http://www.faz.net/-gqe-72vfo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.09.2012, 14:52 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Die nächste Gefahr: Zu mächtige Zentralbanken

Der Internationale Währungsfonds will die Zentralbanken mit mehr Macht ausstatten. So will er Krisen besser eindämmen. Doch das ist der falsche Ansatz.

von Thomas Mayer
© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Die neue Dominanz der Zentralbanken über den Finanzsektor und die reale Ökonomie habe ich zuletzt immer wieder als Zentralbankgeldwirtschaft bezeichnet. Dabei war die Ähnlichkeit des Ausdrucks mit der Zentralverwaltungswirtschaft beabsichtigt. Nun befürwortet eine seltsame Allianz aus Piratenpartei und Volkswirten des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine noch darüber hinausgehende staatlich gelenkte Zentralbankgeldwirtschaft zur Vermeidung künftiger Finanzkrisen. In der Übertragung von noch mehr Macht an den Staat und seine Zentralbank lauert aber die eigentliche Gefahr.

Zum besseren Verständnis der Diskussion ist ein Exkurs über die Natur der Geldschöpfung notwendig. In unserem System leihen sich die Geschäftsbanken Geld von der Zentralbank, das diese selbst „aus dem Nichts“ kreiert, und legen nur einen kleinen Teil davon als Reserve wieder bei ihr an. Mit dem größeren Teil vergeben sie Kredite an die Nichtbanken, die wiederum als Einlagen auf der Passivseite der Bilanz der Banken auftauchen. Die Banken sind also am Geldschöpfungsprozess beteiligt und agieren wie das Getriebe eines Autos, das die von der Zentralbank bestimmte Motorleistung auf die Straße bringt. Je nach Lage der Realwirtschaft können die Banken bei der Geldschöpfung einen höheren oder niedrigeren Gang einlegen.

Der Chicago-Plan

Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts machte eine Gruppe amerikanischer Ökonomen um Irving Fisher die Geldschöpfung der Banken als wesentlichen Grund für die Aktienpreisblase der späten zwanziger Jahre und die daraus folgende Depression aus. Nach dieser Lesart entstand eine kreditgetriebene Preisblase, weil die Banken im Herdentrieb zu hohe Gänge bei der Kreditgewährung und Geldschöpfung eingelegt hatten. Um den Banken die Möglichkeit der Geldschöpfung zu verwehren, schlugen die Ökonomen in ihrem „Chicago-Plan“ vor, dass künftig alle Bankeinlagen zu hundert Prozent mit Reserven bei der Zentralbank gedeckt sein sollten.

Dadurch könnten die Banken die Kredite der Zentralbank nur noch an die Nichtbanken verteilen, aber nicht mehr ausweiten, so dass die Zentralbank die vollständige Kontrolle über die aus mit diesen Krediten geschaffenen Einlagen und Bargeld haben würde. Das monetäre Getriebe hätte also nur noch einen Gang. So attraktiv diese Idee auch für Bankenkritiker sein mag, so ging sie doch schon damals von einer falschen Fehleranalyse aus. Es war nämlich nicht in erster Linie die Geldschöpfung der Banken, sondern der von der Zentralbank zu niedrig angesetzte Kreditzins, der zu dem kreditgetriebenen Investitions- und Aktienpreiszyklus der zwanziger und dreißiger Jahre geführt hat.

In jüngster Zeit hat der „Chicago-Plan“ neue Anhänger gefunden. In einem kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier singen IWF-Ökonomen ein Loblied auf staatliche Geldschöpfung. Der Staat solle sich finanzieren, indem er über die Zentralbank Geld emittiert. Da die Banken die mit Zentralbankkredit geschaffenen Bankeinlagen vollständig mit Reserven bei der Zentralbank hinterlegen sollen, wird ihre Rolle auf die von Verwahranstalten für Buchgeld reduziert. Allenfalls dürfen sie selbst Kredite vergeben, wenn sie diese mit Eigenkapital finanzieren können. Der Staat und sein Agent, die Zentralbank, erhalten also die volle Kontrolle über die Geldmenge und den Kreditzins. In einer Modellanalyse simulieren die IWF-Ökonomen beträchtliche Wachstumsgewinne aus diesem System.

Falsche Fehleranalyse

Wie der ursprüngliche „Chicago Plan“ gehen aber auch die heutigen Befürworter von einer falschen Fehleranalyse aus. Denn die von den Zentralbanken verfolgte Niedrigzinspolitik ist die Ursache für die Kreditblase, während die Kredit- und Geldschöpfung des Finanzsektors nur als Verstärker agiert. Daher können die in den IWF-Simulationen dargestellten Wachstumsgewinne nur durch die Erzeugung einer weiteren Investitions- und Kreditblase zustande kommen, der ein noch größerer Börsenkrach folgen würde.

Zur Wiederherstellung von Stabilität ist daher nicht mehr, sondern weniger staatliche Lenkung des Kredits nötig. Wenn in vollem Umfang haftende Banken Kredite in freier Entscheidung vergeben, werden sich ein Kredit- und Geldvolumen sowie ein Kreditzins ergeben, die im Einklang mit den Bedürfnissen der realen Wirtschaft stehen. Es wäre daher sinnvoller, darüber nachzudenken, wie Kreditvergabe und Haftung im Finanzsektor wieder zusammengeführt werden können.

Quelle: F.A.S.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studie IWF hält Deutsche Bank für gefährlich

Drastische Worte aus Washington: Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds halten die Deutsche Bank für risikoreicher als alle anderen bedeutenden Geldhäuser. Mehr

30.06.2016, 13:24 Uhr | Wirtschaft
Fintech Hub Frankfurt Fintech vs. Banken

Fintech vs. Banken Mehr

16.06.2016, 15:24 Uhr | Wirtschaft
BIZ-Jahresbericht Märkte in Gefahr

Der Brexit hat die Börsen in Aufruhr versetzt. Doch das ist längst nicht das einzige Problem, glaubt die Zentralbank der Zentralbanken: Sie sieht noch einige Risiken mehr. Mehr Von Markus Frühauf

27.06.2016, 06:22 Uhr | Finanzen
Cum-Ex-Geschäfte Der größte Steuerbluff aller Zeiten

Cum-Ex sind zwielichtige Aktiengeschäfte, mit denen Banken Milliarden Steuern gespart haben. Wie haben die das nur wieder geschafft? Mehr Von Corinna Budras

13.06.2016, 15:27 Uhr | Finanzen
Banken Griechen bekommen billiges EZB-Geld

Griechische Banken können in Kürze wieder von der billigen Geldversorgung über die EZB profitieren. Die EZB will griechische Staatsanleihen wieder als Pfand akzeptieren. Mehr

23.06.2016, 17:04 Uhr | Wirtschaft

Wer ist der bessere Fahrer – Mensch oder Computer?

Von Holger Appel

Was hat zu dem tödlichen Unfall in einem von Computern gesteuerten Auto geführt? War der Fahrer übermütig? Hätte das Auto nicht trotzdem bremsen müssen? Es stellen sich nun sehr grundsätzliche Fragen. Mehr 13 24

Grafik des Tages Ist der Mindestlohn schlimm?

Seit anderthalb Jahren gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn. Immer noch zweifeln viele Firmen, dass er ihre Erträge schmälern wird - besonders in einer Branche. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden