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Mayers Weltwirtschaft : Geld aus dem Helikopter

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Zentralbanken tun derzeit alles, um die Inflation anzuheizen. Bald könnten sie auf die nächste verrückte Idee kommen.

          Die Inflationsziele unserer Zentralbanken nehmen immer mehr den Charakter der früheren Planvorgaben im real existierenden Sozialismus an: Soll- und Ist-Werte klaffen trotz größter Anstrengungen der Planer hartnäckig auseinander. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Planungsbüros, damals wie heute. Kaum jemand versteht noch, was die amerikanische Fed wirklich will, da sich ihre Repräsentanten mit ihren Äußerungen seit geraumer Zeit im Widerspruch zwischen Plan und Wirklichkeit verheddern. Von der Europäischen Zentralbank und der Bank von Japan erwartet man weitere Ankäufe von Vermögenswerten, obwohl das Kaufmaterial auszugehen droht und nur noch wenig Hoffnung besteht, damit die Inflationsziele zu erreichen. Wie im real existierenden Sozialismus könnte die nächste Wirtschafts- und Finanzkrise das real existierende Geldsystem über den Haufen werfen. Womit muss man rechnen?

          Halten wir zunächst fest, dass wir uns gegenwärtig eher im Vorhof der nächsten Rezession als eines neuen Aufschwungs befinden. Der gegenwärtige Aufschwung ist altersschwach. In Amerika drohen ihm Gefahren von der Kompression der Unternehmensgewinne, wie sie sich in der gegenwärtigen Berichtsperiode für das vergangene Quartal andeutet. Aus den Schwellenländern weht kalter Wind zu uns, seit diese unter dem Abschwung des Kredit- und Rohstoffzyklus leiden. Es braucht also nicht mehr viel, und die nächste Rezession ist da.

          Da einer Rezession kein Aufschwung vorangegangen wäre, der den Namen verdient hätte, könnte ihr die Wirtschaftspolitik wenig entgegensetzen. Die exorbitant hohe Staatsverschuldung, die wir in der letzten Rezession aufgebaut haben, lastet noch immer auf unseren Schultern. Eine abermalige fiskalpolitische Expansion zum Kampf gegen die Rezession können wir uns nicht mehr leisten, da der Staatsbankrott droht. Aber auch die Geldpolitik ist am Ende der Rettungsfahnenstange angekommen. Viel tiefer können die Zinsen kaum noch fallen und viel stärker lassen sich die Zentralbankbilanzen durch Käufe von Vermögenswerten kaum mehr aufblähen, zumal diese Politik schon heute nur noch wenig Wirkung zeigt. Nichts tun ist aus politischen Gründen keine Option. Was also dann? Ich wage die Prognose: die neue Zauberformel wird „Helikoptergeld“ heißen. Schon nach dem Platzen der Technologieblase am Aktienmarkt Anfang der 2000er Jahre brachte Ben Bernanke, damals noch einfaches Mitglied des Zentralbankrates der Fed, diesen Trick ins Spiel. Seither trägt er den Spitznamen „Helikopter-Ben“.

          Erfunden wurde der Ausdruck aber von dem großen Geldtheoretiker Milton Friedman, der meinte, im Notfall müsse man Geld eben aus Helikoptern über den Leuten abwerfen, um Deflation und Depression zu bekämpfen. Praktisch heißt das, dass die Zentralbank selbst das Geld unter die Leute bringen muss, wenn den Banken die Puste zur Geldschaffung durch Kreditgewährung ausgeht. Natürlich war die Auslieferung durch Helikopter nur sprichwörtlich gemeint. Das Zentralbankgeld kann unter die Leute gebracht werden, wenn Bargeld per Post an sie verschickt oder, was weit realistischer wäre, Zentralbankgeld auf ihre Girokonten eingezahlt würde. Dazu müsste die Zentralbank den Banken Zentralbankgeld auf ihre Konten einzahlen und diese dann veranlassen, die Beträge anteilig ihren Kunden in Form von Giralgeld gutzuschreiben.

          Mit Helikopter-Geld kann also Geld und Kaufkraft geschaffen werden, ohne dass die Banken Kredite vergeben oder der Staat sich verschulden muss. Doch wie die Leser dieser Kolumne wissen, gibt es keinen „free lunch“, nicht einmal durch Helikopter-Geld. Die Geldausgabe ohne Gegenposten hat zur Folge, dass das Eigenkapital der Zentralbank sinkt und schon bald auf der Sollseite der Bilanz auftaucht. Jedes andere Unternehmen wäre dann bankrott, nicht aber eine Zentralbank, die Geld als gesetzliches Zahlungsmittel emittiert. Im Gegenteil: Wenn positives Eigenkapital in der Zentralbankbilanz den Zweck hat, das Vertrauen in die Geldwertstabilität zu festigen, dann müsste negatives Eigenkapital im Umkehrschluss dieses Vertrauen unterminieren. Das ist aber das Ziel, wenn die Zentralbank Inflation herbeizwingen will.

          Vielleicht schlagen Sie jetzt die Hände über dem Kopf zusammen: Mit Helikopter-Geld ruinieren wir auch noch den Rest, was von unserem Geldsystem übrig ist. Richtig. Aber dadurch wird auch ein Neuanfang möglich. Giralgeld würde dann nicht mehr durch Kreditvergabe der Banken als privates Schuldgeld, sondern direkt vom Emittenten geschaffen. Würden wir dann noch den Wettbewerb der Emittenten um die Produktion des besten Geldes zulassen, hätte die Geldkrise einen Sinn. Und ein gutes Ende.

          Quelle: F.A.S.

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