http://www.faz.net/-gqe-72jg9

Mayers Weltwirtschaft : Der Ausweg

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Ein deutscher Staatsfonds könnte Europas Ungleichgewichte verringern. Er sollte nach dem Vorbild Norwegens oder Singapurs konstruiert werden.

          Über die Schwierigkeit im Umgang mit Deutschlands chronischem Leistungsbilanzüberschuss habe ich an dieser Stelle schon des öfteren geschrieben. Heute möchte ich eine neue Idee zur Finanzierung des Überschusses vorstellen. Volkswirtschaftlich gesehen entspricht der Überschuss in der Leistungsbilanz einem Überschuss der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis gegenüber den Investitionen.

          Gegenwärtig werden die deutschen Überschussersparnisse durch das Eurosystem in die Euroländer mit Zahlungsbilanzdefiziten zu geringem Ertrag und beträchtlichem Risiko gelenkt. Daniel Gros vom Brüsseler Think Tank CEPS und ich finden, dass ein nationaler deutscher Pensionsfonds (Sovereign Wealth Fund) diese Aufgabe weit besser erledigen und dabei indirekt den anderen Euroländern helfen könnte (siehe CEPS Policy-Brief Nummer 280 vom 28. August 2012).

          Schon vor der Einführung des Euro litt Deutschland an chronischen Leistungsbilanzüberschüssen. Da deutsche Anleger nur bedingt bereit waren, Wechselkursrisiken einzugehen, war die Finanzierung der Überschüsse begrenzt, so dass die D-Mark tendenziell unter Aufwertungsdruck stand. Die Aufwertung erfolgte in Schüben, was dazu führte, dass die Wirtschaft unter wiederkehrenden Wechselkursschocks litt. Bei Wechselkursstabilität stiegen die Exporte, das Bruttoinlandsprodukt und der Leistungsbilanzüberschuss, während die Arbeitslosigkeit sank. In den Phasen der Aufwertung war die Entwicklung umgekehrt.

          Mit der Einführung des Euro verschwand das Wechselkursrisiko für Anlagen im Euroraum, so dass die Finanzierung größerer Leistungsbilanzüberschüsse nun gegenüber anderen Euroländern problemlos möglich war, zumindest solange Anlagen in diesen Ländern als risikofrei galten.

          Das Kreditrisiko im Euro-Raum ist hoch

          Mit dem Beginn der Eurokrise änderte sich dies. Deutsche Sparer und Finanzinstitute mieden nun Investitionen in diesen Ländern und hielten ihre Ersparnisse im Inland. Um einen Kollaps des europäischen Finanzsystems zu vermeiden, übernahmen nun Regierungen und das System europäischer Zentralbanken die Finanzierung, wobei Letzteres über das Interbankzahlungssystem Target 2 den weitaus größeren Teil beitrug. Mitte dieses Jahres hatte die Bundesbank rund 730 Milliarden Euro Forderungen an die EZB in diesem System, was deutlich mehr als die Hälfte des seit Beginn der Währungsunion kumulierten deutschen Leistungsbilanzüberschusses von 1,2 Billionen Euro ausmachte.

          Das mit diesen Forderungen verbundene Kreditrisiko steht in keinem Verhältnis zu dem mageren Ertrag. Das Eurosystem leiht Banken in Ländern mit Zahlungsbilanzdefiziten und mangelndem Marktzugang Geld zu einem Zins von 0,75 Prozent und bietet Banken in Ländern mit Zahlungsbilanzüberschüssen unverzinsliche Einlagen an. Angesichts der Qualität der ausleihenden Banken wäre eine Zinsmarge von 0,75 Prozent für Privatanleger nicht hinnehmbar.

          Außerdem erzielen die Banken in den Überschussländern aus Anlagen bei der EZB einen negativen Realzins, den sie an ihre Kunden weitergeben. Insgesamt führt die Intermediation des deutschen nationalen Sparüberschusses durch das Eurosystem zu einem Portfolio, das nicht diversifiziert ist und für das Risiko viel zu gering verzinst ist.

          Ein deutscher Staatsfonds könnte außerhalb Europas anlegen

          Alle diese Nachteile würde ein deutscher „Sovereign Wealth Fund“, nennen wir ihn DESWF, vermeiden. Der DESWF könnte den privaten Anlegern eine garantierte reale Mindestverzinsung mit Beteiligung am darüber hinausgehenden Ertrag anbieten. Der Fonds könnte ein wesentlich besser diversifiziertes Portfolio mit höherem Ertrag als das Eurosystem offerieren und wäre daher eine gute Ergänzung zur Altersvorsorge. Als Beispiele könnten die nationalen Pensionsfonds von Norwegen oder Singapur dienen, die über die Jahre reale Renditen von etwas weniger als drei Prozent beziehungsweise vier Prozent erzielt haben.

          Da der DESWF einen erheblichen Teil seiner Mittel außerhalb der Eurozone anlegen könnte, würde der Wechselkurs des Euro fallen. Dies würde die Exporte und das Bruttoinlandsprodukt in den Euroländern mit Zahlungsbilanzdefiziten wachsen lassen und ihnen dabei helfen, ihre Schuld gegenüber dem Eurosystem und ihren Partnerländern abzutragen.

          Angesichts seiner breiten Diversifizierung und des langen Anlagehorizonts wäre der DESWF in der Lage, solche Wechselkursrisiken auf sich zu nehmen. Insgesamt dürfte das Verhältnis von Ertrag zu Risiko wesentlich günstiger sein als bei der gegenwärtigen Finanzierung des deutschen Leistungsbilanzüberschusses durch das Eurosystem.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Rettung in letzter Sekunde Video-Seite öffnen

          Beinah-Unfall : Rettung in letzter Sekunde

          In Norwegen entgeht ein Schuljunge nur dank einer Vollbremsung knapp einem Zusammenprall mit einem LKW. Der Vorfall ereignete sich im Juni in der Provinz West-Agder.

          Auch Geld der Queen in Steueroase angelegt Video-Seite öffnen

          „Paradise Papers“ : Auch Geld der Queen in Steueroase angelegt

          Nach den „Panama Papers“ sind neue Datensätze zu Steuerenthüllungen veröffentlicht worden. In den knapp 13 Millionen Dokumenten werden auch das englische Königshaus, hochrangige Politiker und Banken genannt. Sie alle sollen Geld in Steueroasen angelegt haben.

          Topmeldungen

          FDP lässt Jamaika platzen : Die Notbremse der Liberalen

          Die FDP konnte in dieser Koalition nichts gewinnen. Die Grünen waren am Drücker. Also nochmal wählen? Das Grundgesetz spricht eine andere Sprache. Und eine Neuwahl könnte auch Merkel in die Sackgasse führen. Ein Kommentar.

          Nach Jamaika-Aus : Kommen jetzt Neuwahlen?

          Die Verhandlungen über ein Bündnis zwischen Union, FDP und Grünen sind gescheitert. Die SPD lehnt eine Regierungsbeteiligung weiterhin ab. Der Schlüssel zu Neuwahlen liegt beim Bundespräsidenten.

          Chronik einer langen Nacht : Scheitern im feuchten Hochnebel

          Die ersten Alarm-Mitteilungen kurz vor Mitternacht aus der baden-württembergischen Repräsentanz. Dann tritt FDP-Chef Lindner vor die Scheinwerfer.
          Anne Will diskutiert in ihrer Sendung am 19. November 2017 mit ihren Gästen über die Jamaika-Sondierungsgespräche.

          TV-Kritik: Anne Will : Ende eines Schauspiels

          Diese Nacht verkündet der FDP-Vorsitzende das Scheitern der Sondierungsgespräche. Für eine solche Situation gibt es ein im Grundgesetz exakt definiertes Verfahren. Das scheinen aber nicht einmal die Politiker zu verstehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.