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Mayers Weltwirtschaft : Euro-Märchen

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Manche sagen, Deutschland profitiere vom schwachen Euro. Das ist Unsinn.

          Es gibt Leute, die sehen einen Vorteil des Euro für Deutschland darin, dass die gemeinsame Währung schwächer gegen andere Währungen notiert, als dies wohl für die D-Mark der Fall gewesen wäre. Das ist Unsinn. Bei einem schwachen Wechselkurs verkaufen die Exporteure ihre Produkte zu einem niedrigen Preis auf dem Weltmarkt. Sind die Produkte nicht attraktiv, ist der niedrige Preis nötig, um genügend Devisen zur Finanzierung der Importe einzunehmen.

          Sind die Produkte dagegen begehrt, dann ist die Nachfrage bei dem niedrigen Preis hoch und die Exporterlöse übersteigen die Ausgaben für Importe. Genau dies ist in Deutschland nach Einführung des Euro geschehen. Lag der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands zu den Zeiten, als sich die D-Mark noch gegen andere Währungen aufwerten konnte, im Schnitt der Jahre 1971 bis 1998 bei weniger als einem Prozent des BIP, so stieg er wegen des für Deutschland zu schwachen Wechselkurses der Gemeinschaftswährung auf 6,5 Prozent des BIP im Schnitt von 2006 bis 2013. Mit dem Euro verkaufen wir deutsche Produkte zu billig und zahlen zu viel für die Importe (weswegen wir zu wenige kaufen).

          Ein Teil der Exportüberschüsse ging durch falsche Anlage im Ausland verloren

          Doch damit nicht genug. Die Einnahmen aus den Exportüberschüssen müssen im Ausland angelegt werden, und dabei machen wir gehörige Verluste. Dies kann man daran sehen, dass die kumulierten Überschüsse der Leistungsbilanz größer sind als die Steigerung des deutschen Nettovermögens im Ausland im gleichen Zeitraum. Diese Diskrepanz weist darauf hin, dass ein Teil der Exportüberschüsse durch falsche Anlage verloren ging. Für die vierzehn Jahre von der Einführung des Euro bis 2012 betrug diese Differenz 291 Milliarden Euro, was mehr als zehn Prozent des deutschen BIP ausmacht. Berechnet man dieselbe Differenz für laufende 14-Jahres- Zeiträume in der Vergangenheit, fällt auf, dass die kumulierten Leistungsbilanzüberschüsse die Veränderungen der Nettoauslandsforderungen ab 2008, dem Jahr nach Beginn der Finanzkrise, systematisch überstiegen und 2011 mit 382 Milliarden Euro ihren Höhepunkt erreichten. Davor wechselten positive und negative Differenzen ab, woraus sich schließen lässt, dass vor 2008 keine systematischen Verluste entstanden.

          Um Verluste in der Zukunft zu vermeiden, sollten wir entweder deutsche Exporte teurer verkaufen und Importe billiger einkaufen oder wir sollten zumindest unsere Exportüberschüsse im Ausland ertragreicher anlegen. Ohne eigene Währung können wir aber eine Aufwertung unseres realen Wechselkurses nur erreichen, wenn die Preise von in Deutschland hergestellten Gütern und Dienstleistungen sowie deutsche Einkommen schneller steigen als die in unseren europäischen Partnerländern. Um Wettbewerbsverluste gegenüber Konkurrenten außerhalb der Währungsunion zu vermeiden, müsste der Euro gegenüber anderen Währungen entsprechend abwerten. Unsere EWU-Partner dürften diese Abwertung jedoch nicht in ihre eigenen Preise und Löhne weitergeben, sondern müssten sie nutzen, um verlorene Wettbewerbsfähigkeit gegenüber uns und dem EWU-Ausland wiederzugewinnen. Damit dies gelingen kann müssten sowohl wir als auch die Partner über die eigenen Schatten springen, indem wir für einige Zeit eine höhere Inflation tolerieren und die Partner Kosten und Preise trotz Abwertung des Euro stabil halten. Gleichzeitig müsste die EZB eine solche Abwertung am Devisenmarkt durchsetzen. Die Aussichten, dass sich all dies wie beschrieben verwirklichen ließe, sind nicht sehr gut. Bei uns sind Preissteigerungen äußerst unbeliebt, während sich unsere Partner in der Vergangenheit oft vergeblich um Preisstabilität bemüht haben.

          Alternativ könnten wir versuchen, unsere Exportüberschüsse im Ausland besser anzulegen. Da unsere Banken, Versicherungen und Privatanleger dabei bisher enttäuscht haben, habe ich in einer früheren Kolumne einen öffentlichen Vermögensbildungsfonds nach dem Vorbild anderer Länder mit hohen Exportüberschüssen vorgeschlagen. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass eine attraktive Verzinsung möglich ist, wenn der Staat private Ersparnis einsammelt und die Anlage im Ausland über konkurrierende private Vermögensverwalter organisiert. Nach eigenen Angaben haben etwa die Staatsfonds Norwegens und Singapurs in den letzten zehn bis zwanzig Jahren eine jährliche Rendite von drei oder vier Prozent nach Inflation erzielt. Doch dürften die bei uns üblichen Bedenkenträger diese Vorgehensweise verhindern. Wir werden uns wohl damit abfinden müssen, dass uns der Euro schlechtere Auslandspreise und Verluste bei der Anlage unserer Exportüberschüsse beschert. Die Politik sollte so ehrlich sein, dies einzugestehen.

          Quelle: F.A.S.

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