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Mayers Weltwirtschaft : Die Lehren der Geschichte

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Welt steckt mitten im Handelskrieg. Das weist beunruhigende Parallelen zu den dunklen Zeiten des vorigen Jahrhunderts auf.

          Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, wünscht ein chinesischer Fluch dem Verdammten. Wir scheinen von ihm getroffen worden zu sein: Finanzkrise, Aufstieg der Populisten, Migrationskrise, Handelsprotektionismus, wankende Regierungen – die Probleme scheinen kein Ende zu nehmen. Wo soll das hinführen? Niemand kann es wissen. Aber wir können einen Blick zurück in eine Zeit werfen, die auf gleiche Weise verflucht war: das zweite und dritte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Die Parallelen zur Entwicklung heute sind erstaunlich. Die Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Das mag sein. Aber sie reimt sich, wenn wir nicht aus ihr lernen.

          Nach dem ersten Weltkrieg nahm die frisch gebackene amerikanische Zentralbank Fed die Arbeit auf. Vom Januar 1921 bis September 1924 senkte sie ihren Leitzins (damals den Diskontsatz) um 4 Prozentpunkte. Dies und eine brummende Wirtschaft verhalfen dem Aktienindex S&P500 zu einem Anstieg von 30 Prozent. Ab 1925 begann die Fed dann die Zinsen wieder zu erhöhen. Dies störte den Aktienmarkt zunächst nicht.

          Er feierte die „Roaring Twenties“ mit einem Anstieg von 343 Prozent bis September 1929. Doch dann kippte er unter dem Druck der höheren Zinsen um und fiel bis Juli 1932 um 83 Prozent. Die Fed senkte den Diskontsatz um insgesamt 5 Prozentpunkte bis Ende 1939. Der Aktienmarkt reagierte auf die Zinssenkungen und die damit verbundene Wirtschaftserholung mit einem Anstieg von 147 Prozent bis Ende 1939. Doch er blieb 60 Prozent unter seinem Hoch von 1929. Ähnlich verlief die Entwicklung im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Die Fed senkte ihren Leitzins (nun die Federal Funds Rate) zwischen 2002 und 2004 um 0,75 Prozentpunkte. Der S&P stieg um 12 Prozent. Danach erhöhte sie den Zins um 4 Prozentpunkte und der Aktienmarkt stieg um weitere 34 Prozent in einer robust wachsenden Wirtschaft.

          Doch im Sommer 2007 wendete sich das Blatt. Der Zinsanstieg hatte inzwischen eine Bankenkrise ausgelöst und der S&P500 fiel bis März 2009 um 50 Prozent. Die Fed kappte ihren Zins um 5Prozentpunkte bis Januar 2014 und erhöhte ihn danach wieder um bisher 1,6Prozentpunkte. Der Aktienmarkt stieg um rund 260 Prozent bis heute.

          Im Gegensatz zu 1939 liegt der S&P500 heute 75 Prozent über seinem Hochpunkt von 2007 und der Leitzins der Fed um 1,6 Prozentpunkte über seinem Tiefpunkt von Anfang 2014. Ansonsten war das Zusammenspiel von Aktienmarkt und Geldpolitik seit 2002 den Entwicklungen in den zwanziger und dreißiger Jahren jedoch recht ähnlich.

          Frappierende Gemeinsamkeiten

          Auch auf der politischen Bühne gibt es große Gemeinsamkeiten. Zollerhöhungen in Amerika im Jahr 1930 führten zu einem Handels- und Währungskrieg, der den Konjunkturabschwung beschleunigte. Im Jahr 1933 brachte die Depression mit Franklin D. Roosevelt einen Linkspopulisten ins Weiße Haus, der im Namen des „vergessenen Manns“ den Wohlfahrtsstaat ausbaute. In Europa herrschten die Rechtspopulisten: Mussolini schon seit längerem in Italien und Hitler ab 1933 in Deutschland. Heute wird die Achse der „sozial-nationalen“ Populisten von Präsident Donald Trump angeführt, der wieder in Anspruch nimmt, für den „vergessenen Mann“ zu handeln. Wie Herbert Hoover, der Vorgänger Roosevelts, schreckt auch Trump vor einem Handelskrieg nicht zurück. Damals wie heute lastet große Unsicherheit auf Wirtschaft und Finanzmärkten.

          Die Große Depression begünstigte den Aufstieg Hitlers und endete mit dem Zweiten Weltkrieg. Mit einer ähnlichen Katastrophe müssen wir heute wohl nicht rechnen. Aber die Spätfolgen der jüngsten Finanzkrise sind auch zehn Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers noch nicht überwunden. Um ein schmerzhaftes Ende zu vermeiden, sollten wir aus den Erfahrungen der zwanziger und dreißiger Jahre Lehren ziehen.

          Vor allem müssten wir einen Handels- und Währungskrieg verhindern. Statt ihn zu bekämpfen, sollten wir Donald Trump (in Anlehnung an eine frühere Politik) „eindämmen“, wenn er sich schon nicht besänftigen lässt. Notwendig dazu wäre ein Zweckbündnis von Staaten für den Freihandel, das auch China aufnehmen könnte, wenn es seine Märkte weiter öffnet. Zweitens müssten wir die Wirtschaft für künftige Rückschläge robuster aufstellen, indem wir Schulden zügig abbauen und im Gleichschritt damit die Zinsen erhöhen. Und drittens müssten wir den Populisten, welche die Gesellschaft nach links- oder rechts-sozialistischen Vorstellungen organisieren wollen, mit klassisch liberaler Politik begegnen, die für die Verbindung von Freiheit mit Verantwortung sorgt. Nur, wenn uns das gelingt, könnten wir uns aus den Verstrickungen der Finanzkrise befreien.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Instute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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