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Mayers Weltwirtschaft : Ratschläge zur Rente

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Wer sich bei der Altersvorsorge allein auf den Staat verlässt, ist verlassen. Man muss schon selbst etwas tun.

          Als ich meine erste Stelle an einem staatlichen Wirtschaftsforschungsinstitut antrat, war die Altersvorsorge für mich kein Thema. Ich zahlte meine Beiträge per Gehaltsabzug in die gesetzliche Rentenversicherung und wurde über meinen Arbeitgeber darüber hinaus noch bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder versichert. Von alledem merkte ich nichts. Als meine beiden Töchter ihre ersten Stellen antraten, kamen sie ziemlich genervt zu mir und fragten, welches der von ihren jeweiligen Arbeitgebern angebotenen Modelle zur Altersvorsoge sie denn auf dem entsprechenden Fragebogen ankreuzen sollten. Auch ich war ratlos. Heute ist die Vorsorge fürs Alter so kompliziert geworden, dass man Fachwissen braucht, um durchzusteigen. Das schreckt viele ab. Das Dumme dabei ist aber, dass man mit dem wirtschaftlichen Abstieg rechnen muss, wenn man für die Zeit im Ruhestand nicht richtig vorsorgt.

          Darauf sind die Deutschen nicht vorbereitet. Seit Bismarcks Zeiten verlassen wir uns auf den Staat. Eigentlich wollte Reichskanzler Otto von Bismarck mit seiner Politik von „Zuckerbrot und Peitsche“ nur die SPD niederhalten. Als Peitsche erließ er 1878 die Sozialistengesetze, mit der die Betätigung der Sozialdemokraten stark eingeschränkt wurde. Als Zuckerbrot schuf er 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und 1891 die gesetzliche Rentenversicherung. Bismarcks Wut auf die Sozialdemokratie verdanken wir unseren heutigen Wohlfahrtsstaat. Von ihm erwarten wir „Versorgung“, eben auch im Alter.

          Bismarck gegen Beveridge

          Dem deutschen „Bismarck-Modell“ der Sicherung des Lebensstandards im Alter steht das britische „Beveridge-Modell“ gegenüber. Die in den 1940er Jahren in Großbritannien entwickelte Sozialversicherung wird vorwiegend über Steuergeld finanziert und bietet der Bevölkerung einheitliche Pauschalleistungen zur Existenzsicherung. Wer darüber hinaus im Alter seinen Lebensstandard bewahren will, muss selbst vorsorgen.

          Aus deutscher Sicht beunruhigend ist, dass dem „Generationenvertrag“, der der heutigen Version des Bismarck-Modells zu Grunde liegt und die Versorgung der Alten durch die Jungen vorsieht, wegen des Rückgangs der Geburtenrate und der daraus folgenden Alterung der Bevölkerung die Grundlage entzogen wurde. Weil es immer weniger Junge im Verhältnis zu den Alten gibt, können die Jungen nicht mehr für den Erhalt des Lebensstandards der Alten sorgen, und das Bismarck-Modell nähert sich dem Beveridge-Modell an. Das heißt aber für meine Töchter (und andere jüngere Erwerbstätige), dass sie sich selbst um den Erhalt ihres Lebensstandards kümmern müssen. Die viel beschworene Altersarmut kann auch im Beveridge-Modell verhindert werden, aber ohne eigene Vorsorge drohen schmerzliche Einbußen im gewohnten Lebensstandard.

          Ein Dickicht an staatlicher Förderung

          Wer sich vor diesem Hintergrund nun an die Vorsorge macht, steht vor einem schier undurchdringlichen Dickicht an Möglichkeiten und Angeboten. Für die Pflichtversicherten in der Rentenversicherung gibt es die „Riester-Rente“, die in sieben Varianten angeboten wird, und die „Entgeltumwandlung“ im Rahmen der betrieblichen Altersvorsorge, für die es wiederum fünf Durchführungswege gibt. Für Selbstständige gibt es die „Rürup-Rente“, die in vergleichsweise übersichtlichen drei Varianten gewählt werden kann. Alle diese Vehikel werden auf die eine oder andere Weise vom Staat begünstigt. Der Sparer erhält staatliche Zuschüsse, oder er darf die Besteuerung der Erträge in die Zukunft verlagern, wo für ihn ein niedrigerer Steuersatz gelten könnte, oder er kann sowohl von Zuschüssen als auch nachgelagerter Versteuerung der Erträge profitieren. Aber für was soll er sich bloß entscheiden?

          Meinen Töchtern habe ich empfohlen, darüber nachzudenken, ob sie Eigentum bilden wollen, das sie einmal ihren Nachkommen hinterlassen können, oder einfach nur ihren Lebensstandard im Alter absichern wollen. Im ersten Fall scheiden Riester, Rürup und andere Versicherungslösungen schon mal aus, denn dabei geht es im Wesentlichen um eine lebenslange Rente. Davon können auch Hinterbliebene profitieren, aber mit Bildung von Eigentum hat das nichts zu tun. Zweitens habe ich ihnen geraten, zur Vermögensbildung auf Aktienanlagen zu setzen. Über die Zeit und bei guter Diversifizierung der Anlage kommt da mit hoher Wahrscheinlichkeit einiges zusammen. Außerdem lässt sich über Aktienvermögen viel flexibler als über Immobilienvermögen verfügen. Drittens gab ich zu bedenken, dass sie ihre Entscheidung vor allem an ihrer Lebensplanung und weniger am Umfang der staatlichen Förderung ausrichten sollten. Viertens riet ich, genau auf die Kosten der jeweiligen Produkte zu achten.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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