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Mayers Weltwirtschaft : Japans verrückte Geldpolitik

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

In keinem Land der Welt geht die Notenbank mit ihren Experimenten so weit wie in Japan. Nicht alles daran ist falsch.

          Bis vor kurzem war Premierminister Shinzo Abe der Hoffnungsträger Japans. Heute ist der Lack weitgehend ab. Abenomics, die Kombination von Strukturreformen mit geld- und fiskalpolitischer Expansion, hat die Wirtschaft nicht wie erwartet auf Trab gebracht. Nun hat Abe ein weiteres Konjunkturprogramm aufgelegt. Haruhiko Kuroda, Chef der Bank von Japan (BoJ), hat es mit einer Lockerung der Geldpolitik unterstützt. Ökonomen an Universitäten und Banken winken ab: Der Fiskalstimulus zu klein (dieses Jahr gerade mal 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts BIP), die geldpolitische Lockerung zu schwach (zusätzliche Aktienkäufe von bloß 1,2 Prozent des BIP pro Jahr). Helikoptergeld müsse her, heißt es. Dazu müsse die Bank von Japan ihre Käufe von japanischen Staatsanleihen massiv aufstocken. Dabei ist die Bank von Japan schon munter unterwegs zu einem neuen Geldsystem, das jedoch mit Helikoptergeld wenig zu tun hat.

          Der Ausdruck „Helikoptergeld“ wurde von Milton Friedman in einem Aufsatz im Jahr 1969 geprägt. „Nehmen wir an, ein Helikopter würde eines Tages über ein Dorf fliegen und Tausenddollarscheine abwerfen“, schrieb er. „Die würden natürlich schnell von den Dorfbewohnern aufgesammelt.“ Friedman stellte sich eine direkte Verteilung frischen Geldes an die Leute vor. Hätte er das Geld durch den Staatshaushalt verteilen wollen, hätte er wohl kaum das Bild des Helikopterabwurfs bemüht. Die Idee der kontrollierten Monetisierung der Staatsschuld und Verteilung neuen Geldes durch den Staat geht auf andere zurück. Im Jahr 1933 veröffentlichte eine Gruppe Chicagoer Ökonomen um Frank Knight und Irving Fisher ein Konzept für den Wechsel vom mit Krediten an den Privatsektor gedeckten Bankengeld zum Staatsgeld, das allein und vollständig mit zinslosen und tilgungsfreien Forderungen an den Staat gedeckt ist. Wegen der Volldeckung ist es heute unter der Bezeichnung Vollgeld bekannt. Wird die Staatsschuld als Deckungsstock für das Geld verwendet, muss sie nicht zurückgezahlt werden, so dass die ausgewiesene Staatsverschuldung drastisch fällt. Und wird neues Geld über den Staatshaushalt unter die Leute gebracht, sinkt dementsprechend auch die Neuverschuldung. Auf den ersten Blick scheint das Vollgeld die überall drängenden Probleme übermäßiger Staatsverschuldung und schlapper Banken auf geniale Weise zu lösen.

          Ohne dass dies thematisiert worden wäre, hat die BoJ schon mehr als den halben Weg zum Vollgeld zurückgelegt. Gegenwärtig deckt ihr Bestand an Staatsanleihen und Schatzwechseln schon 98 Prozent des von ihr emittierten Zentralbankgelds (Bargeld und Reserven der Banken) und 58 Prozent der Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen). Fährt sie fort, Staatsanleihen im Wert von 80 Billionen Yen pro Jahr zu kaufen, entspräche die Höhe ihrer Forderungen an den Staat Ende des Jahrzehnts der heute vorhandenen Geldmenge M1. Noch schneller ginge es, wenn die Kaufsumme erhöht würde. Um den Systemwechsel zu Vollgeld abzuschließen, bräuchte die BoJ nur noch mit Forderungen an den Staat voll gedecktes Bargeld und Sichteinlagen zu gesetzlichem Zahlungsmittel und mit privaten Krediten gedecktes Geld zu Geldanlagen zu erklären. Würden die Forderungen an den Staat zins- und tilgungsfrei gestellt, könnte die ausgewiesene Staatsverschuldung auf einen Schlag von heute 241 Prozent des BIP auf 108Prozent verringert werden. Damit läge die Staatsverschuldung Japans unter dem heutigen Durchschnitt der OECD-Länder.

          Was wie ein genialer Trick zur Entschuldung des Staates aussieht, erhält das Vertrauen ins Geld jedoch nur dann, wenn die Umstellung auf Vollgeld institutionell abgesichert wird. Joseph Huber, ein Vordenker der Vollgeldreform, hat deshalb für die Vollgeldordnung eine an die unabhängige Stellung der Judikative angelehnte „Monetative“ vorgeschlagen. Nach dem Systemwechsel darf die Zentralbank dem Staat neues Geld nur noch in dem Umfang zuteilen, wie es mit einer stabilitätsgerechten Ausweitung der Geldmenge vereinbar ist. Weder Staat noch Banken können dann weiterhin auf Unterstützung durch die Zentralbank hoffen, wenn sie illiquide oder insolvent zu werden drohen. Andererseits sind dann Schuldenschnitte insolventer Staaten oder Banken verkraftbar, denn sie führen, anders als im Kreditgeldsystem, nicht zur Geldvernichtung.

          Aber würden Politiker eine unabhängige „Monetative“ akzeptieren? Lieber ist ihnen bestimmt eine politisch gesteuerte Monetisierung der Staatsschuld durch die Zentralbank, die über die Deckung des Geldes mit Krediten an den Staat statt an die Wirtschaft möglich wird. Shinzo Abe dürfte dies nicht anders sehen.

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