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Mayers Weltwirtschaft : Normalzustand Euro-Krise

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Egal, wie die Griechen–Krise ausgeht: Die Währungsunion wird nicht zur Ruhe kommen. Denn die Konstruktion des Euro selbst ist das Problem.

          Der sprichwörtliche Besucher vom Mars könnte meinen, dass Griechenland eine globale Großmacht sei, wenn er den Rummel um das Land sieht. Dabei beträgt der Anteil des griechischen Bruttoinlandsprodukts gerade mal 1,8 Prozent an dem der Eurozone. Bitte, liebe Politiker, liebe Medien, verausgabt euch nicht so sehr. Ihr werdet eure Kräfte noch brauchen. Ihr müsst euch darauf einstellen, dass die mit dem Platzen der globalen Kreditblase einsetzende Euro-Krise der Normalzustand ist. Dagegen war die während der Inflation der Kreditblase herrschende Ruhe im Euroraum die Ausnahme. Denn ohne reichlichen und billigen Kredit als Schmiermittel stolpert die fehlerhaft gebaute Währungsunion von einer Krise zur anderen.

          Anscheinend haben die früheren Konstrukteure und heutigen politischen Manager der Währungsunion den Stoff nicht verstanden, mit dem sie hantierten. Im Lauf der Geschichte hatte dieser Stoff, das Geld, im Wesentlichen zwei miteinander rivalisierende Funktionen: Es diente einerseits den wirtschaftlich handelnden Menschen als Mittel zur Transaktion und Wertaufbewahrung und andererseits der jeweiligen Obrigkeit als Mittel zur Finanzierung ihrer Ausgaben. Damit Geld zum Tausch und zur Wertaufbewahrung gut ist, müssen die Nutzer darauf vertrauen können, dass sie die von ihnen gewünschten Dinge dagegen eintauschen können. Dieses Vertrauen schwindet jedoch, wenn die Obrigkeit sich ihr Geld selbst schafft, es zum gesetzlichen Zahlungsmittel mit Annahmezwang erklärt und intensiv zum eigenen Erwerb von Gütern und Dienstleistungen nutzt.

          Neue Möglichkeiten durch das Papiergeld

          Lange Zeit war die Münzverschlechterung eine beliebte Form der Staatsfinanzierung, die das Vertrauen in das Geld der Obrigkeit schwinden ließ. Mit dem Einzug des aus China kommenden Papiergelds ergaben sich für diese jedoch neue Möglichkeiten. Banken konnten mehr Papiergeld ausgeben, als Gold oder Silber bei ihnen zur Deckung eingelegt wurden, wenn sie darauf vertrauten, dass nicht alle Besitzer von Papiergeld dieses zur gleichen Zeit wieder in die Edelmetalle tauschen wollten. Nun brauchte die Obrigkeit nur noch einen Kreditvertrag abzuschließen, um an Papiergeld zu kommen, das über die Teilreservehaltung geschaffen werden konnte. Noch leichter wurden die Finanzierungsmöglichkeiten, als die Banken begannen, über Kreditvergabe Papiergeldsubstitute in Form von Einlagen zu schaffen.

          Das so entstandene Kreditgeldsystem erwies sich allerdings als krisenanfällig, weil es immer wieder vorkam, dass Leute Einlagen gegen nicht vorhandenes Papiergeld oder Papiergeld gegen nicht vorhandenes Gold oder Silber eintauschen wollten. Um gegen solche Krisen besser gewappnet zu sein, schuf die Obrigkeit schließlich die Zentralbank und die Einlagenversicherung. Unser heute existierendes Kreditgeld wird in einer öffentlich-privaten Partnerschaft hergestellt. Es braucht den Staat zur Legitimation der Zentralbank und als Garant für die Einlagenversicherung.

          Kein europäischer Einheitsstaat schützt den Euro

          Der Euro kam ohne beschützenden Staat zur Welt. Seine Väter wollten diesen Umstand dadurch wettmachen, dass sie für ihn die Funktion des Geldes als Instrument zur Staatsfinanzierung stilllegten. Die Statuten der Europäischen Zentralbank verboten der Politik jeglichen Einfluss auf die Bank und der EZB die Finanzierung der Staaten. Der Euro sollte ein Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung für die Bürger und nichts sonst sein. Diese Vorsätze waren aber von Anfang an unhaltbar, weil man den Euro als Kreditgeld behielt, das den Staat zur Absicherung braucht. Im Aufschwung des Kreditzyklus fiel das nicht auf, weil alle Schuldner sich problemlos immer höher verschulden konnten. Im Abschwung, wo die privaten Kreditgeber Risiken scheuen und hochverschuldeten Eurostaaten die kalte Schulter zeigen, werden der Euro und die ihn herausgebende EZB ohne einen sie beschützenden Einheitsstaat zur Beute der unter ihren Schulden ächzenden Eurostaaten.

          Aber zeigt denn nicht die Erholung in anderen früheren Krisenstaaten, dass Griechenland ein Einzelfall ist? Wer so denkt, unterschätzt die durch niedriges Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit und übermäßige Verschuldung in vielen Euroländern lauernden Gefahren. Bei dieser Ausgangslage werden die beim nächsten Abschwung frei werdenden Zentrifugalkräfte den Bestand des Euro noch stärker auf die Probe stellen als jüngst. Dann, liebe Politiker und Medien, braucht ihr noch Kräfte für den Schlussspurt im Marathon der Euro-Krise.

          Quelle: F.A.S.

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