http://www.faz.net/-gqe-908qd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 29.07.2017, 15:01 Uhr

Mayers Weltwirtschaft Chinas Finanzblase

Die nächste internationale Finanzkrise könnte von China ausgehen: Die Firmen dort sind so hoch verschuldet wie nie zuvor.

© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber manchmal folgt sie einem Reim (Mark Twain). Schaut man auf den Finanzsektor in China, drängt sich dem Betrachter der Reim auf die vorangegangenen Finanzkrisen in Japan, den Vereinigten Staaten und Europa auf. Hier wie dort bereitete die Geldpolitik den Banken den Weg zur Schaffung einer gewaltigen Kreditblase. Noch nie ist es bisher gelungen, die Blase dann kontrolliert und ohne größeren Kollateralschaden für die Wirtschaft zu deflationieren. Viele Beobachter glauben, dass dies in China nun anders sein wird. Doch die Hoffnung darauf, dass diesmal alles gut gehen wird, hat schon oft getrogen.

Legendär ist die „Blasenökonomie“ Japans. Mitte der achtziger Jahre ging die amerikanische Notenbank Fed zu einer leichteren Geldpolitik über und ließ den Wechselkurs des Dollars verfallen. Die Bank von Japan stemmte sich gegen die Aufwertung des Yen, indem sie selbst eine Politik des leichten Geldes verfolgte. Niedrige Zinsen und steigende Vermögenspreise stimulierten die Kreditvergabe der Banken und ließen eine riesige Kreditblase entstehen. Als die Bank von Japan 1989 begann, die Zinsen anzuheben, platzte die Blase. Die Folgen hat Japan bis heute noch nicht überwunden.

In Amerika löste das Platzen der Technologieblase am Aktienmarkt Anfang der 2000er Jahre eine Panik aus und veranlasste die Fed, ihren Leitzins auf den tiefsten Stand seit den 1950er Jahren zu drücken. Statt jedoch wie beabsichtigt der Deflation vorzubeugen, befeuerte die Niedrigzinspolitik einen Immobilienboom. Die Banken konnten ihre Kapazität zur Kreditvergabe erhöhen, indem sie aus Krediten neue, vermeintlich liquidere Finanzmarktinstrumente kreierten und sie aus ihrer Bilanzen auslagerten. Mit kreativen Finanztechniken sollten aus hochriskanten Krediten sichere kreditbesicherte Anleihen geschaffen werden. Wie im Falle Japans fiel das Kreditkartenhaus zusammen, nachdem die Zentralbank zwischen 2004 und 2006 die Zinsen nach oben geschleust hatte. Anders als in Japan löste das Platzen der amerikanischen Kreditblase jedoch ein globales Finanzbeben aus, da die verbrieften und strukturierten Hypothekenkredite weltweit verkauft worden waren.

In Europa drückte die Einführung des Euro die Zinsen in vielen Mitgliedsländern der Währungsunion auf dort noch nie gesehene Tiefstände. Dies heizte die Verschuldung von Staaten und privaten Haushalten vor allem zum Erwerb von Immobilien an. Die Kreditvergabe lief über alle Kanäle auf vollen Touren: über klassische, verbriefte und strukturierte Bankkredite (auf den Bankbilanzen oder außerhalb) und über den Kauf von Staatsanleihen durch die Banken. Das Platzen der amerikanischen Kreditblase leitete dann die Deflation der europäischen Blase ein. Diesmal waren nicht nur private Haushalte und Banken, sondern auch überschuldete Staaten betroffen. Zehn Jahre nach dem Platzen der amerikanischen und gut sieben Jahre nach dem Platzen der europäischen Blase sind die Folgen noch immer zu spüren.

In China ist nun eine ähnliche Kreditblase herangewachsen. Um die Wirkungen der Finanzkrisen in Amerika und Europa abzufangen, lockerte Chinas Notenbank gegen Ende des letzten Jahrzehnts ihre Geldpolitik. Die Banken vergaben reichlich Kredite, sowohl an private Haushalte zum Erwerb von Immobilien als auch an Unternehmen, darunter an viele ineffiziente Staatsunternehmen zur Ausweitung ihrer schon überdimensionierten Produktionskapazitäten. Wie in den Vereinigten Staaten entlasteten die Banken ihre Bilanzen, indem sie die Kredite zur Verbriefung abgaben. Allerdings werden die Kredite in China nicht wie in Amerika in handelbare Wertpapiere, sondern in strukturierte Sparprodukte umgemünzt und von sogenannten Schattenbanken sowohl an private Sparer als auch an institutionelle Anleger und Unternehmen verkauft, die überschüssige Mittel zu attraktiven Konditionen parken wollen. Diese Instrumente bieten in der Regel deutlich höhere Zinsen als einfache Bankeinlagen, da ihr Ertrag oft mit Fremdmitteln gehebelt wird. Manche werden wie Kettenbriefe vertrieben.

Die chinesische Regierung versucht seit einiger Zeit, den Markt für Sparprodukte einzudämmen – wohl in der Hoffnung, die Kreditblase kontrolliert deflationieren zu können. Es wäre das erste Mal, dass dies gelingt. Platzt die Blase unkontrolliert, dürfte China in die Fußstapfen Japans treten. Wie in Japan wären vor allem inländische Anleger betroffen, und wie dort dürfte der Staat alles tun, um die Anleger für die Verluste zu entschädigen. Anders als im Fall Japans würde jedoch ein Schwinden der Wachstumsdynamik Chinas aufgrund der Verschleppung notwendiger Strukturbereinigungen erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.

Fragen an die Bahn

Von Susanne Preuß, Stuttgart

Darf man riskieren, nur fünf Meter unter einer der meistbefahrenen Bahnstrecken einen Tunnel zu bauen? Es scheint, als müsste die Bahn grundsätzlich ihre Prozesse überdenken. Mehr 12

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Zur Homepage