http://www.faz.net/-gqe-91d7e

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Mayers Weltwirtschaft : Jetzt Aktien kaufen?

  • -Aktualisiert am

Viele Deutsche wollen von der Börse nichts wissen. Dabei wäre es nicht die schlechteste Idee, sich einfach mal ein paar Aktien zuzulegen.

          Der deutsche Sparer ist verunsichert. Immer wieder höre ich von Freunden und Verwandten Klagen über die Auszehrung der Kaufkraft von Geldersparnissen durch die Kombination von Nullzins, hoher Vermögenspreisinflation und schleichender Konsumentenpreisinflation. Wer sein Geld auf der Bank liegen hat, bekommt künftig immer weniger reale Vermögenswerte und bald auch weniger Güter dafür. Gleichzeitig scheut man aber den Sprung von der Geldersparnis in die Anlage realer Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien. Verständlich ist diese Scheu im Bereich der Immobilien, wo attraktive Objekte meist überteuert und billige Objekte meist unattraktiv sind. Aber auch bei Aktien stellt sich die Frage: Lohnt es sich denn, jetzt noch einzusteigen?

          Auf den ersten Blick sprechen zwei gewichtige Gründe gegen den späten Einstieg, wenn man den Beginn des Aufschwungs verpasst hat. Erstens ist der globale Konjunkturaufschwung schon recht alt. Folgt man der Einteilung des US Bureau of National Research, dann ist der Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft mit mehr als acht Jahren Dauer der zweitlängste seit Ende der 1950er Jahre. Es wäre vermessen, wie in den 1990er Jahren zu glauben, der Aufschwung würde dank der hohen Kunst der Geldpolitik ewig halten. Kippt aber die Konjunktur, wird auch der Aktienmarkt leiden.

          Zweitens sind Aktien nicht mehr billig, wenn man die Bewertungen im historischen Vergleich betrachtet. Ein beliebtes und konservatives Bewertungsmaß für amerikanische Aktien ist das von Robert Shiller berechnete zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE). Im August lag dessen Wert bei rund 30, deutlich über dem historischen Durchschnitt von 17 und über allen Spitzenwerten seit 1920, ausgenommen dem von 1999. Die hohe Bewertung von amerikanischen Aktien färbt natürlich auf alle anderen Aktienmärkte ab.

          Globales Kartell der Zentralbanken

          Andererseits sprechen auch zwei Gründe dafür, Aktienanlagen dennoch nicht länger zu meiden. Erstens ist es unmöglich, die nächste Rezession vorherzusagen und den Einstieg in den Aktienmarkt danach zu planen. Möglicherweise hält der Konjunkturaufschwung noch einige Jahre an. Und wenn die Rezession kommt, weiß niemand, wie lange sie dauert und welche Verwerfungen an den Finanzmärkten sie bringen wird. Möglicherweise fällt Shillers CAPE dann unter 10, wie Anfang der 1980er Jahre, aber der Sparer verpasst vor lauter Angst wieder den Einstieg in die Aktienanlage.

          Zweitens sollte man berücksichtigen, dass Aktienbewertungen von den Zinsen abhängen. Seit Beginn der Zinsaufzeichnungen vor 5000 Jahren waren die Zinsen noch nie so niedrig wie heute. Einmalig ist auch die Manipulation der Zinsen durch das globale Kartell der Zentralbanken. Und noch nie konnten dank der Niedrigzinspolitik so hohe Schuldenberge angehäuft werden wie heute. Möglicherweise sind die Zentralbanken zu Gefangenen ihrer eigenen Politik geworden und können die Zinsen nicht erhöhen, wenn die Inflationsrate einmal wieder steigen sollte. Bei niedrigen Nominalzinsen und steigender Inflation dürften aber die Bewertungen der Aktien hoch bleiben, auch wenn das reale Wachstum der Wirtschaft zu wünschen übrig lässt. Denn durch Inflation aufgeblähte nominale Gewinne werden dann mit niedrigen nominalen Zinsen diskontiert.

          Aktienanlagen können nicht beliebig geerntet werden

          Wer sich von diesen Argumenten nun doch noch für den späten Einstieg in die Aktienanlage überzeugen lässt, sollte allerdings drei Punkte beachten. Ersten sollte er Willensstärke und einen langen Anlagehorizont mitbringen. Bei der nächsten Rezession wird der Wert des Portfolios unweigerlich einbrechen. Verkäufe aus Not oder Panik wären dann fatal. Der Anleger muss seinem Portfolio Zeit geben können, sich im Aufschwung wieder zu erholen. Zweitens sollte er sein Portfolio aus Aktien von Unternehmen zusammenstellen, die Stehvermögen haben und im Aufschwung nach der Rezession wieder zu alter Form auflaufen. Stehvermögen haben Unternehmen, die ein stabiles Geschäftsmodell, gutes Management und wenig Schulden haben. Und drittens sollte der Anleger so viele Geldersparnisse zurückhalten, wie er braucht, um mittelfristig anfallende Geldausgaben tätigen zu können. Aktienanlagen brauchen eine unbestimmte Zeit, um zu reifen, und können nicht beliebig geerntet werden, weil der Anleger dringend Geld braucht.

          Mein Kollege Marius Kleinheyer hat in einer jüngst veröffentlichten Studie darauf hingewiesen, dass es der Geldpolitik bei uns heute nicht mehr primär um den Erhalt der künftigen Kaufkraft von Geldersparnissen, sondern um den Erhalt des Euros geht. Der deutsche Sparer begreift nur langsam, dass er sein Verhalten an die veränderten Umstände anpassen muss, um nicht zu verarmen.

          Weitere Themen

          Renditesprung in Amerika

          Neues Hoch für Anleihen : Renditesprung in Amerika

          Zehnjährige amerikanische Anleihen bringen so viel wie zuletzt im Jahre 2011. Donald Trump und Jerome Powell überbieten sich mit guten Prognosen. Im historischen Vergleich sieht es jedoch nicht so rosig aus.

          Für eine Niere nach Spanien? Video-Seite öffnen

          Organspende-Tourismus : Für eine Niere nach Spanien?

          Wer auf eine Transplantation angewiesen ist, ist für Vieles bereit. Auch zum auswandern in ein anderes Land, das mehr Perspektive bietet. Kurze Wartezeiten für Spenderorgane locken daher immer mehr Patienten nach Spanien. Doch die Behörden dort wollen das nicht länger akzeptieren.

          Topmeldungen

          Absturz der SPD : Auf den eigenen Bauch

          Die Sozialdemokratie führt Selbstgespräche. Darum ist sie für die meisten Wählerinnen und Wähler uninteressant. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.