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Mayers Weltwirtschaft : Der China-Crash

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

China macht die Finanzmärkte nervös. Aber zu sehr zu ängstigen brauchen wir uns nicht: Der Weltwirtschaft droht keine Rezession.

          Mit der Abwertung des Yuans am 11. August outete sich China als nächstes Opfer im Abschwung des Kreditzyklus und löste damit die dritte Welle der Finanzkrisen in Form eines Krachs an den internationalen Aktienmärkten aus. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass die Wellen mit der Zeit kleiner geworden sind. Daher müssen wir zwar wegen des China-Crashs mit einer Abschwächung des Wachstums der Weltwirtschaft rechnen, aber eine ausgewachsene Rezession, wie wir sie im Jahr 2009 erlebten, ist weniger wahrscheinlich.

          Ursache für die seit 2007 andauernden Probleme ist die im Jahrzehnt davor in den Vereinigten Staaten und Europa aufgebaute Überschuldung. Mit dem Platzen der Kredit- und Schuldenblase begann der Abschwung im Kreditzyklus, in dem Finanzkrisen wie Wellen an das Ufer rollen. Die erste, bisher größte Welle der Finanzkrisen brachte die Pleite von Lehman Brothers in den Jahren 2008/09, die zweite die Euro-Krise im Zuge der Pleite Griechenlands 2010/11, und die dritte das Eingeständnis Chinas, dass der mit Kredit gedopten Wirtschaft die Puste ausgeht.

          In den letzten sieben Jahren ist es der Wirtschaftspolitik nicht gelungen, den Abschwung im Kreditzyklus und damit die wiederkehrenden Wellen der Finanzkrisen zu beenden. Die verfolgte Therapie bestand darin, die Schuldenlast zu verschieben und die Schuldentragfähigkeit durch von den Zentralbanken erzwungene Zinssenkungen zu erleichtern. So verringerte zwar der private Sektor in Amerika nach der Lehman-Pleite seine Schuldenlast, die Staatsverschuldung stieg jedoch zwischen 2007 und 2014 um 46 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) an. Gleichzeitig öffnete Chinas Regierung den Kredithahn, um ihre Wirtschaft gegen die aus Amerika kommenden rezessiven Einflüsse zu schützen. Zwischen 2007 und 2014 stiegen die Kredite um 222 Prozent, während das nominale BIP um 138 Prozent wuchs. Im Euroraum stieg die Staatsverschuldung zwischen 2007 und 2014 um 40 Prozentpunkte des BIP, ohne dass der private Sektor seine Verschuldung deutlich verringert hätte.

          Die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken erhöhte zwar die Tragfähigkeit der Schuldenlast, konnte aber die Vergabe neuer Kredite zur Finanzierung von produktiven Investitionen kaum wiederbeleben. Nach den Erfahrungen während der Lehman-Pleite drängten die Anleger in vermeintlich sichere Anlagen und mieden alles, was ihnen riskant erschien. So fiel der Zins auf Schatzwechsel der amerikanischen Regierung mit sechs Monaten Laufzeit zwischen 2006 und dem ersten Halbjahr 2015 von 5 auf 0,1 Prozent, der Zins auf die 30-jährige, inflationsindexierte Staatsanleihe dagegen nur von 2,3 auf 0,6 Prozent und die Gewinnrendite auf die im S&P500 enthaltenen Aktien lediglich von 6,3 auf 5,3 Prozent. Banken, die während des Kreditaufschwungs ihre Anforderungen an die Qualität der zur Kreditvergabe geforderten Sicherheiten bis zur Aufgabe gelockert hatten, setzten diese nun auf prohibitive Höhen herauf. Laut Europäischer Zentralbank meldeten zwischen Ende 2007 und Mitte 2014 in jedem Quartal gut 58 Prozent der befragten Banken im Euroraum, dass sie die Qualitätsanforderungen heraufgesetzt hatten.

          Dadurch lief die Niedrigzinspolitik ins Leere. Alles, was sie bewirkte, war, dass weniger Altkredite abgeschrieben werden mussten und damit überschuldete Unternehmen, Banken und Staaten überleben konnten. In Japan, wo Regierung und Zentralbank nach dem Platzen der „Blasenökonomie“ Anfang der neunziger Jahre ähnlich handelten, wurde für die Ergebnisse dieser Politik der Ausdruck „Zombifizierung“ geprägt. Gemeint war damit die Schaffung wandelnder, finanziell toter Unternehmen und Banken.

          Die Erfahrungen Japans in den neunziger Jahren und der Vereinigten Staaten und Europas in den vergangenen sieben Jahren haben gezeigt, dass der Abschwung im Kreditzyklus und die damit verbundene Schwäche und Instabilität der Wirtschaft umso länger dauern, je länger der notwendige Schuldenabbau verzögert wird. Finanziell tote Banken und Unternehmen müssen beerdigt statt „zombifiziert“ werden, wenn produktive, neue Unternehmen entstehen sollen, die für Wachstum sorgen. Überschuldete Staaten müssen sich mit ihren Kreditgebern auf einen Schuldenerlass einigen, der ihre Solvenz wiederherstellt.

          In Reaktion auf den Aktienmarktkrach hat China wie Amerika, Japan und Europa früher die Geldpolitik gelockert. Je enger sich China bei der Bewältigung seiner Finanzkrise an die Beispiele dieser Länder hält, umso weniger wird die chinesische Wirtschaft in den nächsten Jahren wachsen. Im Abschwung eines Kreditzyklus ist „schöpferische Zerstörung“ notwendig. Diese ist zwar kurzfristig schmerzhafter als „Zombifizierung“, zahlt sich aber längerfristig aus.

           

          Quelle: F.A.S.

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