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Mayers Weltwirtschaft : Der rätselhafte Dollar

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die amerikanische Währung ist schwach geworden. Dafür verantwortlich ist nicht Donald Trump, sondern der Rest der Welt.

          Als die amerikanische Regierung unter Präsident Ronald Reagan zu Beginn der achtziger Jahre die Steuern senkte und die Notenbank Federal Reserve unter ihrem Vorsitzenden Paul Volcker die Zinsen erhöhte, stieg der Wechselkurs des Dollars steil an. Im Februar 1985 war der Dollar 3,30 D-Mark wert. Auf Euro umgerechnet heißt dies, dass man nur 60 US-Cent für einen Euro hätte bezahlen müssen. Seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden ist, hat die Notenbank Fed ihren Leitzins um einen Prozentpunkt angehoben und der Kongress die größte Steuerreform seit Reagan verabschiedet. Der Zins auf zehnjährige Staatsanleihen stieg um Dreiviertel eines Prozentpunkts auf knapp drei Prozent. Also „Déjà-vu all over again“, wie die Baseball-Legende Yogi Berra zu sagen pflegte? Mitnichten: Der Dollar fiel um mehr als zehn Prozent gegenüber dem Euro und um durchschnittlich sieben Prozent gegenüber den Währungen der amerikanischen Handelspartner. Für die meisten Marktteilnehmer ist die Entwicklung des Dollars ein Mysterium. Es gibt keine schlüssige Erklärung, nur Vermutungen.

          Eine Vermutung ist, internationale Anleger könnten ein Engagement in den Vereinigten Staaten wegen Trump als politisch riskant einstufen. Diese Vermutung ist wenig überzeugend. Trump hat sich bisher weder auf militärische Abenteuer eingelassen noch Handelskriege begonnen. Seit seiner Wahl ist der amerikanische Aktienindex S&P 500 um rund 26 Prozent gestiegen. Das sieht mehr nach einem Votum des Vertrauens als des Misstrauens aus. Wie man es auch dreht und wendet, in den Vereinigten Staaten selbst findet man keinen stichhaltigen Grund für die Dollarschwäche.

          Euro und Yen wurden 2017 stärker

          Vielleicht sollte man daher den Grund für die Schwäche des Dollars besser in einem Wiedererstarken anderer Währungen suchen. Dafür könnten sowohl eine Beschleunigung der Konjunktur als auch eine Verringerung politischer Risiken außerhalb Amerikas verantwortlich gewesen sein. Nach einer vorübergehenden Schwächephase nahm die amerikanische Wirtschaft Anfang 2016 wieder mehr Fahrt auf. Europa, Japan und die Schwellenländer folgten mit einer Zeitverzögerung von einem Dreivierteljahr. Im Laufe von 2017 gewannen die Nachzügler, darunter insbesondere die Eurozone, mehr Schwung als Amerikas Wirtschaft. Dieser Aufschluss könnte das Vertrauen vor allem in den Euro und den Yen gestärkt haben, die 2017 gegen andere Währungen zwei beziehungsweise drei Prozent gewannen.

          Nach dem Sieg von Emmanuel Macron in der Präsidentenwahl in Frankreich war die größte Gefahr für den Bestand des Euros, der Sieg von Marine Le Pen, gebannt. Und mit der Bestätigung Angela Merkels als deutscher Bundeskanzlerin trotz herber Verluste in der Bundestagswahl verbesserten sich die Aussichten dafür, dass der deutsche Steuerzahler für den Erhalt des Euros schon sorgen würde. Ende 2017 saß die europäische Einheitswährung daher sehr viel fester im Sattel als ein Jahr zuvor. In Japan gewann Regierungschef Shinzo Abe die Parlamentswahl im Oktober 2017 mit großer Mehrheit. Dadurch dürften die Prämien für politische Risiken auf Euro und Yen gefallen sein.

          Kapitalabflüsse aus dem Dollar-Raum

          Tatsächlich flossen aus den Vereinigten Staaten im Verlauf des vergangenen Jahres Finanzmittel ab, während es im Euroraum und in Japan zu großen Zuflüssen kam. Für die Wechselkursentwicklung sind vor allem Zahlungen von Bedeutung, die auf Handel und langfristige Anlageentscheidungen zurückgehen. Sie werden in der Summe aus Leistungsbilanz und langfristiger Kapitalverkehrsbilanz, genannt Grundbilanz, erfasst. Im Jahr 2016 wies die Grundbilanz in den Vereinigten Staaten ein Defizit von 87 Milliarden Dollar aus. In den ersten drei Quartalen 2017 stieg dieses Defizit auf einen auf das Jahr hochgerechneten Wert von 136 Milliarden Dollar. Der Verschlechterung der Grundbilanz um geschätzte 50 Milliarden Dollar stand eine gewaltige Verbesserung im Euroraum und in Japan gegenüber. Im Euroraum stieg die Grundbilanz von 2016 auf 2017 um 309 Milliarden Dollar, in Japan um 324 Milliarden Dollar. In allen drei Währungsräumen waren die Veränderungen weitgehend von Änderungen der Kapitalverkehrsbilanzen getrieben.

          Man darf also vermuten, dass die Dollarschwäche vor allem einer erhöhten Attraktivität von Kapitalanlagen in anderen Ländern geschuldet ist. Vermutlich wurden dabei nicht nur in Amerika, sondern auch in Drittländern gehaltene Dollaranlagen nach Europa und Japan gelenkt. Doch Anleger sind wankelmütig. Deshalb darf mit einer Bewegung der Kapitalflüsse in die andere Richtung und einem Wiedererstarken des Dollar gerechnet werden. Nur wann dies kommen wird, weiß niemand.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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