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Mayers Weltwirtschaft : Angst um China

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Wenn Chinas Währung weiter an Wert verliert, hat dies unangenehme Folgen für die ganze Welt.

          Vertreter der großen Zentralbanken betonen gerne ihre Unabhängigkeit von der Politik. Darüber kann man streiten. Offensichtlich ist aber, dass unsere Zentralbanker in hohem Maße von den Finanzmärkten abhängen. Der fürchterliche Jahresauftakt an den Aktienmärkten blieb nicht ohne Folgen. Zuerst hat die Europäische Zentralbank eine weitere Lockerung ihrer Politik für ihre Ratssitzung im März angedeutet. Dann hat die amerikanische Notenbank Fed die für dieses Jahr beabsichtigten Zinserhöhungen in Frage gestellt. Und zuletzt hat die Bank von Japan mit einem Paukenschlag Negativzinsen auf Zentralbankgeldeinlagen der Banken beschlossen. Entweder befürchten die Zentralbanken, dass die Ängste der Märkte berechtigt sind, oder sie glauben, dass die Ängste sich selbst erfüllen werden. Ob sie mit ihren Aktionen viel erreichen werden, darf angesichts der Ursache dieser Ängste bezweifelt werden.

          Hintergrund der Furcht der Märkte ist, dass die Abschwächung des globalen Wachstums in die nächste Rezession übergehen könnte. Diese Furcht ist nicht unbegründet. Der gegenwärtige Aufschwung in den Industrieländern dauert im historischen Vergleich schon sehr lange. Inzwischen ist er älter als die letzte Expansion, die nach dem großen Aktienmarktcrash von 2001 bis 2003 begann und mit dem großen Kreditmarktcrash von 2007/2008 endete. In der Spätphase eines Aufschwungs sind private Haushalte und Unternehmen üblicherweise verwundbarer als in der Frühphase, weil sie höher verschuldet sind. Im gegenwärtigen Aufschwung wurde die im Kreditboom bis 2007 aufgebaute Überschuldung erst gar nicht wesentlich zurückgefahren. Die Zentralbanken haben lieber die Last der Schuldenberge durch Niedrigzinsen erleichtert. Nach knapp sieben Jahren Expansion haben sich die Staaten, Unternehmen und privaten Haushalte an die Schuldenlast gewöhnt. Da führt schon die Aussicht auf Entzug der Niedrigzinsen zu Nervosität.

          Kapitalflucht aus China erinnert an das Europa zu DM-Zeiten

          Während die Zentralbanken der Industrieländer mit Niedrigzinsen die dortigen Schuldenberge stabilisierten, haben die Schwellenländer durch den Import dieser Zinsen über Wechselkursziele ihre eigenen Schuldenberge aufgebaut. Der von der Fed in Aussicht gestellte Entzug der Niedrigzinsen hat in diesen Ländern zu Kapitalflucht geführt. Bestimmt wird die weitere Entwicklung von China. Das Dilemma Chinas erinnert an das der Länder im Europäischen Währungssystem (EWS), die immer unter Druck standen, wenn die Bundesbank ihre Geldpolitik straffte. Da dann Kapital abfloss, mussten sie ihre Zinsen erhöhen, um ihre Währungen gegenüber der D-Mark stabil zu halten. Da aber die Marktteilnehmer erkannten, dass höhere Zinsen bei schwachem Wachstum nicht durchzuhalten waren, zogen sie noch mehr Kapital ab. Am Ende brach der Wechselkurs ein.

          Wie in den neunziger Jahren die EWS-Mitglieder kann China heute bei schwächerem Wachstum nicht gleichzeitig die Zinsen hoch halten, um den Wechselkurs zu verteidigen, wenn es nicht zu rigorosen Kapitalverkehrskontrollen zurückkehren will. Wie während der früheren EWS-Krisen wird es letztlich den Wechselkurs fallen lassen müssen, bis die Zahlungsbilanz wieder stabil ist. Dies wird nicht ohne spürbare Folgen für den Rest der Welt abgehen.

          Ein schwächerer Yuan belastet die Industrieländer

          In der jüngeren Vergangenheit hat die Verlangsamung des chinesischen Wachstums zum Verfall der Rohstoffpreise beigetragen, der eine Reihe von rohstoffproduzierenden Schwellenländern in die Rezession gestoßen hat. Eine deutliche Abwertung des Yuan würde nun die Industrieländer unter Druck setzen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn Wechselkursbewegungen des Yuan in letzter Zeit stark mit Veränderungen der Aktienpreise insbesondere für deutsche Unternehmen, für die der chinesische Markt besonders wichtig ist, hoch korreliert sind.

          Die Maßnahmen der Bank von Japan und die Vorbereitungen der Europäischen Zentralbank und der Fed für neue Maßnahmen in der Zinspolitik markieren den Beginn einer möglichen Abwehrschlacht gegen weitere Abwertungen der chinesischen Währung. Möglicherweise gelingt es, Kapitalabflüsse aus China einzudämmen, wenn die Attraktivität ausländischer Anlagen durch niedrigere Zinsen in Amerika, Europa und Japan verringert wird. In diesem Fall könnte die Welt vielleicht noch einmal an einer Rezession vorbeischrammen. Andererseits könnte die Abwehrschlacht aber auch misslingen. Dann würde wohl eine stärkere Abwertung des Yuan zu erheblichen Verwerfungen in der Realwirtschaft und auf den Aktienmärkten führen. Aus der Geschichte des EWS kann man jedenfalls lernen, dass sich Zentralbanken nicht dauerhaft gegen Marktkräfte stemmen können.

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