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Mayers Weltwirtschaft : Ach, Amerika!

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Deutschlands Ökonomen sollten sich nicht so leicht beeindrucken lassen.

          Wenn Sie ein junger, talentierter Volkswirt mit Ambitionen auf den Gebieten Makroökonomik oder Finance wären, müsste Ihre Karriereplanung so aussehen: Nach dem Bachelorabschluss in Deutschland beginnen Sie ein Masterstudium an einer amerikanischen oder britischen Eliteuniversität. Dort erregen Sie die Aufmerksamkeit eines Starprofessors und erwerben unter seiner Aufsicht einen Doktortitel (Ph.D.). Nun schreiben Sie ein paar Aufsätze, die die Thesen Ihres Doktorvaters formal elegant stützen und bringen sie mit seiner Hilfe in einem der prestigeträchtigen wissenschaftlichen Zeitungen unter.

          Damit dürfte es Ihnen gelingen, mit Hilfe Ihres Doktorvaters eine befristete Stelle als Assistenzprofessor an einer befreundeten Eliteuniversität zu ergattern. Nun brauchen Sie nur noch zu warten, bis Sie der Ruf aus Deutschland für eine hohe Position im öffentlichen Forschungsbetrieb ereilt. Zurück in Deutschland sind Sie der Jungstar, dem die zurückgebliebenen, meist älteren deutschen Kollegen mit Minderwertigkeitskomplexen begegnen. Sie überlassen es denen, sich mit den vielen Studienanfängern herumzuschlagen, und gehen weiter ihrem Erfolgsrezept nach: dem Sammeln von Veröffentlichungen in amerikanischen Fachzeitschriften, die die Überlegenheit der angelsächsischen Wirtschaftsforschung verkörpern.

          Dagegen wäre nun nicht das Geringste einzuwenden, wenn die angelsächsische Ausbildung und Forschung allen anderen tatsächlich überlegen wäre. In vielen Naturwissenschaften mag dies der Fall sein. In den Wirtschaftswissenschaften ist dies jedoch anders. Die in diesem Fach vorherrschenden, angelsächsisch inspirierten Paradigmen haben in der Finanzkrise versagt. Die Anhänger des in der Makroökonomik an amerikanischen Universitäten entwickelten neukeynesianisch-neoklassischen Fusionsmodells haben die Kreditblase weder kommen sehen, noch haben sie heute wirksame Rezepte zur Hand, mit denen die Volkswirtschaften nach der Finanzkrise wieder flott gemacht werden könnten. Und die Vertreter der in Amerika entwickelten Theorie der „Modern Finance“ haben den Alchemisten in der Finanzindustrie die Rezepte für ihre verbrieften Kreditprodukte geliefert, die die Bilanzen vieler Banken vergiftet haben. Heute sehen sie mit steinerner Miene zu, wie sich Politiker und Bürokraten aufschwingen, den Finanzsektor nach ihren zentralplanerischen Vorstellungen neu zu gestalten. Angesichts dieser Erfolgsbilanz sollte man erwarten, dass die Vertreter der herrschenden Lehre Demut zeigen. Doch davon ist nichts zu sehen. Im Gegenteil, sie sind schnell bei der Hand, andere Denkschulen als von gestern oder unwissenschaftlich von der Hand zu weisen.

          Hört auf die Österreicher!

          Dagegen liefert die österreichische Schule der Ökonomie eine brauchbare Theorie zum besseren Verständnis der Finanzkrise, und die ordoliberale Freiburger Schule der Ökonomie Handlungsrezepte für die Wirtschaftspolitik, die sich in der Praxis bewährt haben. Mit der Theorie des Kredit- und Investitionszyklus nach Friedrich von Hayek konnte man die Finanzkrise kommen sehen, auch wenn der Zeitpunkt ihres Ausbruchs nicht genau zu bestimmen war. Und mit den Rezepten der Ordnungspolitik der Freiburger Schule wurden in Deutschland zwei „Wirtschaftswunder“ vollbracht: das erste mit der Freigabe aller Preise durch Ludwig Erhard 1948 und das zweite mit der Agenda 2010 durch die Regierung Schröder 2003 bis 2005.

          Heute würde die österreichische Schule empfehlen, die Fehlinvestitionen und faulen Kredite, die im Aufschwung des Kreditzyklus entstanden sind, schnell abzuschreiben, auch wenn dies zu Insolvenzen in der Realwirtschaft und im Bankbereich führen würde. Dagegen würde sie von antizyklischem Nachfragemanagement abraten, da dies die notwendigen Anpassungen nur verschleppt. Die ordoliberale Freiburger Schule würde zu einer robusten Insolvenzordnung raten, die auch die Abwicklung insolventer Banken und die Umschuldung zahlungsunfähiger Staaten möglich macht. Die ordnende Hand des Staates würde sie befürworten, solange diese nicht die Allokationsfunktion des Marktes behindert oder die Verbindung zwischen Entscheidung und Haftung trennt.

          Die im deutschsprachigen Raum beheimateten Ökonomen hätten guten Grund, die angelsächsische Vorherrschaft auf der Grundlage der in diesem Raum entstandenen Denkschulen herauszufordern. Dies würde jedoch Zivilcourage erfordern, da die Karrierechancen sich verschlechtern würden. Langfristig dürften aber die besseren Argumente den Sieg davontragen. In der Zwischenzeit bleibt es alternden Ökonomen ohne Karriereambitionen überlassen, darauf hinzuweisen, dass die Kaiser der herrschenden Denkschule nackt sind.

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