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Mayers Weltwirtschaft Das deutsche Gespenst

Inflation ist die große Angst der Deutschen. Dabei steigen die Preise bislang kaum.

© Thilo Rothacker Vergrößern Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt.

Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst der Inflation. Alle konservativen Meinungsführer Deutschlands haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, die Bundesbank und die F.A.Z., die Gurus in der Beratung privater Anleger und die Erben der Monetaristen an den Universitäten. Doch das Gespenst entzieht sich dem Blick. Schon lästert das Ausland über die Inflationsparanoia der Deutschen. Ihnen sitzt der Schock der Hyperinflation von 1923 noch immer in den Knochen, wird erklärt. Deshalb sehen sie Gespenster.

Doch lauern Gefahren manchmal auch im Bereich des dem direkten Blick Verborgenen. Versuchen wir also mal, hinter die Kulissen zu schauen.

Warum steigen die Preise nicht?

Wahrscheinlich werden sich nur wenige Leser daran erinnern, dass die Europäische Zentralbank zu Beginn der Währungsunion einen Referenzwert für das Wachstum der breiten Geldmenge M3 aufgestellt hat, an dem sie sich in der „monetären Säule“ ihrer geldpolitischen Strategie orientieren wollte. Dies war der Einsicht geschuldet, dass Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist und eine ungezügelte Vermehrung von Geld letztlich zu seiner Entwertung führt. Der Referenzwert wurde aus der Summe des langfristigen realen Wachstums (2 Prozent - 2,5 Prozent), der tolerierbaren Inflation (maximal 2 Prozent) und einem jährlichen Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (0,5 Prozent) mit 4,5 Prozent berechnet. Seither sind vierzehn Jahre vergangen, lange genug, um nachzuprüfen, was an der damaligen Rechnung dran war.

Seit Beginn der Währungsunion wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone mit nur 1,4 Prozent pro Jahr, also um 0,5 bis 1 Prozent weniger als erwartet. Dagegen stieg die Geldmenge um 6,2 Prozent pro Jahr, beinahe 2 Prozent mehr als angepeilt. Dennoch betrug die Inflation nur 2,1 Prozent im Durchschnitt dieser Periode, war also nahe am Ziel. Möglich machte diese Entwicklung ein Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (BIP geteilt durch M3) von 2,7 Prozent pro Jahr (2,1 Prozent = 6,2 Prozent - 1,4 Prozent - 2,7 Prozent). Wie war es nur möglich, dass sich die Volkswirte der EZB bei der Umlaufgeschwindigkeit so gründlich verschätzen konnten? Hätte diese tatsächlich nur 0,5 Prozent betragen, wären die Konsumentenpreise mit einer Rate von 4,3 Prozent im Jahr gestiegen, also mehr als doppelt so viel wie tatsächlich geschehen (4,3 Prozent = 6,2 Prozent - 1,4 Prozent - 0,5 Prozent). Des Rätsels Lösung ist, dass nur ein Teil des Geldregens auf die Preise für Güter und Dienstleistungen niedergegangen ist, die in die amtliche Inflationsstatistik eingehen. Der andere Teil trieb die Preise für Vermögenswerte in die Höhe, die in der Inflationsstatistik nicht berücksichtigt werden. Vermögenswerte stellen aber nur zeitlich verzögerten Konsum dar.

Was Inflation und Speiseeis miteinander zu tun haben

Folgendes Beispiel illustriert, wie das zu verstehen ist: Nehmen wir mal an, die Zentralbank druckt frisches Geld, um den Verbrauch von Speiseeis anzukurbeln. Da aber gerade Winter ist, haben die Verbraucher keine Lust auf ein Eis. Weil sie jedoch wissen, dass ihr Appetit auf Eis im Sommer groß sein wird, verwenden sie das Geld für den Kauf von Eismaschinen. Der Preis von Speiseeis bleibt unverändert, aber der Preis für Eismaschinen steigt. Wenn nun die Produzenten von Eismaschinen auf die erhöhte Nachfrage nicht eingestellt sind und das Angebot nicht erhöhen können, entlädt sich der gesamte zusätzliche Geldsegen im Preis für Eismaschinen. Schaut die Zentralbank nur auf den Preis für Speiseeis, so findet sie, dass die Geldvermehrung keinen Einfluss auf die Inflationsrate hatte, und druckt lustig weiter Geld. Kommt nun der Sommer, ist das Angebot an Speiseeis zwar wie im Vorjahr, denn die Zahl der Eismaschinen ist ja gleich geblieben, aber die Konsumenten setzen nun das weiterhin reichlich gedruckte Geld in viel Eis um. Nun steigt die Konsumentenpreisinflation. Der Weg von der ursprünglichen Schöpfung von Zentralbankgeld bis zum Anstieg der Konsumentenpreisinflation kann also wegen einer Umleitung über den Markt für Vermögenswerte sehr lang sein.

Gegenwärtig kämpfen wir uns noch durch die Umleitung und wissen nicht, wann wir auf den Weg zu höherer Inflation einschwenken werden. Was wir jedoch vermuten können, ist, dass genügend Geld geschaffen wurde, um die Konsumentenpreisinflation anheizen zu können, wenn die Umleitung vorbei ist.

Gegenwärtig steht die Geldmenge M3 rund 25 Prozent über dem ursprünglich von der EZB geschätzten inflationsneutralen Wert. Angesichts der während der Finanzkrise eingeschränkten Geldschöpfung der Geschäftsbanken liegt die Zentralbankgeldmenge sogar mehr als 150 Prozent über diesem Wert. Noch mag dieser „Geldüberhang“ als Gespenst umhergehen. In der Zukunft dürfte er aber zur realen Bedrohung für die Preisstabilität werden.

Quelle: F.A.S.

 
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