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Mayers Weltwirtschaft : Die Inflations-Lüge

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Zentralbanken tun gerne so, als könnten sie die Inflation präzise steuern. Die Wahrheit sieht leider anders aus.

          Geldpolitik ist eine knifflige Sache. Allein die Idee, mit Geld Politik machen zu wollen, kann Misstrauen säen. Um dem vorzubeugen, haben die Regierungen die Geldpolitik an unabhängige Zentralbanken ausgelagert. Diese mit viel Personal ausgestatteten Behörden sollen dafür sorgen, dass unser Geld stetig und kontrolliert an Kaufkraft verliert. Dabei sollen sie so wissenschaftlich und präzise vorgehen, dass ihre Arbeit der des Zahnarztes gleicht, der Löcher füllt. Dieser Vergleich stammt von John Maynard Keynes aus einer Zeit, als die Geldpolitik gerade erfunden wurde. Keynes würde heute wohl einen großen Bogen um jeden Zahnarzt machen, der so wenig weiß, was er tut, wie unsere Zentralbanken.

          Solange das Geld noch auf die eine oder andere Art an Gold gebunden war, hatten die Zentralbanken nur einen begrenzten Spielraum für Geldpolitik. Das änderte sich mit Lösung des Dollars vom Gold Anfang der siebziger Jahre. Die erste Dekade der nun freien Geldpolitik endete im inflationären Chaos. Rettung kam von der Wissenschaft, die beobachtet hatte, dass es in der Vergangenheit einen Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Geldmenge und der Inflation der Konsumentenpreise gegeben hatte.

          „Die Geldmenge hat uns verlassen“

          Anfang der achtziger Jahre setzten sich viele Zentralbanken nun das Wachstum der Geldmenge als Zwischenziel, um die von ihnen gewünschte Inflation herbeizuführen. Ein paar Jahre ging das gut, bis die Leute neue Geldformen erfanden, so dass sich der Zusammenhang zwischen der von den Zentralbanken angepeilten Geldmenge und der Inflation auflöste. Berühmt ist der Spruch des kanadischen Zentralbankpräsidenten aus dieser Zeit: „Nicht wir haben die Geldmenge, sondern die Geldmenge hat uns verlassen.“

          Anfang der neunziger Jahre suchten sich die Zentralbanken ein anderes Zwischenziel. Sie fanden die Kapazitätsauslastung der Wirtschaft. Der Ökonom Phillips hatte Ende der fünfziger Jahre einen engen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenrate und dem Lohnwachstum beobachtet: Je niedriger die Arbeitslosigkeit, desto höher die Lohnsteigerungen. Dieser Zusammenhang wurde als „Phillips-Kurve“ berühmt. Nun stürzten sich die Zentralbanken auf die Phillips-Kurve und bauten sie in komplexe Modelle der Wirtschaft ein. Aus dem Lohnwachstum leiteten sie die Inflation, und aus der Arbeitslosenrate die Kapazitätsauslastung der Wirtschaft ab. Durch Steuerung der Kapazitätsauslastung über die Zinspolitik wollten sie die angestrebte Inflationsrate erreichen.

          Kein stabiler Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit

          Dumm nur, dass man sich auf die Phillips-Kurve nicht verlassen kann. In den Vereinigten Staaten war der Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit von 1959 bis 1969 negativ (wie von Phillips behauptet), dann aber von 1970 bis 2001 positiv und von 2002 bis 2009 wieder negativ. Seit 2010 ist kein Zusammenhang mehr zu sehen. Im Euroraum bestand ein leicht negativer Zusammenhang von 1996 bis 2009, aber wie in den Vereinigten Staaten kein Zusammenhang mehr seit 2010 (zu sehen hier).

          Für den starken positiven Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation in den siebziger Jahren machen Ökonomen den Vertrauensverlust in die damals erratische Geldpolitik verantwortlich. Es dauerte dann allerdings wohl noch bis Anfang des neuen Jahrtausends, bis die Phillips-Kurve wieder ihre gewohnte Form angenommen hatte. Nun rätselt man über den Zusammenbruch der Kurve in diesem Jahrzehnt. Vielleicht haben Globalisierung und technischer Fortschritt die Kapazitätsgrenzen einer Volkswirtschaft ins Ungefähre verschoben? Vielleicht tobt sich die Inflation heute eher in den Preisen von Vermögenswerten aus?

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          Die Zentralbanken haben mit ihrer Inflationssteuerung über die Phillips-Kurve ebenso Schiffbruch erlitten wie vordem mit der Steuerung über die Geldmenge. Der Unterschied zwischen damals und heute ist nur, dass sie dies damals zugegeben haben, aber sich heute davor scheuen. Dafür gibt es einen guten Grund: Würden sie es zugeben, würde ihre Ratlosigkeit für alle offenbar.

          Wären sie ehrlich, dann müssten die Zentralbanken eingestehen, dass sie die Inflation nicht so präzise steuern können wie sie vorgeben. Die Lösung dafür wäre gar nicht so schwer: die Ausweitung der Geldmenge nach einer festen Formel (wie bei der Kryptowährung Bitcoin) und das Ende jeglicher staatlicher Garantie für das von den Banken über Kreditvergabe geschaffene private Schuldgeld (also unser heutiges Giralgeld). Der Vorteil für den Bürger wäre, dass Geldschaffung nun nicht mehr als Instrument der Politik dienen könnte. Genau dies sehen aber die Politiker und die sie beratenden Volkswirte als den größten Nachteil an.

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