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Mayers Weltwirtschaft : Der deutsche Bürgerfonds

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Das Vermögen des Staates kommt in einen Topf. Und jeder Bürger erhält einen Anteil daran. Eine interessante Idee.

          Der damalige französische Finanzminister Valerie Giscard d’Estaing sprach in 1960er Jahren vom „exorbitanten Privileg“ der Amerikaner, sich in ihrer Währung international verschulden zu können. Grund für dieses „Privileg“ war, dass Investoren überall auf der Welt Dollaranlagen als sichere Reserve haben wollten. Nach dem Zusammenbruch der Währungsordnung im Bretton-Woods-System bekamen Dollaranlagen jedoch Konkurrenz. Investoren sahen in D-Mark-Anlagen ähnlich sichere Instrumente, so dass die deutsche Währung zur zweitwichtigsten Reservewährung nach dem Dollar aufstieg.

          Mit der Einführung des Euro sollte das exorbitante Privileg der Deutschen auf alle Euroländer übergehen, doch die Rechnung ging nicht auf. Die Konstrukteure der Währungsunion hatten nicht bedacht, dass das auf den Girokonten der Banken liegende Geld (Giralgeld genannt) nicht wie Banknoten von der Europäischen Zentralbank, sondern durch die Kreditvergabe von Banken geschaffen wird. Es handelt sich also um privates Schuldgeld der Banken, das verloren gehen kann, wenn Bankkredite in großem Umfang nicht zurückgezahlt werden und der für die Banken zuständige Staat nicht die Finanzkraft hat, die Kreditausfälle auszugleichen. Statt einer Währungsunion hatten die Konstrukteure nur eine Bargeldunion geschaffen.

          Ein deutsches Privileg in der Währungsunion

          Dies hatte zur Folge, dass das exorbitante Privileg der Emission von Reserveanlagen beim deutschen Staat verblieb. Folglich lagen zum Höhepunkt der Euro-Krise im November 2011 die Renditen des italienischen oder des französischen Staates um 5,1 beziehungsweise 1,4 Prozentpunkte über denen des deutschen Staates. Der Grund dafür war, dass Anleger ein wesentlich größeres Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit des deutschen Staates – und davon abgeleitet deutscher Banken – hatten als in die anderer Eurostaaten und Banken.

          Nun will die Europäische Kommission die Bargeldunion durch die Vergemeinschaftung der Einlagensicherung zu einer vollständigen Währungsunion ausbauen. Außerdem soll in Anlehnung an die berüchtigten „Collateralized Debt Obligations“ (CDO) die in der Finanzkrise von 2007/08 reihenweise ausgefallen sind, eine europäische Staatsanleihe konstruiert werden, die deutsche Staatsanleihen als sichere Anlage ablösen soll. Diese Vorschläge würden jedoch dem deutschen Staat nicht nur die Mithaftung für unsolide Finanzen anderer Eurostaaten und ihrer Banken auferlegen, sondern ihm auch das exorbitante Privileg der Emission einer sicheren Anlage nehmen. Was genau geht da verloren?

          Der Unternehmer Lutz Helmig hat eine pfiffige Idee, die es veranschaulicht. Er schlägt einen Bürgerfonds vor, der alle vorhandenen Bundesschulden übernimmt und neue Bundesanleihen ausgibt. Gleichzeitig übernimmt der Bürgerfonds den marktgängigen Besitz des Bundes und legt den Erlös aus der Ausgabe neuer Bundesanleihen in Aktien, Anleihen und Immobilien an. Verwaltet wird der Fonds von der Bundesbank, die ihm auch ihren Gewinn überweist. Jeder deutsche Staatsbürger bekommt Anteile an dem Fonds, die er sich nach Erreichen einer gesetzlich festgelegten Altersgrenze auszahlen lassen kann. Über den Bürgerfonds soll also jedem Deutschen ein Anteil am marktgängigen Vermögen des Bundes und seiner finanziellen Schulden zugewiesen werden. Dadurch dass sich der Fonds dank des exorbitanten Privilegs des deutschen Staates günstig verschulden und die Mittel höher rentierlich anlegen kann, soll jedem Deutschen im Verlauf seines Lebens ein Basisvermögen angespart werden.

          Eine Eigentümergesellschaft, wie sie schon Ludwig Erhard wollte

          Das Geniale an Helmigs Idee ist, dass sie das exorbitante Privileg des deutschen Staates, das durch den Fleiß seiner Bürger geschaffen wurde, nutzt, um eine Eigentümergesellschaft zu bilden, wie sie Ludwig Erhard zur Sicherung der freien Gesellschaft wollte. Für Erhard war privates Eigentum Mittel zur freien und verantwortlichen Lebensplanung. Er wollte, dass sich die Bürger über den Kauf von Aktien am Produktivvermögen beteiligten und beklagte, dass die Deutschen leider kein inniges Verhältnis zu dieser Form des Eigentums gewonnen hätten.

          Auch unterschätzte er die Risiken, die sich für den Anleger aus dem Besitz einer oder weniger Aktien ergeben. Unerquickliche Erfahrungen vieler Kleinanleger mit „Volksaktien“, die sie bei der Privatisierung von Unternehmen im Staatbesitz machten, trugen wahrscheinlich zur Aversion der Deutschen gegen Aktien bei. Ein wohl diversifizierter Bürgerfonds, der durch das exorbitante Privileg der Emittierung von Reserveanlagen gespeist wird, könnte vergangene Fehler ausgleichen. Bevor deutsche Politiker dieses Privileg an unsere europäischen Nachbarn verschenken, sollten sie sich mit Helmigs Idee auseinandersetzen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Stroch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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