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Veröffentlicht: 08.07.2017, 15:56 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Der Fluch des billigen Geldes

Die Zentralbanken wissen, dass sie nicht ewig an der lockeren Geldpolitik festhalten können. Aber sie fürchten sich vor dem Ausstieg.

© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Anfang der 1980er Jahre beschrieb der ungarische Ökonom János Kornai die Arbeitsweise der Unternehmen im Sozialismus. Da diese nicht außerplanmäßig verschwinden durften, sorgte der Staat für die Deckung ihrer Kosten, auch wenn sie auf sehr ineffiziente Weise Produkte herstellten, die niemand haben wollte. Nach Kornai arbeiteten diese Unternehmen mit einer „weichen Budgetrestriktion“. Dem gegenüber stand die „harte Budgetrestriktion“ im Kapitalismus, wo Unternehmen ihre Stückkosten unter dem für ihre Produkte am Markt erzielbaren Preis zu halten hatten. Wer das nicht schaffte, verschwand. Bekanntermaßen sorgte die weiche Budgetrestriktion für Unternehmen im Sozialismus für eine so leistungsschwache Wirtschaft, dass die sozialistische Staatsordnung von den unzufriedenen Bevölkerungen weggefegt wurde.

Weiche Budgetrestriktionen gibt es aber auch in den westlichen, einem „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus verpflichteten Staaten. Aufgeweicht werden sie dort von den zentralen Planungsinstanzen für die Geldversorgung und Zinsen, den Zentralbanken. Seit Ende der achtziger Jahre bekämpfen diese den durch strukturelle Veränderungen ausgelösten globalen deflationären Druck durch eine Politik des leichten Geldes. Da sie partout die Steigerungsrate der Konsumentenpreise auf zwei Prozent treiben wollen, haben sie die Zinsen nach unten geschleust und einen einmaligen Boom der Verschuldung ausgelöst. Die schier unbegrenzte Verfügbarkeit von billigem Kredit für beinahe jeden führte dazu, dass sich Staaten, Unternehmen und private Haushalte an die früher nur im Sozialismus üblichen weichen Budgetrestriktionen gewöhnten.

Nach dem Platzen der Schuldenblase 2007/2008 übernahmen die Zentralbanken die Versorgung der kreditsüchtigen Wirtschaftsakteure von den geschwächten Banken, um sie vor dem Fallbeil der harten Budgetrestriktion zu bewahren. Wie früher die Planer im Sozialismus schleppten sie technisch bankrotte Staaten, Unternehmen und private Haushalte weiter. Aber ebenso wie im Sozialismus sorgte die Bewahrung weicher Budgetrestriktionen für Ineffizienz, schwindende Dynamik und nachlassendes Wachstum. Immer mehr Zentralbankern wird bewusst, dass ihnen das Schicksal der sozialistischen Planer droht, wenn sie die Absicherung weicher Budgetrestriktionen zur Dauereinrichtung machen.

Die amerikanische Notenbank Fed probte als erste große Zentralbank den Kurswechsel. Zunächst erhöhte sie ihren Leitzins sehr zaghaft, dann nachdrücklicher und bald will sie ihre aufgedunsene Bilanz verringern. Doch der Kurswechsel der Fed ließ den Markt unbeeindruckt. Obwohl sie ihren Leitzins in der Zeit von November 2015 bis Juni 2017 um einen Prozentpunkt erhöhte, blieb die Rendite auf zehnjährige amerikanische Staatsanleihen unverändert. Der Volatilitätsindex für den amerikanischen Aktienmarkt (Vix), der die Furcht der Aktienanleger vor härteren Zeiten misst, sank in dieser Zeit sogar von einem Indexwert von knapp 20 auf gut 10. Die Fed hat ihre globale Zinsführerschaft an die Zentralbanken in Europa und Asien verloren. Die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank von Japan und die Bank von China pumpen weiterhin hohe Mengen an Zentralbankgeld in das globale Finanzsystem, um wacklige öffentliche und private Schuldner am Leben zu erhalten.

Der Wechsel der Zinsführerschaft wurde deutlich, als EZB-Präsident Mario Draghi am 27. Juni auf der jährlichen EZB-Tagung im portugiesischen Sintra eine leichte Anpassung der Geldpolitik der EZB an das festere Wachstum der Wirtschaft andeutete. Obwohl er keine konkreten Schritte in Aussicht stellte, verdoppelte sich die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe von 0,24 Prozent vor Draghis Rede auf gut 0,5 Prozent in der vergangenen Woche. Sogar der Volatilitätsindex Vix kletterte um rund 10 Prozent. Ob die Zinsen in den großen Industrieländern je wieder deutlich steigen werden, hängt folglich mehr von der Bereitschaft der Zentralbanken in Europa und Asien als in den Vereinigten Staaten ab, den Wirtschaftsakteuren härtere Budgetrestriktionen zuzumuten.

Doch die Umstände lassen eine solche Zumutung kaum zu. Der Euro würde schnell zerbrechen, wenn überschuldete Staaten und Banken vom billigen Kredit der EZB abgeschnitten würden. In China fürchtet die Staatsführung die politischen Konsequenzen harter Budgetrestriktionen für die maroden Staatsunternehmen, und in Japan kann sich der über die Halskrause verschuldete Staat keine höheren Zinsen leisten. Es ist wie ein Fluch, der die Zentralbanken nun endgültig erreicht hat: Sie wissen zwar, was sie zu tun hätten, aber sie wissen nicht, wie sie weiterarbeiten sollen, wenn sie das Notwendige getan haben.

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