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Mayers Weltwirtschaft : Die EZB ist auf Irrwegen

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Das Beispiel Japan zeigt, dass eine ultralockere Geldpolitik nicht immer Wachstum bringt. Die Europäer sollten sie beenden und nicht ausweiten.

          Kommenden Donnerstag wird der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) sein letztes von einer Pressekonferenz begleitetes Treffen in diesem Jahr abhalten. Die Erwartungen sind groß, dass er bei dieser Gelegenheit eine weitere Lockerung der Geldpolitik beschließen wird.

          Auf dem europäischen Bankenkongress in Frankfurt vor zehn Tagen hat EZB-Präsident Mario Draghi diese Erwartungen noch einmal kräftig angeheizt. Zwar stellte er fest, dass sich die Konjunktur im Euroraum gefestigt hätte. Aber er hob hervor, dass der Aufschwung seit der letzten Rezession nur schwach ausgefallen ist und die Inflation weit unter der Zielmarke der EZB von knapp zwei Prozent verharrt. Sollte der Rat auf der Grundlage neuer Prognosen des Stabes zu dem Schluss kommen, dass die Konjunkturerholung und Rückkehr zum Inflationsziel der EZB weiter gefährdet wären, dann würden alle innerhalb des Mandats der EZB verfügbaren Instrumente eingesetzt werden, um die Risiken zu bekämpfen. Dazu gehöre eine Ausweitung des Ankaufprogramms für Anleihen und weitere Absenkung des jetzt schon negativen Zinses auf Bankeinlagen bei der EZB.

          Während Draghi auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik drängt, hält die Bank von Japan still und die Federal Reserve will demnächst sogar die Zinsen erhöhen. Was unterscheidet die EZB von den beiden anderen Zentralbanken? Was den Umfang der „quantitativen Lockerung“ durch Ausweitung der Bilanz angeht, liegen Federal Reserve und EZB gegenwärtig ungefähr gleichauf. Beide Zentralbanken haben ihre Bilanzsumme auf rund 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufgestockt. Allerdings ging die Fed mit einer Bilanz in die Finanzkrise, die etwa halb so groß war wie die der EZB. Die Bank von Japan hat ihre Bilanz am stärksten ausgeweitet. Schon vor Beginn der neuen Politik der Regierung Abe im Jahr 2013, den „Abenomics“, betrug die Bilanzsumme der japanischen Zentralbank gut 30 Prozent des BIP. Heute liegt sie bei rund 73 Prozent und wächst wie die der EZB bei gleichbleibender Politik weiter.

          Bei der Senkung der Zinsen ging die EZB weiter als die beiden anderen Zentralbanken. Durch die Absenkung des Einlagezinses für Banken auf minus 0,2 Prozent sind nun die Renditen auf deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von bis zu sieben Jahren im negativen Bereich. Dies hat nicht nur die Kreditvergabe der Banken angeregt, sondern auch den Wechselkurs des Euro gedrückt. Während die EZB die Zinsen unter die Nulllinie zwang, sank der handelsgewichtete nominale Wechselkurs des Euro um 14 Prozent. Nimmt man Bilanz- und Zinspolitik zusammen, ist die EZB deutlich weitergegangen als die Federal Reserve. Doch ist sie noch nicht so aggressiv wie die Bank von Japan, die in den vergangenen zwei Jahren ihre Bilanzsumme um 40 Prozent des BIP ausgeweitet und eine Abwertung des handelsgewichteten nominalen Wechselkurses des Yen um 33 Prozent angestoßen hat.

          Dabei könnte die EZB Gründe finden, der Bank von Japan nachzueifern. Vom Tiefpunkt der Rezession im ersten Quartal 2009 bis zum Beginn von „Abenomics“ im Jahr 2013 wuchs das japanische reale BIP mit einer Jahresrate von 2,0 Prozent wie im vorangegangenen Aufschwung. Dagegen ist das reale BIP des Euroraumes seit dem Tiefpunkt der Rezession nur mit jährlich 0,8 Prozent gewachsen, weit unter der Rate von 2,5 Prozent des vorangegangenen Aufschwungs. Die Erholung im Euroraum fällt auch im Vergleich mit den Vereinigten Staaten sehr schwach aus, wo die Wirtschaft in diesem Aufschwung mit jährlich 2,1 Prozent nach 2,7 Prozent im vorangegangenen gewachsen ist. Wenn es also die Bank von Japan Anfang 2013 nötig fand, die Geldpolitik aggressiv zu lockern, um Wachstum und Inflation anzuheizen, dann müsste das heute doch für die EZB umso mehr gelten. Oder etwa nicht?

          Die Erfolgsbilanz der aggressiven Politik der Bank von Japan fällt jedoch sehr ernüchternd aus. Die Geldpolitik konnte nicht verhindern, dass das Wachstum des realen BIP seit Beginn von „Abenomics“ auf eine Jahresrate von gerademal 0,8 Prozent zurückgefallen ist. Auch die Inflationsrate liegt nach einem vorübergehenden Anstieg wieder bei null und ist damit meilenweit von ihrem Zielwert von 2 Prozent entfernt. Weder die Abwertung des Yen um ein Drittel noch die Verdoppelung der Bilanzsumme der Bank von Japan konnten bisher Wachstum und Inflation herbeizwingen.

          Um einen ähnlichen Misserfolg wie den der Bank von Japan zu vermeiden, wäre die EZB gut beraten, die expansive Ausrichtung ihrer Politik nicht weiter zu verschärfen. Klüger wäre es, im Windschatten der Federal Reserve den Ausstieg aus einer Politik vorzubereiten, die Hoffnungen weckt, welche sie nicht erfüllen kann. Doch für diese Politikwende müsste die EZB über ihren eigenen Schatten springen können.

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