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Mayers Weltwirtschaft Italienische Nächte

Wenn Deutsche und Italiener über den Euro streiten, dann hilft der Rotwein

© Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt.

Die Villa Vignoni über dem Comer See ist eine der weniger bekannten Perlen im Immobilienportfolio des deutschen Staates. Im neunzehnten Jahrhundert von einem deutsch-italienischen Geschäftsmann und Bankier als Sommerresidenz erbaut, wurde sie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vom letzten Glied der Familie dem deutschen Staat als Stätte deutsch-italienischer Begegnungen vermacht. Der Stifter wusste: Wenn in der Nacht die Lichter vom Ufer des Sees in die Höhe funkeln und der Rotwein in den Gläsern schimmert, lassen sich die Tiefen der italienischen und deutschen Seelen am besten ausloten.

Räumt euer Haus auf!

„Wenn wir den Euro als unsere gemeinsame Währung erhalten wollen, müsst ihr endlich euer Haus aufräumen“, fordert die deutsche Seite. „Was ihr braucht, ist eine ‚Agenda 2020‘. Der Arbeitsmarkt muss flexibilisiert werden, eure Regulierungen müssen durchforstet werden - da seid ihr laut Weltbank kaum besser als manches Entwicklungsland -, und vor allem müsst ihr endlich mal eure Politik besser organisieren.“ „Da ist ja schon etwas dran“, gibt die italienische Seite zu. „Und wir bemühen uns ja auch, die Probleme anzugehen. Aber was macht ihr? Nichts. Ihr seid auf eure Wettbewerbsfähigkeit stolz und rühmt euch, Exportweltmeister zu sein. Dabei drohen eure Leistungsbilanzüberschüsse die Europäische Währungsunion zu zerstören. Wenn ihr uns keine Chance gebt, selbst zu exportieren, können wir uns eure Importe nicht leisten. Kaufen wir sie dennoch auf Pump, braucht ihr euch nicht zu wundern, wenn wir am Ende zahlungsunfähig sind und ihr euer Geld nicht wiederseht. Seid also ein bisschen lockerer, gönnt euch höhere Löhne, ein bisschen mehr Freizeit, und konsumiert mehr.“

Damit gewinnt man keine Wahl!

Davon will die deutsche Seite nichts wissen. „Die Löhne dürfen nicht stärker steigen als die Produktivität, wenn das Geld stabil bleiben soll. Wir sind ja bereit, unsere Löhne mit der Produktivität steigen zu lassen. Ihr aber müsst nun das Lohnwachstum unter dem Produktivitätswachstum halten, damit ihr wieder gegenüber uns aufholen könnt. Seit Beginn der Währungsunion habt ihr das Gegenteil zugelassen.“ „Unser Produktivitätswachstum ist so gering, dass wir schon Lohnkürzungen bräuchten, um gegenüber euch wieder wettbewerbsfähig zu werden. Lohnkürzungen sind aber politisch nicht durchsetzbar.“ „Dann erhöht die Produktivität, indem ihr eure Wirtschaft reformiert!“ Die italienische Seite holt tief Luft. „So einfach ist das nicht. Erstens braucht dies Zeit, die wir jetzt nicht mehr haben. Zweitens sehen unsere Wähler nicht ein, dass durch ‚Strukturreformen‘ das Wachstum gesteigert werden kann. Was ihr Rigiditäten nennt sind über viele Jahre gewachsene Strukturen, die man nicht einfach wegfegen kann. Hinter jeder Regulierung steht eine Interessengruppe, die durch Abschaffung der Regulierung verliert. Der Verlust ist konkret und wird sofort gespürt, der Gewinn an Wachstum kommt viel später. Damit kann man bei uns keine Wahl gewinnen, was Mario Monti bewiesen hat.“

Die deutsche Seite wagt einen neuen Versuch: „Aber Monti wurde doch wegen seinen Steuererhöhungen abgewählt.“ „Nicht nur, aber auch. Das kommt ja noch dazu. Der Italiener misstraut grundsätzlich dem Staat. Deshalb zahlt er ihm nur widerwillig Steuern. Aber er ist durchaus bereit, dem Staat Geld zu leihen.“ „Aber das erhöht doch die Staatsverschuldung ins Gigantische!“ „Na und, solange wir diese selbst finanzieren und keine Schulden im Ausland machen? Ihr zahlt dem Staat brav eure Steuern, wir leihen ihm lieber das Geld.“ „Wenn ihr eine eigene Währung hättet, würde das ja vielleicht noch gehen, obwohl ihr damit eure Kinder belastet. Aber in der Währungsunion bedroht eure Staatsverschuldung die Stabilität unseres gemeinsamen Geldes. Wenn sich der Staat auf dem Markt nicht mehr refinanzieren kann, muss die EZB einspringen.“ „Was ist daran so schlimm? Die Fed, die Bank von Japan oder die Bank von England kaufen alle Staatsanleihen. Sie helfen dem Staat, sich günstig zu finanzieren, sorgen für niedrige Zinsen und schwächen den Wechselkurs, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Warum sollte die EZB das nicht für uns auch tun?“ „Aber dann würde die Geldpolitik für uns zu locker. Löhne und Preise steigen.“ „Na und. Das wäre doch nur zu wünschen.“ Als das Gespräch an seinem Ausgangspunkt ist, entsteht eine Pause. „Warum haben wir mit den Briten diese Diskussionen nicht?“, fragt die eine Seite. „Weil die mit ihrer eigenen Währung nach ihrer Fasson selig werden können“, erwidert die andere.

Quelle: F.A.S.

 
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