http://www.faz.net/-gqe-72jg9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 01.09.2012, 16:35 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Der Ausweg

Ein deutscher Staatsfonds könnte Europas Ungleichgewichte verringern. Er sollte nach dem Vorbild Norwegens oder Singapurs konstruiert werden.

von Thomas Mayer
© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Über die Schwierigkeit im Umgang mit Deutschlands chronischem Leistungsbilanzüberschuss habe ich an dieser Stelle schon des öfteren geschrieben. Heute möchte ich eine neue Idee zur Finanzierung des Überschusses vorstellen. Volkswirtschaftlich gesehen entspricht der Überschuss in der Leistungsbilanz einem Überschuss der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis gegenüber den Investitionen.

Gegenwärtig werden die deutschen Überschussersparnisse durch das Eurosystem in die Euroländer mit Zahlungsbilanzdefiziten zu geringem Ertrag und beträchtlichem Risiko gelenkt. Daniel Gros vom Brüsseler Think Tank CEPS und ich finden, dass ein nationaler deutscher Pensionsfonds (Sovereign Wealth Fund) diese Aufgabe weit besser erledigen und dabei indirekt den anderen Euroländern helfen könnte (siehe CEPS Policy-Brief Nummer 280 vom 28. August 2012).

Schon vor der Einführung des Euro litt Deutschland an chronischen Leistungsbilanzüberschüssen. Da deutsche Anleger nur bedingt bereit waren, Wechselkursrisiken einzugehen, war die Finanzierung der Überschüsse begrenzt, so dass die D-Mark tendenziell unter Aufwertungsdruck stand. Die Aufwertung erfolgte in Schüben, was dazu führte, dass die Wirtschaft unter wiederkehrenden Wechselkursschocks litt. Bei Wechselkursstabilität stiegen die Exporte, das Bruttoinlandsprodukt und der Leistungsbilanzüberschuss, während die Arbeitslosigkeit sank. In den Phasen der Aufwertung war die Entwicklung umgekehrt.

Mit der Einführung des Euro verschwand das Wechselkursrisiko für Anlagen im Euroraum, so dass die Finanzierung größerer Leistungsbilanzüberschüsse nun gegenüber anderen Euroländern problemlos möglich war, zumindest solange Anlagen in diesen Ländern als risikofrei galten.

Das Kreditrisiko im Euro-Raum ist hoch

Mit dem Beginn der Eurokrise änderte sich dies. Deutsche Sparer und Finanzinstitute mieden nun Investitionen in diesen Ländern und hielten ihre Ersparnisse im Inland. Um einen Kollaps des europäischen Finanzsystems zu vermeiden, übernahmen nun Regierungen und das System europäischer Zentralbanken die Finanzierung, wobei Letzteres über das Interbankzahlungssystem Target 2 den weitaus größeren Teil beitrug. Mitte dieses Jahres hatte die Bundesbank rund 730 Milliarden Euro Forderungen an die EZB in diesem System, was deutlich mehr als die Hälfte des seit Beginn der Währungsunion kumulierten deutschen Leistungsbilanzüberschusses von 1,2 Billionen Euro ausmachte.

Das mit diesen Forderungen verbundene Kreditrisiko steht in keinem Verhältnis zu dem mageren Ertrag. Das Eurosystem leiht Banken in Ländern mit Zahlungsbilanzdefiziten und mangelndem Marktzugang Geld zu einem Zins von 0,75 Prozent und bietet Banken in Ländern mit Zahlungsbilanzüberschüssen unverzinsliche Einlagen an. Angesichts der Qualität der ausleihenden Banken wäre eine Zinsmarge von 0,75 Prozent für Privatanleger nicht hinnehmbar.

Außerdem erzielen die Banken in den Überschussländern aus Anlagen bei der EZB einen negativen Realzins, den sie an ihre Kunden weitergeben. Insgesamt führt die Intermediation des deutschen nationalen Sparüberschusses durch das Eurosystem zu einem Portfolio, das nicht diversifiziert ist und für das Risiko viel zu gering verzinst ist.

Ein deutscher Staatsfonds könnte außerhalb Europas anlegen

Alle diese Nachteile würde ein deutscher „Sovereign Wealth Fund“, nennen wir ihn DESWF, vermeiden. Der DESWF könnte den privaten Anlegern eine garantierte reale Mindestverzinsung mit Beteiligung am darüber hinausgehenden Ertrag anbieten. Der Fonds könnte ein wesentlich besser diversifiziertes Portfolio mit höherem Ertrag als das Eurosystem offerieren und wäre daher eine gute Ergänzung zur Altersvorsorge. Als Beispiele könnten die nationalen Pensionsfonds von Norwegen oder Singapur dienen, die über die Jahre reale Renditen von etwas weniger als drei Prozent beziehungsweise vier Prozent erzielt haben.

Da der DESWF einen erheblichen Teil seiner Mittel außerhalb der Eurozone anlegen könnte, würde der Wechselkurs des Euro fallen. Dies würde die Exporte und das Bruttoinlandsprodukt in den Euroländern mit Zahlungsbilanzdefiziten wachsen lassen und ihnen dabei helfen, ihre Schuld gegenüber dem Eurosystem und ihren Partnerländern abzutragen.

Angesichts seiner breiten Diversifizierung und des langen Anlagehorizonts wäre der DESWF in der Lage, solche Wechselkursrisiken auf sich zu nehmen. Insgesamt dürfte das Verhältnis von Ertrag zu Risiko wesentlich günstiger sein als bei der gegenwärtigen Finanzierung des deutschen Leistungsbilanzüberschusses durch das Eurosystem.

Quelle: F.A.S.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Notenbanken Wenn die Zentralbank zum Großaktionär wird

Die Schweizer Nationalbank investiert stärker in Aktien und erhebt auf Hauptversammlungen ihre Stimme. Die Bank von Japan kauft ETFs. Einfluss auf Unternehmen üben sie nicht aus. Mehr Von Gerald Braunberger und Johannes Ritter, Zürich

23.08.2016, 09:54 Uhr | Finanzen
Dynaudio aus Dänemark High-End-Anlagen für den perfekten Klang im Auto

Immer mehr Autohersteller statten ihre Modelle mit High-End-Anlagen von Herstellern aus, die bislang die Wohnzimmer von HiFi-Freaks beschallten. HiFi-Bauer wie Dynaudio stimmen die Anlagen speziell auf jedes Modell ab. Mehr

04.08.2016, 08:58 Uhr | Technik-Motor
Sauber investieren Stuttgart legt das Geld jetzt nachhaltig an

Kinderarbeit, Korruption und Kohleabbau sind für die Stadt Stuttgart künftig tabu. Die neue Anlagepolitik setzt auf Nachhaltigkeit. Mehr Von Susanne Preuß, Stuttgart

18.08.2016, 13:36 Uhr | Finanzen
Singapur Ein Roboter gegen Rückenschmerzen

Vor tausenden von Jahren wurde die Massagetherapie in Asien erfunden – ein Start-Up aus Singapur hat diese nun revolutioniert. Ein Roboter namens Emma soll zukünftig Patienten massieren und so Ärzte und Therapeuten entlasten. Mehr

08.08.2016, 19:22 Uhr | Gesellschaft
Folgen der EZB-Geldpolitik Negativzinsen sind ein dramatisches Szenario

Die deutschen Institute seien stabil, sagt der Präsident des Bankenverbands, Hans-Walter Peters. Aber sie litten unter einer Geldpolitik, die das Wohl der Wirtschaft gefährde. Mehr Von Gerald Braunberger

15.08.2016, 07:15 Uhr | Wirtschaft

Heilpraktiker - keine Mini-Ärzte

Von Andreas Mihm

Sanfte Medizin und ein paar Globuli - das kann doch gar nicht schaden. Oder doch? So harmlos, wie sie daherkommt, ist die homöopathische Medizin keineswegs. Mehr 11

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Was die Allianz-Arena den Bayern einbringt

Das Weserstadion ist inzwischen eine Ausnahme - viele Fußballvereine vermarkten ihre Stadionnamen für viel Geld. Hier kommt eine Übersicht. Mehr 0