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Mayers Weltwirtschaft : Früchte des Swexit

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Abkoppelung des Frankens vom Euro war im Januar ein Schock für die Schweiz. Doch die Aufwertung bringt dem Land langfristig Vorteile.

          Der Schock war groß. Am 15. Januar dieses Jahres gab die Schweiz die Obergrenze für den Wechselkurs des Frankens gegenüber dem Euro auf. Man sprach vom Ende der Schattenmitgliedschaft des Landes in der Europäischen Währungsunion, dem „Swexit“. Sofort nach der Bekanntgabe der Entscheidung schoss der Wechselkurs des Frankens in die Höhe und erreichte beinahe die Parität zum Euro. Viele Ökonomen sagten voraus, dass die Schweizer Wirtschaft nun in ein schwarzes Loch fallen würde. Man könne nun am Schicksal der Schweiz sehen, was Deutschland am Euro habe.

          Nachdem nun mehr als vier Monate vergangen sind, scheint eine erste Bestandsaufnahme der Folgen des Swexit möglich. Im April lag der handelsgewichtete reale Wechselkurs des Frankens 7,3 Prozent über seinem Durchschnittswert von 2014. Das Geschäftsklima in der Industrie brach während des ersten Quartals ein, erholte sich im Verlauf des zweiten Quartals jedoch wieder etwas. Das Konsumentenvertrauen zeigte insgesamt keine großen Ausschläge. Die Einschätzung der persönlichen finanziellen Lage und die Neigung zu größeren Anschaffungen verbesserten sich sogar. Im März nahm das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut KOF seine Wachstumsprognose für 2015 von 1,9 auf 0,2 Prozent zurück.

          Wachstumseinbußen weniger dramatisch als befürchtet

          Einen Monat später sah der Internationale Währungsfonds die Situation schon etwas weniger dramatisch und sagte in seiner Frühjahrsprognose ein Wachstum von 0,8 Prozent voraus, nach 1,6 Prozent im Herbst 2014. Für die Arbeitslosenrate erwartete er einen leichten Anstieg von 3,2 Prozent im vorigen Jahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Ein schwarzes Loch beschreiben diese Zahlen nicht.

          Nun ist zwar unbestritten, dass die Währungsaufwertung die Produktion in der Exportindustrie drückt. Aber sie bringt den Wirtschaftsakteuren auch Wohlstandsgewinne aus der Ersparnis bei den Ausgaben für Importe. Bei einer Aufwertung von 7,3 Prozent macht das auf der Basis der Importrechnung von 2014 rund 30 Milliarden Schweizer Franken oder 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Von diesem Betrag profitieren alle Inländer, von der Schülerin bis zum Greis, ihren Konsumgewohnheiten entsprechend. Ebenso profitieren die Produzenten von nicht handelbaren Gütern für den heimischen Verbrauch, da die Verbraucher mehr Geld in der Tasche haben.

          Dagegen verlieren die Produzenten von handelbaren Gütern. Ganz schlimm trifft es diejenigen, die im Ausland oder an Besucher aus dem Ausland verkaufen, aber alle Produktionskosten im Inland begleichen müssen, wie beispielsweise die Touristik. Doch sind die Verlierer emsig dabei, ihre Verluste durch eine effizientere Organisation ihrer Produktion und erhöhte Flexibilität der bei ihnen Beschäftigten zu minimieren. Deshalb halten sich die Wachstumsverluste in Grenzen. Wie schon öfter in der Vergangenheit werden die Aufwertungsgewinne permanent, die Aufwertungsverluste dagegen vorübergehend sein.

          Deutschland erleidet Nachteile aus Euro-Schwäche

          Einige deutsche Kommentatoren zeigten sich zu Anfang des Jahres froh darüber, dass Deutschland dank des Euros nicht das Schicksal der Schweiz erleiden würde. Betrachtet man die Dinge jedoch ohne merkantilistische Scheuklappen, dann kommt man zu einem anderen Schluss. Zwar haben viele Volkswirte zu Anfang dieses Jahres ihre Wachstumsprognosen etwas nach oben revidiert, aber den vermeintlich besseren Aussichten steht der Wohlstandsverlust aus der Abwertung des Euro gegenüber. Nach Rechnung der OECD lag der handelsgewichtete reale Wechselkurs für Deutschland im März 5,7 Prozent unter seinem Durchschnittswert von 2014. Nehmen wir diese Abwertung für das Gesamtjahr an, so dürfte die deutsche Importrechnung dieses Jahr wechselkursbedingt um rund 65 Milliarden Euro oder 2,2 Prozent des BIP steigen.

          Diesem Verlust der inländischen Verbraucher stehen Gewinne der Unternehmen gegenüber, die für den Export produzieren oder mit Importeuren konkurrieren. Die Gewinne fallen zunächst bei den Eigentümern an. Doch die Gewerkschaften werden einen Teil davon über Lohnerhöhungen für ihre Klientel vereinnahmen. Als Folge davon steigen die Preise über die abwertungsbedingten Erhöhungen hinaus und belasten die nicht gewerkschaftlich organisierten Gruppen der Gesellschaft noch stärker. Die Abwertung nimmt den Druck zur Effizienzsteigerung, und der Verteilungskampf erzeugt Effizienzverluste. Am Ende lösen sich die Abwertungsgewinne wieder auf, während die Verluste bleiben.

          Quelle: F.A.S.

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