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Mayers Weltwirtschaft : Die deutsche Mär vom Euro

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Deutschland profitiere vom Euro wie kein zweites Land, heißt es ständig. Doch so einfach ist es nicht.

          Ständig höre ich, dass Deutschland am meisten von der Einführung des Euros profitiert habe. Wenn ich dann nachfrage, wie das sein könne, werden oft zwei Gründe genannt: Erstens hätten wir ohne den Euro einen viel stärkeren Wechselkurs. Dann könnten wir nicht mehr so viel exportieren, die Wirtschaft würde weniger wachsen und die Arbeitslosigkeit wäre höher. Zweitens hätte uns die Europäische Zentralbank niedrige Zinsen beschert, so dass wir sogar noch von den Krisen der anderen profitierten. Eigentlich braucht man kein Wirtschaftsstudium, sondern nur ein bisschen gesunden Menschenverstand, um zu sehen, dass beide Gründe falsch sind.

          Ein niedriger Wechselkurs hat zur Folge, dass Exporte billig abgegeben und Importe teuer bezahlt werden. Das schlechte Tauschverhältnis verringert den Wohlstand, weil man mehr eigene Güter herstellen muss, um fremde zu bekommen. Tatsächlich ist mit dem Euro unser Tauschverhältnis so schlecht geworden, dass uns ausländische Kunden die Güter aus den Händen reißen, während wir uns Importe weniger leisten können. Die Folge davon ist ein weltweit Anstoß erregender Rekordüberschuss im Außenhandel.

          Schön wäre es, wenn wir unsere im Außenhandel erzielten Überschüsse wenigstens gewinnbringend anlegen könnten. Leider ist auch das nicht der Fall. Seit der Jahrtausendwende stieg das deutsche Nettoauslandsvermögen weniger, als es angesichts der Überschüsse in der außenwirtschaftlichen Leistungs- und Transferbilanz zu erwarten gewesen wäre. Aber profitieren wir nicht wenigstens von den niedrigen Zinsen? Daran verdient vor allem der deutsche Staat mit seinen rund zwei Billionen Euro Schulden. Aber sie sind schlecht für die deutschen Sparer mit ihren über zwei Billionen Euro Bankeinlagen. Und sie sind schlecht für das Land mit seinem zu einem großen Teil in Schuldtiteln angelegten Nettoauslandsvermögen (davon rund eine Billion Euro in unverzinslichen Target2-Forderungen).

          Mir scheint, dass um den Euro eine „Erzählung“ entstanden ist, die sich weniger an ökonomischen Fakten als an den über der deutschen Geschichte liegenden Schatten orientiert. In seinem Buch „Der lange Weg nach Westen“ erinnert Heinrich August Winkler daran, dass nach dem Fall der Berliner Mauer viele linke Intellektuelle und Politiker die nationale Einheit ablehnten. Für sie war die Teilung Deutschlands die historische Strafe für die Nazi-Verbrechen, so dass die Deutschen nur in einem postnationalen Europa wieder zusammenkommen sollten. Selbst Helmut Kohl, dem „Kanzler der Einheit“, war bei der Vereinigung der beiden deutschen Staaten in einen Nationalstaat mulmig. Wie Ashoka Mody in seinem lesenswerten Buch „Euro Tragedy“ erzählt, hatte sich Kohl schon die explizite Hilfe des amerikanischen Präsidenten George Bush und die implizite Unterstützung des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow für seine Politik gesichert. Er hätte sich über die Einwände Frankreichs und Großbritanniens hinwegsetzen können. Dennoch lag ihm so viel am Einverständnis zumindest Frankreichs mit der deutschen Einheit, dass er sich von François Mitterand, der die französische Wirtschaft unter dem Joch der harten D-Mark wähnte, zu einer Europäischen Währungsunion erpressen ließ.

          Seither strickt die deutsche Politik an der Legende von den segensreichen Wirkungen des Euros für Deutschland, obwohl Kohl selbst in einem Gespräch mit dem amerikanischen Außenminister James Baker am 12. Dezember 1989 ins Feld geführt hatte, dass eine Europäische Währungsunion dem Interesse Deutschlands entgegenstünde.

          Robert Shiller hat darauf hingewiesen, dass sich ökonomische Thesen als Erzählungen verbreiten. Erzählungen wirken ansteckend wie Krankheitserreger, verblassen aber nach einiger Zeit, wenn ihre Plausibilität nachlässt. Ich vermute, dass das „Narrativ“ von den für Deutschland segensreichen Wirkungen des Euros inzwischen seinen Zenit überschritten hat. Dafür spricht nicht nur die zunehmend fragwürdigere Politik der Europäischen Zentralbank, sondern auch das langsame Erwachen der Deutschen aus dem Traum eines postnationalen Europa, das sonst niemand will. Schon 1990 mahnte Ralf Dahrendorf: „Wer den Nationalstaat aufgibt, verliert damit die bisher einzige effektive Garantie seiner Grundrechte. Wer heute den Nationalstaat für entbehrlich hält, erklärt damit – sei es auch noch so unabsichtlich – die Bürgerrechte für entbehrlich.“

          Noch wollen die politischen Eliten die Vertiefung der Währungsunion vorantreiben, auch „gegen deutsche Interessen“ (Helmut Kohl). Doch mit dem schwächer werdenden Euro-Narrativ schwindet ihr Rückhalt bei den Wählern. Schlagen sie Dahrendorfs Mahnung noch länger in den Wind, wird die Geschichte bald über sie hinweggehen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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