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Mayers Weltwirtschaft Die nächste Gefahr: Zu mächtige Zentralbanken

Der Internationale Währungsfonds will die Zentralbanken mit mehr Macht ausstatten. So will er Krisen besser eindämmen. Doch das ist der falsche Ansatz.

© Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt.

Die neue Dominanz der Zentralbanken über den Finanzsektor und die reale Ökonomie habe ich zuletzt immer wieder als Zentralbankgeldwirtschaft bezeichnet. Dabei war die Ähnlichkeit des Ausdrucks mit der Zentralverwaltungswirtschaft beabsichtigt. Nun befürwortet eine seltsame Allianz aus Piratenpartei und Volkswirten des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine noch darüber hinausgehende staatlich gelenkte Zentralbankgeldwirtschaft zur Vermeidung künftiger Finanzkrisen. In der Übertragung von noch mehr Macht an den Staat und seine Zentralbank lauert aber die eigentliche Gefahr.

Zum besseren Verständnis der Diskussion ist ein Exkurs über die Natur der Geldschöpfung notwendig. In unserem System leihen sich die Geschäftsbanken Geld von der Zentralbank, das diese selbst „aus dem Nichts“ kreiert, und legen nur einen kleinen Teil davon als Reserve wieder bei ihr an. Mit dem größeren Teil vergeben sie Kredite an die Nichtbanken, die wiederum als Einlagen auf der Passivseite der Bilanz der Banken auftauchen. Die Banken sind also am Geldschöpfungsprozess beteiligt und agieren wie das Getriebe eines Autos, das die von der Zentralbank bestimmte Motorleistung auf die Straße bringt. Je nach Lage der Realwirtschaft können die Banken bei der Geldschöpfung einen höheren oder niedrigeren Gang einlegen.

Der Chicago-Plan

Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts machte eine Gruppe amerikanischer Ökonomen um Irving Fisher die Geldschöpfung der Banken als wesentlichen Grund für die Aktienpreisblase der späten zwanziger Jahre und die daraus folgende Depression aus. Nach dieser Lesart entstand eine kreditgetriebene Preisblase, weil die Banken im Herdentrieb zu hohe Gänge bei der Kreditgewährung und Geldschöpfung eingelegt hatten. Um den Banken die Möglichkeit der Geldschöpfung zu verwehren, schlugen die Ökonomen in ihrem „Chicago-Plan“ vor, dass künftig alle Bankeinlagen zu hundert Prozent mit Reserven bei der Zentralbank gedeckt sein sollten.

Dadurch könnten die Banken die Kredite der Zentralbank nur noch an die Nichtbanken verteilen, aber nicht mehr ausweiten, so dass die Zentralbank die vollständige Kontrolle über die aus mit diesen Krediten geschaffenen Einlagen und Bargeld haben würde. Das monetäre Getriebe hätte also nur noch einen Gang. So attraktiv diese Idee auch für Bankenkritiker sein mag, so ging sie doch schon damals von einer falschen Fehleranalyse aus. Es war nämlich nicht in erster Linie die Geldschöpfung der Banken, sondern der von der Zentralbank zu niedrig angesetzte Kreditzins, der zu dem kreditgetriebenen Investitions- und Aktienpreiszyklus der zwanziger und dreißiger Jahre geführt hat.

In jüngster Zeit hat der „Chicago-Plan“ neue Anhänger gefunden. In einem kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier singen IWF-Ökonomen ein Loblied auf staatliche Geldschöpfung. Der Staat solle sich finanzieren, indem er über die Zentralbank Geld emittiert. Da die Banken die mit Zentralbankkredit geschaffenen Bankeinlagen vollständig mit Reserven bei der Zentralbank hinterlegen sollen, wird ihre Rolle auf die von Verwahranstalten für Buchgeld reduziert. Allenfalls dürfen sie selbst Kredite vergeben, wenn sie diese mit Eigenkapital finanzieren können. Der Staat und sein Agent, die Zentralbank, erhalten also die volle Kontrolle über die Geldmenge und den Kreditzins. In einer Modellanalyse simulieren die IWF-Ökonomen beträchtliche Wachstumsgewinne aus diesem System.

Falsche Fehleranalyse

Wie der ursprüngliche „Chicago Plan“ gehen aber auch die heutigen Befürworter von einer falschen Fehleranalyse aus. Denn die von den Zentralbanken verfolgte Niedrigzinspolitik ist die Ursache für die Kreditblase, während die Kredit- und Geldschöpfung des Finanzsektors nur als Verstärker agiert. Daher können die in den IWF-Simulationen dargestellten Wachstumsgewinne nur durch die Erzeugung einer weiteren Investitions- und Kreditblase zustande kommen, der ein noch größerer Börsenkrach folgen würde.

Zur Wiederherstellung von Stabilität ist daher nicht mehr, sondern weniger staatliche Lenkung des Kredits nötig. Wenn in vollem Umfang haftende Banken Kredite in freier Entscheidung vergeben, werden sich ein Kredit- und Geldvolumen sowie ein Kreditzins ergeben, die im Einklang mit den Bedürfnissen der realen Wirtschaft stehen. Es wäre daher sinnvoller, darüber nachzudenken, wie Kreditvergabe und Haftung im Finanzsektor wieder zusammengeführt werden können.

Quelle: F.A.S.

 
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