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Veröffentlicht: 05.08.2017, 15:07 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Gefahr von allen Seiten

Der liberale Rechtsstaat wird durch dumpfe Rechtsradikale und hysterische Linke bedroht. Das „Fremde“ wird bekämpft, statt sich mit ihm auseinanderzusetzen. Es kann einem Angst und Bange werden.

von Thomas Mayer
© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Was hat Sigmund Freud mit der Ordnung der Wirtschaft zu tun? Nichts, sollte man meinen. Freuds Studienobjekt war die menschliche Psyche, insbesondere der Zweiklang von Bewusstem und Unbewusstem im Befinden und in der Motivation menschlichen Handelns. In seinem Buch „Recht, Gesetz und Freiheit“ reitet der liberale Ökonom Friedrich von Hayek jedoch eine scharfe Attacke gegen Freud. Hayek wirft Freud vor, durch seinen Einfluss auf die Erziehung zum wahrscheinlich größten Zerstörer der Kultur geworden zu sein. Indem Freud die im Unbewussten liegenden und durch Erziehung im „Über-Ich“ gezähmten Instinkte befreien will, zerstöre er die über viele Generationen entstandene Zivilisation und bereite dem Rückfall in die vom Aberglauben geprägte Stammesgesellschaft den Weg.

Doch die zivilisierte Gesellschaft, in der nicht die Instinkte, sondern die mit der Zeit gewachsenen Regeln des Zusammenlebens bestimmen, ist die Grundlage der freiheitlichen Wirtschaftsordnung, die uns den heutigen Wohlstand gebracht hat. Wird der im „Über-Ich“ verankerte Respekt für gesellschaftliche Regeln durch eine entsprechende Erziehung gezielt zerstört, zerfallen mit der zivilisierten Gesellschaft auch die freiheitliche Wirtschaftsordnung und der wirtschaftliche Wohlstand.

Die Jünger Freuds leben im Alter ihre Ängste aus

Während der vergangenen fünf Jahrzehnte gab es zwei große Angriffe auf die zivilisierte Gesellschaft. In den 60er Jahren lehnte sich die Jugend gegen die in ihren Augen altbackenen Konventionen der Nachkriegszeit auf. In Deutschland war der Generationenkonflikt aufgrund der unbewältigten Nazivergangenheit besonders scharf. Ein Teil suchte das Heil im Marxismus und denunzierte die liberale Wirtschaftsordnung als ein System der Ausbeutung. Ein anderer Teil war inspiriert von Freud und wollte sein Innerstes nach außen kehren, um sich zu befreien. Beide Teile wollten das bestehende Regelwerk aushebeln. Bezeichnend für die „Systemkritik“ der 68er ist der Kommentar von Oskar Lafontaine zum Nato-Doppelbeschluss Anfang der 80er Jahre: „Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Präzise gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

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Das war ein Stich ins Herz der bürgerlichen Tugenden, zu denen auch die liberale Wirtschaftsordnung gehörte. Das Aushebeln dieser Regeln brachte eine konstruktivistische Wirtschaftspolitik, die im Verlauf der 70er Jahre mit der wirtschaftlichen Bruchlandung in der „Stagflation“ endete. Heute ist die marxistischen Heilslehre durch den Terror der „Rote Armee Fraktion“ und das Scheitern des „real existierenden Sozialismus“ kompromittiert. Aber die Präsenz der damaligen Jünger Freuds ist noch zu spüren. Lag ihnen früher die sexuelle Befreiung am Herzen, neigen sie in fortgeschrittenem Alter eher dazu, ihre Ängste auszuleben: die vor dem eigenen Untergang und die vor dem Untergang der Welt wegen Atomkraft, Klimawandel, Dieselstickoxiden und Feinstaub. Vor diesen Ängsten gibt es keine Rechtssicherheit für die Wirtschaft.

Freud wäre vermutlich entsetzt

Der zweite Angriff erfolgte in der jüngeren Vergangenheit von den Bewegungen der neuen Rechten und der Identitären. Auch hier geht es um die Befreiung des Unbewussten, oder der Instinkte, von im Über-Ich verankerten gesellschaftlichen Konventionen. In der liberalen Gesellschaftsordnung anerzogene Toleranz von Minderheiten oder Fremden weicht dem Instinkt für die Zugehörigkeit zur Stammesgesellschaft. Der Respekt vor gesellschaftlichen Institutionen verschwindet hinter der Bewunderung für den Anführer der Stammesgesellschaft und der von Instinkten getriebenen Sicht der Dinge. Was dazu nicht passt sind „fake facts“ in „fake news“. Das „Fremde“ wird durch Grenzschließung und Handelsprotektionismus bekämpft, statt sich mit ihm auf der Grundlage allgemein gültiger Konventionen auseinanderzusetzen.

Vielleicht wäre der Mediziner Freud heute über den gesellschaftlichen Kollateralschaden seiner Theorien entsetzt. Tatsächlich haben seine psychologischen Arbeiten die Gesellschaft gehörig verändert, und zwar nicht zum Positiven, wenn man Hayek folgt. Die Aufwertung des Unbewussten und die Abwertung gesellschaftlicher Regeln haben Sand in das Getriebe der freiheitlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung geworfen. Davor hat Thomas Mann schon 1947 gewarnt: „Wenn man bedenkt, wie völlig bei der großen Mehrzahl der Menschen der Wille, der Trieb, das Interesse den Intellekt, die Vernunft, das Rechtsgefühl beherrschen und niederhalten, so gewinnt die Meinung etwas Absurdes, man müsse den Intellekt überwinden durch den Instinkt.“

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