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Mayers Weltwirtschaft Ein Marathon

Die letzten zehn Kilometer sind stets am härtesten. Auch für Griechenland.

Anfang vergangener Woche schien noch alles in Ordnung in Athen. Statt Demonstranten tummeln sich Touristen auf dem Syntagma Platz, und in den Gesprächen wirken die griechischen Partner gelassener als in den Vorjahren. Es scheint ein Stück Normalität zurückgekehrt zu sein. Nur fremdländisch aussehende Anzugsträger, die in kleinen Gruppen das Finanzministerium betreten, werden mit Buhrufen von einer Wache haltenden Menge bedacht, die in ihnen Repräsentanten der Troika von IWF, EZB und EU-Kommission vermuten. Und doch ähnelt die Stimmung eher der in einem Waffenstillstand im Kampf ums Überleben im Euro als nach einem Sieg. Wie die Aufregung um die Schließung des öffentlichen Rundfunks zeigt, kann sie leicht kippen.

Das Erreichen der Ziellinie ist
keineswegs garantiert

Die Partner bemühen das Bild des Marathonlaufs: Man habe seit Beginn der Krise vielleicht drei Viertel der Strecke zurückgelegt, aber, wie jeder Läufer weiß, die letzten zehn Kilometer sind die schwersten. Das Erreichen der Ziellinie ist keineswegs garantiert. Bisher ging es darum, mit der Staatsschulden- und Bankenkrise fertig zu werden. Dabei ist einiges erreicht worden: Der Budgetsaldo des öffentlichen Haushalts nähert sich dem Ausgleich, zumindest wenn man den Schuldendienst ausklammert, und die Rekapitalisierung der Banken soll demnächst abgeschlossen werden. Sogar die Privatisierung öffentlicher Unternehmen ist trotz des jüngsten Rückschlags im Gassektor in geordneten Bahnen. Aber der Kampf gegen die wirtschaftliche Depression ist zäh. Gibt es dort nicht bald Erfolge, ist ein Überleben des Landes im Euro fraglich.

Seit Beginn der Krise ist das Bruttoinlandsprodukt um ein Viertel gefallen. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit auf 27 Prozent, die unter Jugendlichen auf mehr als 60 Prozent. Diese Zahlen stellen die Entwicklung in Amerika während der Depression der frühen dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in den Schatten. Während jedoch in den Vereinigten Staaten das Preisniveau in dieser Zeit um 24 Prozent fiel, ist es in Griechenland um beinahe 10 Prozent gestiegen, und das, obwohl die Löhne um mehr als 20 Prozent gefallen sind. Dies weist auf extrem verkrustete Marktstrukturen hin.

Es scheint, dass griechische Unternehmen lieber ihre Mitarbeiter auf die Straße setzen, als die Preise zu kürzen, um ihren Absatz zu unterstützen. Fallen die Löhne und steigt die Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig weiter steigenden Preisen, kommen die realen Einkommen der privaten Haushalte unter extremen Druck. Nachdem in Amerika die Banken stabilisiert und der Dollar gegen Gold herabgesetzt worden war, stieg das Bruttoinlandsprodukt von 1933 auf 1934 um 10 Prozent. Im Griechenland von heute wagen die optimistischsten Gesprächspartner gerade mal die Prognose eines Anstiegs von bis zu einem halben Prozent von diesem auf das nächste Jahr. Bei weiterhin hohen Preisen und ohne die Möglichkeit, wie Amerika 1934 die Währung herunterzusetzen, kann dies nicht wirklich überraschen. Sowohl die heimische Nachfrage als auch die Exporte bleiben wegen der hohen Preise zu schwach, um einen stärkeren Aufschwung möglich zu machen. Dies hat zur Folge, dass die Arbeitslosigkeit noch bis mindestens 2015 weiter steigt. Man stellt sich die bange Frage, bis zu welchem Grad eine Gesellschaft das aushalten kann. Der Aufstieg der rechtsradikalen Partei „Goldene Morgenröte“ zeigt, dass das politische Klima abstürzen kann.

Hoffen auf eine von der EU finanzierte Arbeitsmarktpolitik

Die griechischen Gesprächspartner hoffen auf eine von der EU finanzierte aktive Arbeitsmarktpolitik, die trotz ausbleibendem Wachstum den Anstieg der Arbeitslosigkeit stoppen kann. Doch die Mittel sind sehr begrenzt, und Beschäftigungsprogramme haben noch selten die Probleme auf den Arbeitsmärkten gelöst. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Licht, das manche Beobachter nun im griechischen Tunnel sehen, das sprichwörtliche Licht des entgegenkommenden Zuges der Beschäftigungskrise ist.

Darüber, wie die Dinge weitergehen, kann man nur spekulieren. Entwickelt sich die Wirtschaft wie erwartet und kann der Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht gestoppt werden, könnte sich um den Termin der europäischen und griechischen lokalen Wahlen im kommenden Jahr eine Regierungskrise entwickeln. Zerbricht die Regierung und kommen nach Neuwahlen radikale Kräfte an die Macht, könnte die weitere Mitgliedschaft des Landes im Euroraum wieder in Frage gestellt werden. Niemand will sich dies jetzt vorstellen. Noch hofft man darauf, dass die Leute besonnen bleiben. Nur eines scheint außer Zweifel: Ob mit oder ohne Euro, Griechenland wird seine Schulden an die europäischen Partner nicht zurückzahlen können.

Quelle: F.A.S.

 
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