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Mayers Weltwirtschaft : Die Entmündigung des Volkes

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Angeführt von Angela Merkel und Martin Schulz will der Wohlfahrtsstaat uns vorschreiben, wie wir zu leben haben.

          Der ökologische Wohlfahrtsstaat verspricht uns Wohlgefühl und Sicherheit, wie es das Volksheim der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik nie vermocht hat. Im Gegensatz zu diesem will der ökologische Wohlfahrtsstaat nicht nur sozial, sondern eben auch ökologisch sein. Aber wie dieses wird er beinahe von allen politischen Kräften unterstützt. Gegenwärtig gibt es gegen den ökologischen Wohlfahrtsstaat höchstens eine kleine außerparlamentarische Opposition. Auch im nächsten Bundestag kann sich der ökologische Wohlfahrtsstaat einer breiten Unterstützung sicher sein, ganz egal ob die Regierung von Angela Merkel oder Martin Schulz angeführt wird.

          Längst ist der ökologische Wohlfahrtsstaat über die Sorge für die Abfuhr des Hausmülls und die geruchsfreie Entsorgung des Abwassers hinausgewachsen. Angesichts des Rückzugs Gottes aus unserer Umwelt kümmert er sich nun um alles bis zum Erhalt der Schöpfung. Dabei weiß er genau, wie wir unsere Energie zu produzieren haben (mit Windrädern und Solarzellen) und unsere Autos motorisieren müssen (Elektromotor, Dieselmotor war mal besser als Benzinmotor, ist nun aber schlechter). Statt des Viehs auf der Weide sollen wir gleich direkt das Gemüse essen, da wir bei der Verdauung weniger Kohlendioxyd ausstoßen als die Wiederkäuer. Hilfreich vermisst er unsere „ökologischen Fußabdrücke“, so dass wir weniger raumgreifend aufzutreten lernen.

          Der ökologische Wohlfahrtsstaat sorgt sich mindestens ebenso um soziale Gerechtigkeit wie um den Erhalt der Schöpfung. Er weiß, wie viel wir mindesten und wie viel wir höchstens verdienen dürfen. Er nimmt denen, die zu viel haben, und gibt es den Armen. Da er immer wieder errechnet, dass die Zahl der Armen in schlechten wie in guten Zeiten steigt, ist seine Arbeit nie getan. Er sorgt für uns in Krankheit und im Alter ohne Rücksicht auf die Kosten, denn er ist entschieden gegen die Ökonomisierung unseres Lebens. Soziale Gerechtigkeit im Inland ergänzt der ökologische Wohlfahrtsstaat um internationale Solidarität. Er unterstützt unsere europäischen Nachbarn und eigentlich alle ärmeren Länder dieser Welt (obwohl für letztere wegen des hohen Bedarfs der ersteren nicht mehr so viel übrig bleibt). Da er gegen militärische Gewalt und nachrichtendienstliche Drecksarbeit ist, überlässt er die Landesverteidigung den Vereinigten Staaten, die dafür besser geeignet sind.

          Der ökologische Wohlfahrtsstaat wird von der Regierung geführt wie ein Unternehmen, das sich die Maximierung des Glücks seiner Mitarbeiter statt des Gewinns seiner Aktionäre zum Ziel gesetzt hat. Angesichts der noch in den Kinderschuhen steckenden Glücksforschung hört die Regierung auf die Glückswünsche der in Verbänden organisierten Einwohner des ökologischen Wohlfahrtsstaats. Kein Verband kann schlecht sein (Ausnahme: Waffen- und Tabaklobby), aber manche kennen das Glück der Menschen besser als andere (besser: Gewerkschaften, schlechter: Unternehmerverbände). Wo sich Menschen der Einsichten verweigern, die sie zu ihrem Glück führen, verzichtet der ökologische Wohlfahrtsstaat weise auf Zwangsmaßnahmen (Ausnahme: Steuereintreibung). Stattdessen „schubst“ er sie zu ihrem eigenen Wohl auf den zu ihrem Glück führenden Weg (und nicht nur unverbesserliche Raucher und Zuckerschlecker). Aber nicht nur das richtige Handeln, sondern auch das richtige Denken seiner Bürger ist dem ökologischen Wohlfahrtsstaat ein Anliegen (Nazi ist ganz schlecht, rechts ist schlecht, links eigentlich gut, hat aber selten geklappt). Zur Hilfestellung beim Denken leistet er sich den teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Welt.

          Schon im neunzehnten Jahrhundert hat Alexis de Tocqueville erahnt: „Über (seinen) Bürgern erhebt sich eine gewaltige Vormundschaftsgewalt, die es allein übernimmt, ihr Behagen sicherzustellen und über ihr Schicksal zu wachen. Sie ist absolut, ins einzelne gehend, pünktlich, vorausschauend und milde. Sie würde der väterlichen Gewalt gleichen, hätte sie – wie diese – die Vorbereitung der Menschen auf das Mannesalter zum Ziel; sie sucht aber, im Gegenteil, die Menschen unwiderruflich in der Kindheit festzuhalten; sie freut sich, wenn es den Bürgern gut geht, vorausgesetzt, dass diese ausschließlich an ihr Wohlergehen denken. Sie arbeitet gern für ihr Glück; aber sie will allein daran arbeiten und allein darüber entscheiden; sie sorgt für ihre Sicherheit, sieht und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, leitet ihre gewerblichen Unternehmungen, regelt ihre Erfolge und teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht vollends die Sorge, zu denken, abnehmen und die Mühe, zu leben?“ Auch dafür wird der ökologische Wohlfahrtsstaat bald sorgen.

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