteten Indizes ungefähr doppelt so hoch wie normal. Die Handelsquote der untersuchten ETF betrug dagegen das Drei- bis Sechsfache der normalen Quote. Klar wird aus dieser Untersuchung, dass entgegen der ursprünglichen Absicht ETF stark für den Handel statt für die Anlage mit ruhiger Hand genutzt werden.

Wer aber sind die ETF-Händler? Drei Gruppen kommen dafür in Frage: Privatanleger, mit ETF arbeitende Vermögensverwalter und die auf Abweichungen der ETF-Preise von den ihnen unterliegenden Aktienpreisen spezialisierte Arbitrageure. Da die drei untersuchten Anlässe mit Marktschwächen verbunden waren, ist zu vermuten, dass die Arbitrageure der Verkaufswelle von Privatanlegern und Vermögensverwaltern mit Käufen begegneten. Dies dürfte profitabel für sie gewesen sein. Laut den Umsatzzahlen traten in den ETF-Märkten mehr Verkäufer auf als in den Aktienmärkten. Die Arbitrageure konnten also ETF-Anteile aufkaufen und dagegen Aktien verkaufen. Verloren haben dürften die taktierenden ETF-Verkäufer. Da sich die Märkte schnell erholten, mussten sie ihre Anteile zu höheren Preisen zurückkaufen.

Der kluge Privatanleger sollte sich von den hyperaktiven Händlern mit ETF-Anteilen nicht beeindrucken lassen. Will er seine Anlageziele mit ETF erreichen, sollte er diese Instrumente unabhängig von Marktschwankungen mit ruhiger Hand einsetzen. Auf diese Weise kann er vermeiden, dass er die aus den niedrigeren Verwaltungskosten der ETF gewonnene Ersparnis durch Handelskosten und schlechtes „Market-Timing“ in Verluste verwandelt. Da noch genügend aktive Portfoliomanager für die Preisfindung für Vermögenswerte sorgen, muss der Anleger nicht selbst aktiv werden, sondern kann auf dem Trittbrett der aktiven Manager mitfahren.

Allerdings bewirkt der von den billigen ETF ausgehende Druck auf die Gebühren, dass immer mehr für die Preisfindung sorgende Manager aufgeben müssen, weil sie ihre Kosten nicht mehr decken können. Wenn schließlich passive Anleger die kritische Masse im Markt darstellen, werden die Marktpreise so weit von den wirtschaftlich gerechtfertigten Preisen abweichen, dass sich die aktive Auswahl von Wertpapieren wieder lohnt. Davon sind wir allerdings heute noch ein gutes Stück entfernt.

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