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Mayers Weltwirtschaft : Achtung, zerbrechlich!

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Wirtschaftsaufschwung und die Lage am Kapitalmarkt sind fragil. Deshalb sollte ein Wertpapierportfolio robust diversifiziert sein.

          Als ich neulich mit Vertretern des Bank- und Versicherungsgewerbes über die Aussichten für die Wirtschaft und den Kapitalmarkt diskutierte, sah niemand die nächste Rezession oder gar Finanzkrise am Horizont. Und dennoch wollte keine gute Stimmung aufkommen, weil beinahe alle den Wirtschaftsaufschwung und die Lage am Kapitalmarkt als fragil empfanden.

          „Fragil“ ist einer der drei Zustände unseres Umfelds, die Nassim Taleb in seinem genialen Buch „Antifragilität“ definiert hat. Die beiden anderen sind „robust“ und „antifragil“. Als „fragil“ bezeichnet er Dinge oder Zustände, die unter Druck in tausend Stücke zerfallen oder in eine Abwärtsspirale übergehen. „Robust“ sind dagegen Dinge oder Zustände, die Druck standhalten oder ihn über Knautschzonen abfangen, „antifragil“ ist, was unter Druck stärker wird.

          Im Wirtschafts- und Finanzbereich sind Ordnungen fragil, in denen die Teile starr verbunden sind und Entscheidungen zentral getroffen werden. Druck und Fehlentscheidungen erfassen alle Teile der Ordnung gleichermaßen und können so leicht zu ihrem völligen Zusammenbruch führen. Schon vor der Finanz- und Euro-Krise war unsere Wirtschafts- und Finanzordnung fragil. Zentralbanken bestimmten die kurzfristigen Kapitalmarktzinsen, und durch die moderne Finanztheorie gleichgeschaltetes Denken führte zu einer Monokultur im Management von Finanzrisiken. Durch hohe Verschuldung waren die Akteure weltweit eng und starr vernetzt. Im Euroraum wurde die Fragilität dadurch erhöht, dass die früher durch variable Wechselkurse bestehenden flexiblen Verbindungen der Volkswirtschaften abgeschafft wurden, ohne dass zum Ausgleich erhöhte Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaftspolitik geschaffen worden wäre.

          In Reaktion auf die Finanz- und EuroKrise hat die Politik die zentrale Planung verstärkt und den Grad der Vernetzung erhöht. Nun bestimmen die Zentralbanken auch noch die langfristigen Kapitalmarktzinsen, und das frühere Gruppendenken beim Management von Finanzmarktrisiken wird von starren, bürokratischen Vorschriften im Rahmen der Banken- und Versicherungsregulierung noch überboten. Im Euroraum sind die Volkswirtschaften durch riesige Beistandskredite und die Finanzierungsgarantie der EZB noch straffer aneinandergekettet. Insgesamt hat sich dadurch die Fragilität der globalen und europäischen Wirtschafts- und Finanzordnung erhöht. Im Euroraum ist auch die Fallhöhe gestiegen: Kommt es zum Bruch der Europäischen Währungsunion, werden die Verluste für die Gläubiger gigantisch sein.

          In dieser fragilen Umgebung ist es für den Anleger verlockend, auf „Antifragilität“ zu setzen, das heißt, Anlagen zu bevorzugen, die in der Krise gewinnen. „Antifragile“ Eigenschaften hat zum Beispiel Gold, das beim Zerfall des Euros oder dem Zusammenbruch unseres Staatsgeldsystems gewinnen würde. Ähnlich verhält es sich mit Optionen auf „sichere Anlagehäfen“, deren Preis in Krisenzeiten steigen würde. Doch ist unklar, wann und wie unsere hochfragile Ordnung in die nächste Krise stürzt. Daher ist es unsicher und kostspielig, „antifragil“ zu investieren. Es ist so, als ob man auf einer Winterreise über die Alpen schon auf der freien Autobahn bei Ulm Schneeketten montieren würde, ohne zu wissen, ob Straßenglätte oder Lawinenabgänge die größere Gefahr bei der Alpenüberquerung darstellen werden. Dem Anleger bleibt daher nichts anderes übrig, als sein Portfolio so robust wie möglich zu gestalten.

          Robuste Ordnungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie dezentral organisiert sind, Knautschzonen besitzen, um Druck aufzufangen, und aus kompetent geführten Einzelteilen bestehen. Ein robustes Wertpapierportfolio sollte deshalb über Regionen und Branchen gut diversifiziert sein. Die Emittenten der Wertpapiere sollten gering verschuldet sein, ein nachhaltiges Geschäftsmodell haben und im Interesse der Kapitaleigner geführt werden. Unter diesen Gesichtspunkten wären vor allem staatsferne, gering verschuldete Unternehmen mit kompetentem Management und krisenfestem Geschäftsmodell zu suchen und staatliche oder unter starkem Staatseinfluss stehende Emittenten mit hoher Verschuldung zu meiden. Die notwendige Liquidität sollte nicht nur in Staatsgeld, sondern auch in Gold, seinem Widerpart, gehalten werden.

          Am Ende meiner Diskussion spalteten sich die Teilnehmer in zwei Lager auf. Die Pessimisten erwarteten, dass das, was fragil ist, am Ende auch zerbrechen wird. Die Optimisten trösteten sich mit der Erfahrung, dass auch fragile Postsendungen unbeschadet ihren Empfänger erreichen können. Das erinnerte mich an die sympathische Maxime meiner neuen Wirkungsstätte Köln: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ Als skeptischer Schwabe ist mir krisenfeste Robustheit jedoch lieber.

           

          Quelle: F.A.S.

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