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Kolumne: Mayers Weltwirtschaft Draghis Umverteilung

Die Europäische Zentralbank könnte eine gefährlichere Umverteilung auslösen als die Grünen.

© Thilo Rothacker Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes.

Gut zwei Jahrzehnte nach dem Scheitern des sozialistischen Experiments steht die Umverteilung von Einkommen und Vermögen wieder ganz oben auf der politischen Agenda. Dabei bewegt sich die Diskussion in den hinlänglich bekannten Bahnen: Es geht darum, mit Hilfe des Steuersystems Einkommen und Vermögen umzuverteilen. Doch wird im Bemühen, die vermutete Gerechtigkeitslücke zu schließen, übersehen, dass sich über die gemeinsame Geldpolitik im Euroraum eine weit umfassendere Umverteilung der Vermögen von der deutschen Mittelschicht zu privaten Haushalten der Krisenländer und den überschuldeten Staaten des Euroraums anbahnt.

In der öffentlichen Debatte wird oft der Eindruck vermittelt, dass hohe Zinsen schlecht und niedrige Zinsen gut seien. Vermutlich kommt dies aus einer Zeit, in der Zentralbanken mit hohen Zinsen Rezessionen herbeiführten, um die Inflation zu bekämpfen, und in der Rezession dann mit niedrigen Zinsen den Aufschwung ankurbelten. Da diese Konjunkturzyklen relativ kurz waren, profitierten Sparer und Schuldner im mehr oder weniger regelmäßigen Wechsel von einer solchen Politik.

Die Folgen der Niedrigzinspolitik

Dies ist bei der nach der Finanzkrise begonnenen Niedrigzinspolitik anders. Wenn der geldpolitisch gesteuerte Nominalzins die Inflationsrate übersteigt, wird systematisch Vermögen von den Sparern zu den Schuldnern umverteilt, denn Zinszahlungen auf festverzinsliche Anlagen gleichen den durch die Inflation bedingten realen Wertverlust der Schuld nicht mehr aus.

Die Geldpolitik hat also erhebliche Auswirkungen auf die Vermögensverteilung, ohne dafür ein demokratisch legitimiertes Mandat zu haben. Dies ist schon bedenklich, wenn die Umverteilung innerhalb eines Landes stattfindet. Politisch brisant wird es, wenn die gemeinsame Geldpolitik im Euroraum Auswirkungen auf die Vermögensverteilung zwischen privaten Haushalten verschiedener Länder hat. Dies ist dann der Fall, wenn in einem Land die Mehrzahl der Haushalte festverzinsliche Anlagen und im anderen fremdfinanzierte reale Vermögenswerte besitzt.

Die jüngst von der Europäischen Zentralbank veröffentlichten Statistiken zum Vermögen der privaten Haushalte in den Ländern des Euroraums weisen auf solche Unterschiede zwischen den Haushalten der Mitgliedsländer hin. Nach diesen Erhebungen hat zum Beispiel der mittlere deutsche Haushalt ein Nettovermögen von 51400 Euro, der mittlere spanische Haushalt dagegen von 182700 Euro. Eine wichtigere Rolle als unterschiedliche Haushaltsgrößen dürfte für den Unterschied spielen, dass in Spanien 83 Prozent der befragten Haushalte Immobilien besitzen, in Deutschland aber nur 44 Prozent.

Im ersten Jahrzehnt der Europäischen Währungsunion wuchs das Vermögen der spanischen Haushalte, weil die Immobilienpreise kräftig stiegen, die Belastung durch niedrige Schuldzinsen aber relativ gering war. Auch nach dem Einbruch der spanischen Immobilienpreise von um die 30 Prozent dürfte das Nettovermögen spanischer Haushalte noch deutlich über dem der deutschen liegen. Die Haushalte in zahlreichen anderen Euroländern haben ebenfalls höhere Nettovermögen gebildet, weil auch sie von den steigenden Immobilienpreisen profitiert haben.

Für Deutschland ist der Zins zu niedrig

Angesichts der andauernden Schwäche der Wirtschaft im Euroraum wird die Europäische Zentralbank wohl die Zinsen für lange Zeit auf sehr niedrigem Niveau halten. Für Deutschland ist der Zins zu niedrig, da die deutsche Wirtschaft weder so hoch verschuldet ist noch an ähnlichen strukturellen Verwerfungen leidet wie die vieler anderer Euroländer.

Deshalb steigen nun auch hier die Immobilienpreise, und wie in den südlichen Ländern wird die Konsumentenpreisinflation folgen. Bei niedrigen Zinsen braucht es keine hohen Inflationsraten, um die Besitzer nominaler Vermögenswerte langfristig zu schädigen. Beträgt zum Beispiel der Zins ein Prozent und die Inflationsrate vier Prozent, dann schrumpft der inflationsbereinigte Wert eines in festverzinslichen Papieren angelegten Vermögens über zehn Jahre um rund ein Viertel. Dies sind siebzig Prozent mehr als die von den Grünen über den gleichen Zeitraum geforderte Vermögensabgabe.

In anderen Euroländern, wo private Haushalte Immobilien über Kredite finanziert haben, verringern niedrige Zinsen die finanzielle Belastung und stabilisieren den Wert der Immobilie. Die Niedrigzinspolitik belastet also die eher „armen“ Haushalte in Deutschland und entlastet die eher „reichen Haushalte“ in den Krisenländern, von denen einige zudem durch den deutschen und andere Steuerzahler unterstützt werden.

Die anderen großen Nutznießer der Niedrigzinspolitik sind die überschuldeten Staaten. Sie können ihre Schulden billiger finanzieren, während gleichzeitig ihre Einnahmen von einer möglicherweise höheren Inflation profitieren.

Dies gilt insbesondere für den deutschen Staat, für den beide Effekte besonders stark ausfallen dürften. Angesichts dieses Umstands stünde es der Politik besser an, darüber nachzudenken, wie die geldpolitisch bedingten Gewinne des Staates zur Sicherung der überwiegend nominalen Vermögen der Mittelschicht eingesetzt werden können - statt immer neue Belastungen für die „besser Verdienenden“ zu ersinnen.

Thomas Mayer ist Senior Fellow am Center for Financial Studies der Universität Frankfurt und Berater der Deutschen Bank. Alle Folgen unter www.faz.net/weltwirtschaft.

Quelle: F.A.S.

 
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