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Mayers Weltwirtschaft : Trügerischer Erfolg

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Nach neun Jahren Aufschwung sind die Zinsen immer noch niedrig. Sobald sie steigen, geraten viele hochverschuldete Länder unter Druck.

          Gewöhnlich erhöht die Zentralbank im Verlauf eines Konjunkturaufschwungs die Zinsen, und der Staat führt die in der Rezession aufgelaufene Verschuldung zurück. Ein alter Aufschwung ist folglich durch höhere Zinsen und niedrigere Staatsverschuldung gekennzeichnet als ein junger. Der aktuelle Konjunkturaufschwung ist der zweitälteste seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Zinsen sind immer noch sehr niedrig, und die Staatsverschuldung ist hoch. Man könnte sagen, dieser Aufschwung leidet am „Dorian-Gray-Syndrom“. Wie Oskar Wildes Romanfigur sieht er jung und schön aus, aber in Wirklichkeit ist er alt und verbraucht. In den vergangenen Wochen konnten wir einen Blick auf das wahre Bild dieses Konjunkturaufschwungs werfen.

          Zur Bekämpfung der Rezession nach der Finanzkrise vor zehn Jahren und zur Förderung der Wirtschaftserholung haben die Zentralbanken der großen Industrieländer die Zinsen auf Rekordtiefstände gedrückt und sehr lange niedrig gehalten. Dadurch konnte die Rezession gemildert werden, aber der Abbau der hohen Schuldenlast, die die Finanzkrise ausgelöst hatte, wurde verschleppt. Dank niedriger Zinsen wurden auch hohe Schulden tragbar. Zudem nutzten die Schwellenländer den Zinsverfall, um durch eine gewaltige Erhöhung ihrer ursprünglich relativ moderaten Verschuldung das Wachstum ihrer Wirtschaft zu stimulieren. Die Verschuldung ist daher weltweit heute erheblich höher als vor der letzten Schuldenkrise. Eine neue globale Finanzkrise ist nur deshalb bisher nicht aufgeflammt, weil die hohen Schulden dank niedriger Zinsen tragbar gemacht wurden.

          Schwellenländer wie Argentinien und die Türkei sind besonders betroffen

          Doch die Verschuldung ist nicht überall gleich hoch und drückend. In den Vereinigten Staaten haben die privaten Haushalte ihre Verschuldung erheblich abgebaut. Dies wurde zum Teil durch einen Anstieg der Staatsverschuldung kompensiert, aber der amerikanische Staat hat keine Probleme, seine Schulden zu finanzieren. Amerikanische Staatsanleihen sind als sichere Anlagen weltweit begehrt. Da die Konjunktur gut läuft und die Schuldenlast auch bei höheren Zinsen tragbar bleibt, ist die amerikanische Notenbank Fed auf einen Kurs stetiger Leitzinserhöhungen eingeschwenkt. Dadurch sind die Zinsen in Amerikas Kapitalmarkt gestiegen, wenn auch nicht im gleichen Umfang wie die Leitzinsen.

          Steigende Zinsen üben nun Druck auf Dollar-Schuldner und Wechselkurse von Ländern aus, die internationale Kapitalzuflüsse zur Finanzierung ihrer außenwirtschaftlichen Defizite brauchen. Betroffen sind davon besonders Schwellenländer – vor allem diejenigen, die aufgrund schlechter Wirtschaftspolitik das Vertrauen der globalen Anleger verloren haben. Angeführt wurde die Liste dieser Länder von Venezuela, dann kam Argentinien dazu und seit der Machtausweitung des Staatspräsidenten Erdogan durch die Verfassungsreform auch die Türkei. Mit dem Aufflammen der Krise dort kamen andere Länder in den Blick der Anleger. Nun stehen Länder wie Indien, Südafrika, Brasilien oder Pakistan unter Druck und andere wie Chile, Mexiko, Indonesien oder China (wo Wachstumssorgen drücken) unter verstärkter Beobachtung der Anleger. Seit April dieses Jahres hat der J. P. Morgan Index der effektiven Wechselkurse der Schwellenländer rund drei Prozent verloren. Gelitten hat auch der Goldpreis, weil einige Investoren erwarten, dass unter Druck stehende Schwellenländer Gold gegen Dollar verkaufen müssen, um ihre Finanzlöcher zu stopfen.

          Ansteckungsgefahr für Südeuropa

          Es ist damit zu rechnen, dass das Misstrauen der Anleger gegenüber hochverschuldeten Schwellenländern mit wenig vertrauenserweckender Wirtschaftspolitik auf Industrieländer mit ähnlichen Eigenschaften überspringt. Für eine Ansteckung dieser Art sind insbesondere die Länder in der Peripherie der Eurozone anfällig. Dort ist die Verschuldung noch höher als in den Schwellenländern und in einer Währung denominiert, die sich diese Länder bei Bedarf nicht durch eine eigene Zentralbank zur Schuldenfinanzierung drucken lassen können.

          Hinzu kommt, dass in Italien, wo die Staatsverschuldung den höchsten absoluten Wert aller Eurostaaten hat, eine wenig Vertrauen einflößende Regierung im Amt ist. Wahrscheinlich werden sich die Koalitionspartner bald auf in den Wahlen versprochene Senkungen von Steuern und Erhöhungen von Staatsausgaben einigen, so dass ein weiterer deutlicher Anstieg der Staatsverschuldung zu erwarten ist. Die italienische Regierung dürfte daher nicht nur wie der türkische Präsident Erdogan auf niedrige Zinsen, sondern auch noch auf Hilfe durch die Europäische Zentralbank bei der Staatsfinanzierung drängen. Von all dem wird die amerikanische Wirtschaft nicht unberührt bleiben. Aber es könnte eine Weile dauern, bis der Virus dort ankommt und weitere Zinserhöhungen der Fed abwürgt.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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