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Mayers Weltwirtschaft : Die bizarre Politik der Fed

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Amerikas Notenbank wird aus Schaden nicht klug. Ihre Geldpolitik beruht auf Vereinfachungen und ignoriert die Folgen für die Welt.

          Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab’ ich mich nicht getraut. Mit diesem Satz von Karl Valentin kann man die Politik der amerikanischen Federal Reserve gut beschreiben. Seit geraumer Zeit will sie die Zinsen erhöhen, aber geschafft hat sie dies bisher nicht. Nun nimmt sie einen neuen Anlauf, und springt vielleicht sogar schon in der kommenden Woche. Man wäre geneigt, zu sagen „na endlich“, wäre da nicht der bizarre Ansatz, auf dessen Grundlage sie ihre Geldpolitik gestaltet. Deswegen will sie seit geraumer Zeit mögen, aber getraut sich nicht, zu dürfen.

          Seit Monaten weisen die Mitglieder des Open Market Committee, des Zentralbankrats der Fed, auf die sich stetig verbessernde Lage am amerikanischen Arbeitsmarkt hin. Da die Wirtschaft wacker neue Jobs schafft, ist die Arbeitslosigkeit in die Nähe der Rate gefallen, an der die Fed Vollbeschäftigung sieht und einen Anschub für Löhne und Konsumentenpreise erwartet. Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gleicht aber einem Beschäftigungswunder, da Wachstum und Inflation niedriger sind als es bei Vollbeschäftigung zu erwarten wäre. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Deshalb will man nun vorsorglich die Zinsen heraufsetzen, wenn man sich denn traut.

          Bizarr sind bei diesem Ansatz für die Geldpolitik die extreme, ja unzulässige Vereinfachung ökonomischer Zusammenhänge und die völlige Ausblendung der internationalen Rückwirkungen der amerikanischen Geldpolitik. Die theoretische Grundlage der Fed-Politik liefert der von dem britischen Statistiker und Ökonomen Phillips im Jahr 1958 gefundene Zusammenhang zwischen Veränderungen von Löhnen auf der einen und der Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite. Zwar haben Generationen von Ökonomen Phillips’ Kurve, die diesen Zusammenhang grafisch darstellte, verfeinert und in makroökonomische Modelle eingebaut, aber die Lage auf dem Arbeitsmarkt blieb der wesentliche Grund für Inflation. Alle anderen Einflussfaktoren aus dem In- und Ausland blieben ausgeblendet. So spielte die Entwicklung auf den Finanzmärkten und Märkten für Vermögenswerte ebenso wenig eine Rolle wie die auf den Devisenmärkten. Immer wieder geriet die amerikanische Wirtschaft in Schwierigkeiten, wenn die Fed diesem Modell folgend die Zinsen erhöhte.

          Als sie nach einer langen Phase sehr niedriger Zinsen, während der die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt war, Anfang 1994 die Zinsen anhob, stürzte der Rentenmarkt ab und drohte, die Wirtschaft abermals in die Rezession zu reißen. Die Fed musste ein Jahr später die Zinsen wieder senken. Als sie nach dem Crash am Aktienmarkt im Jahr 2000 die Zinsen verringerte, trug die Fed zum Aufbau einer Immobilien- und Kreditblase bei. Nach einigen Zinsanhebungen platzte diese Blase im Jahr 2007 und löste die Finanzkrise aus, während der die Zinsen auf ein in der Geschichte noch nie gesehenes Tief gedrückt wurden. Und nun zeigt das gleiche Modell, auf dessen Grundlage in der Vergangenheit eine Politik verfolgt wurde, die zu erheblicher Instabilität der Wirtschaft beitrug, erneuten Handlungsbedarf an. Mögen täte die Fed deshalb schon wollen, aber sobald sie über den Tellerrand ihres Modells hinausschaut, weiß sie nicht mehr, ob sie sich auch trauen darf.

          Man muss kein Wahrsager sein, um prophezeien zu können, dass die Zinsanhebungen dieses Mal zögerlich und in kleinen Schritten mit langen Pausen erfolgen werden. Im Jahr 1994 schleuste die Fed die Zinsen zügig nach oben – mit dem Ergebnis, dass der Rentenmarkt kollabierte. Zwischen Juni 2004 und Juni 2006 hob sie die Zinsen in homöopathischen Dosen um 0,25 Prozent alle sechs Wochen an. Das Resultat war, dass sich die Finanzmärkte zunächst völlig unbeeindruckt zeigten und dann plötzlich ins Koma fielen. Nun wird man wohl den Mittelweg zwischen den beiden mit Katastrophen verbundenen Verfahren wählen und nach jedem Zinsschritt eine Pause von unbestimmter Zeit einlegen.

          Nach Murphy’s Law („Was schiefgehen kann wird schiefgehen“) wird es wohl auch diesmal Kollateralschäden geben. Über das, was schief gehen wird, lässt sich aber nur spekulieren. Eine offensichtliche Gefahrenquelle ist die Schwäche der Weltwirtschaft, die auf dem Radarschirm des Fed-Modells nicht erscheint. Höhere amerikanische Zinsen und ein stärkerer Dollar können Staaten und Unternehmen insbesondere in den Schwellenländern in Schwierigkeiten bringen, die sich durch die früher extrem niedrigen Zinsen in die Verschuldung in Dollar haben locken lassen. Fällt der Rest der Welt in die Rezession, dürfte die amerikanische Wirtschaft folgen. Eine andere Möglichkeit ist, dass höhere Notenbankzinsen die Finanzmärkte wieder zum Absturz bringen. In diesem Fall könnte eine von Amerika ausgehende Rezession den Rest der Welt mit sich reißen.

          Quelle: F.A.S.

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