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Mayers Weltwirtschaft : Bald geht’s wieder abwärts

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die nächste Rezession kommt bestimmt. Vielleicht schon im nächsten Jahr. Da kann man nichts gegen machen. Der Euro wird das nicht überleben.

          Seit der durch die Lehman Pleite ausgelösten „Großen Rezession“ ist die Weltwirtschaft recht verhalten gewachsen. Die Inflation ist kaum sichtbar, und die Zinsen liegen am Boden. Da liegt einem doch die Frage auf der Zunge, wann denn nun der Wirtschaftsaufschwung endlich kommen wird. Die Frage ist verständlich, aber sie ist falsch. Der Aufschwung ist schon lange da. Die richtige Frage ist deshalb: Wann droht uns die nächste Rezession? Und: was machen wir dann?

          Die amerikanische Wirtschaft führte die Welt in die Große Rezession, und sie war eine der ersten, die sich daraus wieder befreien konnte. Nach Einschätzung des National Bureau of Economic Research (NBER), das den Konjunkturzyklus der amerikanischen Wirtschaft offiziell vermisst, begann die Rezession im Januar 2008 und endete im Juni 2009. Mit mehr oder weniger kleinen Verzögerungen folgte der Rest der Weltwirtschaft. Obwohl die Wirtschaftsschwäche in Amerika gefühlt weiterging, ist der gegenwärtige Aufschwung laut NBER schon 73 Monate alt. Damit ist er deutlich länger als die seit den 1960er Jahren vorangegangenen Aufschwünge, die im Schnitt 65 Monate erreichten, und er ist exakt genauso lang wie der Aufschwung, der der Großen Rezession voranging. Wäre er ein Mensch, könnte man sagen, dass dieser Aufschwung seine durchschnittliche Lebenserwartung schon übertroffen hat.

          Zu stark steigende Lohnstückkosten lösen Rezession aus

          Doch sterben wirtschaftliche Expansionen natürlich nicht an Altersschwäche. Ihr Tod hat immer einen konkreten Anlass. In der Spätphase eines Aufschwungs stieg in der Vergangenheit üblicherweise die Inflation, worauf die Zentralbank mit Zinserhöhungen antwortete. Doch sind Inflation und Zinserhöhungen nicht die eigentliche Ursache für die Rezession. Worauf es ankommt ist, dass die Gewinne der Unternehmen schrumpfen. Das passiert, wenn die Lohnstückkosten schneller steigen als die Erzeugerpreise. Wenn die Arbeitskosten der Unternehmen steigen und ihre Gewinne schrumpfen, dauert es nicht lange, bis sie ihre Investitionen kürzen und die Zahl ihrer Beschäftigten verringern. Seit den 1960er Jahren wurden die Aufschwünge in Amerika immer auf diese Weise beendet. Auch letztes Jahr zog das Wachstum der Lohnstückkosten deutlich an und die Gewinne der amerikanischen Unternehmen schrumpften, und zwar zum ersten Mal wieder seit 2008. All das deutet darauf hin, dass die nächste Rezession in Amerika nicht mehr allzu fern sein dürfte.

          Auch wenn Wachstum und Inflation schwach geblieben sind, möchte die Fed nach mehr als sechs Jahren Aufschwung nun unbedingt die Zinsen erhöhen. Viele Volkswirte erwarten einen Schritt im September. Es ist jedoch unklar, ob der Aufschwung dafür robust genug ist. Am Ende könnte die Zinserhöhung der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und der Aufschwung könnte nächstes Jahr sein schwaches Lebenslicht aushauchen. Wären andere Länder in der Lage, einer Rezession in Amerika entgegenzuwirken? Das ist unwahrscheinlich. Das Wachstum in den Schwellenländern hat sich seit dem Jahr 2010 beinahe halbiert. Brasilien und Russland stecken in der Rezession, während China gegen eine „harte Landung“ seiner Wirtschaft nach dem Kreditboom ankämpft. Japans Wirtschaft stagnierte letztes Jahr und die Aussichten für dieses Jahr sind trotz eines guten Jahresauftakts höchst unsicher.

          Schließlich bleibt die Lage im Euroraum prekär. Nach tiefen Rezessionen haben sich Länder wie Irland und Spanien zwar gut erholt. Auf den ersten Blick sieht auch die deutsche Wirtschaft recht robust aus. Aber das deutsche Wachstum bleibt vom Ausland, insbesondere von Amerika und China, abhängig. Außerdem tun sich Frankreich und Italien schwer, der Stagnation zu entkommen. Sollte Amerikas Wirtschaft schwächeln, käme wieder die alte Regel zur Geltung, dass ein Schnupfen in Amerika eine Lungenentzündung in Europa zur Folge hat.

          Die Stabilisierungsmöglichkeiten in der Rezession sind diesmal klein

          Ohne vorherigen robusten Aufschwung ist der Spielraum für die Stabilisierungspolitik in der Rezession sehr klein. Da die öffentliche Verschuldung überall noch immer hoch ist, würden schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme die staatliche Solvenz aufs Spiel setzen. Auch der Geldpolitik sind die Hände gebunden: Die Leitzinsen liegen am Boden und die Bilanzen der Zentralbanken sind noch immer aufgebläht. Der nächste Abschwung käme ungebremst.

          Das Gefühl, der Rezession hilflos ausgeliefert zu sein, könnte daher politische Kräfte stärken, die eine freiheitliche Wirtschaftsverfassung als Bedrohung empfinden und nach noch mehr Staat rufen. Im Euroraum dürften die politischen Zentrifugalkräfte übermächtig werden. Man braucht kein eingefleischter Europessimist zu sein, um sich vorstellen zu können, dass der Euro die nächste Rezession politisch nicht überleben wird.

          Quelle: F.A.S.

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