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Mayers Weltwirtschaft : Das Luftschloss der Politik

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Von „sozialer Gerechtigkeit“ zu reden, hört sich irgendwie gut an. Doch sie ist unvereinbar mit den Prinzipien einer liberalen Gesellschaft.

          Am vergangenen Sonntag schickten die Wähler die Partei der „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ in die Opposition. Dort wird sie nun mehr Zeit haben, uns dieses Thema nahezubringen. Aber was bedeutet es denn, die Gesellschaft auf mehr „soziale Gerechtigkeit“ zu verpflichten? Dieses Konzept ist dem liberalen Rechtsstaat wesensfremd. Denn die Definition und Durchsetzung von sozialer Gerechtigkeit durch die Staatsgewalt ist mit dem vom liberalen Rechtsstaat hochgehaltenen Prinzip der Freiheit des Einzelnen unvereinbar.

          Wer das Ergebnis individueller wirtschaftlicher Entscheidungen einer von ihm entworfenen Schablone der „sozialen Gerechtigkeit“ anpassen will, muss Zwang ausüben und die von Natur her ungleichen Einzelnen zur Herstellung sozialer Gleichheit ungleich vor dem Gesetz behandeln. Die konsequente Verfolgung des Ziels der „sozialen Gerechtigkeit“ führte daher im Sozialismus zwingend zur totalitären Herrschaft weniger über viele. Manche wollen daher das Konzept der „sozialen Gerechtigkeit“ wegen seines totalitären Beigeschmacks in das der „Chancengerechtigkeit“ überführen. Sollte man nicht schon aus Eigennutz wollen, dass jeder Mensch die gleiche Chance auf Erfolg bekommt, wenn man sich vorstellt, man würde in eine Gesellschaft hineingeboren, ohne zu wissen in welche Einkommensschicht?

          Chancengleichheit lässt sich nicht herstellen

          Das hört sich gut an, ist aber leider auch ein Luftschloss, weil „Chancengerechtigkeit“ im wirklichen Leben nicht hergestellt werden kann. Der Mensch kommt so unfertig wie kein Tier auf die Welt. Dadurch wird er weit weniger von seinen Genen bestimmt und kann sich viel besser an sein Lebensumfeld anpassen als jedes Tier. Noch wichtiger ist, dass er wegen seiner Unfertigkeit von seinen Mitmenschen Verhaltensregeln erlernen kann, die ihm sein Leben in der Gesellschaft ermöglichen. Diese Regeln sind über die Zeit durch Überlieferung und Anpassung an veränderte Umstände entstanden und bestimmen die Gesellschaftsordnung.

          Der unfertige Mensch wird nach seiner Geburt unmittelbar von Mutter und Vater, danach von Kindergarten, Schule, Berufsausbildung und seinem gesellschaftlichen Umfeld geprägt. Zusammen mit den ererbten Genen bestimmt diese Prägung seine Lebenschancen. Doch nehmen die Wirkungen der Prägung von außen mit fortschreitendem Entwicklungsstand ab. Die frühkindliche Prägung ist besonders wichtig, hängt aber wesentlich von der Art der Zuwendung in der Familie ab. Da diese von Familie zu Familie unterschiedlich ist, werden auch die Lebenschancen unterschiedlich verteilt. Das Ideal der Chancengerechtigkeit wird folglich nicht nur durch Unterschiede in den ererbten Genen, sondern auch durch Unterschiede der Prägung in der früheren Lebenszeit ausgehebelt. Insoweit waren die der absoluten sozialen Gerechtigkeit verpflichteten totalitären sozialistischen Staaten durchaus konsequent, wenn sie Kleinkinder den Familien entrissen, um sie nach staatlichen Normen zu prägen. Aber nur verblendete Sozialingenieure können auf diese unmenschliche Weise Chancengerechtigkeit herstellen wollen. Der Staat kann den Familien hier nur Hilfe anbieten, aber nichts erzwingen.

          Eingriffe verringern die gesellschaftliche Leistungskraft

          Ist eine Gesellschaft aber dann nicht kalt und ein Leben in ihr unwirtlich, wenn sie sich nicht bemüht, soziale Gerechtigkeit oder zumindest Chancengerechtigkeit herzustellen? Das mag für die Organisationsform der Stammesgesellschaft zutreffen, in der die Mitglieder in persönlichen Beziehungen zueinander stehen. Wie in der Familie ist dort ein materieller Ausgleich zur Pflege dieser Beziehungen hilfreich. Anders verhält es sich in der arbeitsteiligen Gesellschaft, in der anonyme Beziehungen der Mitglieder untereinander über den Markt koordiniert werden. Eingriffe in die Zuteilung der Entlohnung für Leistungen zur Herstellung von sozialer Gerechtigkeit stören dort die Koordination durch den Markt und verringern die gesellschaftliche Leistungskraft. Menschen, die sich im Markt ihren Lebensunterhalt nicht verdienen können, sollten dort eine durch allgemeine Abgaben finanzierte Unterstützung erhalten.

          Viele Menschen empfinden unsere stark ausdifferenzierte, arbeitsteilige Gesellschaft mit ihrem über den Markt koordinierten anonymen Beziehungsgeflecht als Zumutung. Sie sehnen sich nach der Wärme und Geborgenheit der Stammesgesellschaft. Doch hat sich die ausdifferenzierte, arbeitsteilige und nach liberalen Prinzipien organisierte Gesellschaftsordnung im Wettbewerb mit anderen als die wirtschaftlich erfolgreichste erwiesen. Menschen in Ländern mit dieser Gesellschaftsordnung genießen den höchsten wirtschaftlichen Wohlstand und werden von anderen beneidet. Die Rückkehr zu Organisationsprinzipien der Stammesgesellschaft käme uns teuer zu stehen.

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