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Mayers Weltwirtschaft Lasst Bankpleiten zu!

Warum wir dringend einen neuen Ordnungsrahmen für den Finanzsektor brauchen.

© Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt.

Das Urteil ist gefällt, Berufung erscheint zwecklos: Die Banken sind schuld an der Finanzkrise, weil man sie nicht daran gehindert hat, ihren Trieb nach Rendite auszuleben. Nun muss die Gesellschaft vor den Triebtätern durch eine alles umfassende Regulierung geschützt werden. Kein Akteur, kein Markt, kein Produkt darf davon ausgenommen sein.

Die Fesseln reichen von strengeren Eigenkapitalvorschriften über Verbote bestimmter Aktivitäten bis zur Gestaltung der Entlohnung der Beschäftigten. Wer das alles noch viel zu lasch findet, fordert die Kastrierung der Banken durch ein sogenanntes Vollgeldsystem: Wenn Bankeinlagen in vollem Umfang mit Reserven bei der Zentralbank gedeckt sein müssen, verlieren die Banken die Fähigkeit zur Geldschöpfung, die nun allein bei der Zentralbank liegt. Dadurch werden die Banken zu reinen Kreditvermittlern. In diesem System kann sich der Staat natürlich die Vermittlungsgebühr sparen und sich gleich bei der Zentralbank verschulden. Willkommen in der staatlichen Zentralbankgeldwirtschaft! Es entbehrt darum nicht einer gewissen Ironie, dass die Befürworter staatlicher Lenkung des Finanzsektors der gleichen Illusion der Allwissenheit unterliegen, der die privaten Bankenlenker zum Opfer gefallen sind.

Risiko lässt sich nicht genau messen

Der tiefere Grund für die hohe Kredithebelung der Finanzbranche, die zur Krise geführt hat, war die Illusion, dass man das mit gehebelten Institutionen und Produkten verbundene Risiko genau messen könne. Erzeugt wurde diese Illusion von der modernen Finanztheorie, die der Industrie auf fragwürdigen Annahmen beruhende mathematische Modelle zur Risikomessung bereitstellte. In seiner Geschichte der Theorie des Risikos (englischer Titel: „Against the Gods“) veranschaulicht Peter Bernstein das Problem mit einer Anekdote. In einer Winternacht im Weltkrieg, als die deutsche Luftwaffe einen ihrer zahlreichen Angriffe auf Moskau flog, erschien ein bekannter Professor für Statistik zum ersten Mal im Luftschutzbunker. „Moskau hat sieben Millionen Einwohner“, pflegte er früher zu sagen. „Warum sollte ich da erwarten, dass sie genau mich treffen?“ Die Nachbarn staunten, als sie ihn sahen und fragten, warum er nun doch in den Bunker gekommen sei. „Sehen Sie“, antwortete er, „Moskau hat sieben Millionen Einwohner und einen Elefanten. Letzte Nacht haben sie den Elefanten erwischt.“

Leider sahen die meisten Risikomanager in den Banken die Wahrscheinlichkeitsrechnung mit weniger kritischen Augen als der Professor und wurden darum von der Finanzkrise kalt erwischt. Die Blindheit für die lauernden Gefahren war nicht auf den privaten Finanzsektor beschränkt. Noch Anfang 2007 diagnostizierte Ben Bernanke, der Präsident der amerikanischen Notenbank Fed, die Ausfälle bei minderwertigen Hypotheken als ein auf dieses kleine Segment des amerikanischen Immobilienmarktes begrenztes Problem.

Ähnlich wie damals die Manager der Banken in ihre Risikomodelle scheint nun die Politik der Fähigkeit der Regulierungsbehörden zu vertrauen, die Risiken im Finanzsektor in den Griff zu bekommen. Dabei erliegen sie derselben Anmaßung von Wissen wie schon ihre Vorgänger. Wer weiß schon, ob eine Eigenkapitalquote von bis zu 13 Prozent der Bilanzsumme, wie im Regulierungsplan Basel III vorgeschrieben, ausreicht, alle Risiken des Verlusts abzudecken? Werden Deckelungen der Vergütung bessere Banker hervorbringen? Welche Produkte sind gefährlich und zu verbieten und welche nicht? Wird die Zerlegung von Banken die einzelnen Bereiche der Bank sicherer machen?

Der Markt muss entscheiden

Ein anderer Weg beim Umgang mit den Banken beginnt mit der Einsicht, dass weder staatliche Behörden noch die Manager der Banken diese Fragen mit letzter Gewissheit beantworten können. Wenn dem so ist, dann kann uns nur der dezentrale Austausch von Informationen, gepaart mit Versuch und Irrtum am Markt, zu einem stabilen Bankensystem bringen. Der Markt kann aber nur als Verfahren zur Entdeckung neuer Information dienen, wenn auch falsche unternehmerische Entscheidungen zum Scheitern des Unternehmens führen können. Daher wäre es die wichtigste Aufgabe der Politik, für einen Rahmen zu sorgen, der Banken zu Transparenz bei der Gestaltung ihrer Produkte und bei der Rechnungslegung zwingt und bei falschen unternehmerischen Entscheidungen ihr Scheitern möglich macht.

Wenn dies gewährleistet ist, wird durch Abstimmung der Marktteilnehmer, die sich im Kurs für die Aktien einzelner Banken niederschlägt, das beste Geschäftsmodell in Bezug auf Eigenkapitalausstattung, Liquiditätshaltung, Produktgestaltung und Mitarbeitervergütung prämiert. Wer sich dem entgegenstellt, wird durch Entzug von Kapital und einen sinkenden Aktienkurs bestraft.

Im Zentrum eines neuen Ordnungsrahmens für den Finanzsektor müsste daher die Möglichkeit des Scheiterns von Banken stehen. In der von der Politik verfolgten Neuordnung wird diese Möglichkeit zwar berücksichtigt. Doch geht es der Politik wohl vor allem darum, die Möglichkeit eines Scheiterns nicht wahr werden zu lassen.

 

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 22.12.2012, 15:09 Uhr

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