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Mayers Weltwirschaft : Irre Geldgeschichten

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Wer Anleger für sich gewinnen will, muss ein guter Geschichtenerzähler sein. Das zeigt der Hype um das Digitalgeld Bitcoin.

          Die neoklassische Theorie der Ökonomie nimmt an, dass Wirtschaftsakteure vollständig rational handeln. Insbesondere bilden sie ihre Erwartungen für die Zukunft unter Kenntnis aller verfügbaren Informationen und wirtschaftlichen Zusammenhänge. Daraus folgt, dass Märkte „effizient“ sind und kein einzelner Marktteilnehmer Preise vorhersagen kann.

          Nun wissen wir aber von den Verhaltensökonomen, dass dem nicht so ist. Die Wirtschaftsakteure betrachten nur die ihnen zugängliche Information, werten diese mit ihren subjektiven Kenntnissen und Bauchgefühlen aus und orientieren sich bei ihren Entscheidungen auch an anderen Leuten. Da diese mikroökonomischen Erkenntnisse der Verhaltensökonomie bisher unwiderlegt sind, muss man auch die sich aus der neoklassischen Theorie ergebende These der Effizienz der Märkte verwerfen. Marktpreise entwickeln sich nicht durch zufällig aufkommende neue Information, sondern werden durch die subjektiven Entscheidungen der Markteilnehmer getrieben. Wie kann man sich dann die Preisbildung auf Märkten vorstellen?

          Der Ökonom Robert Shiller hat dafür das Konzept der „narrativen Ökonomie“ weiterentwickelt. Damit bezeichnet er die Analyse der Verbreitung von „Narrativen“ in der Öffentlichkeit. Menschen kommunizieren gerne über Geschichten. Kern einer Geschichte (eines Narrativs) ist eine subjektive Wahrnehmung, verbunden mit einer subjektiven Interpretation. Es kann sich aber auch um eine Erfindung oder um Einbildung handeln. Narrative können sich wie Viren von Mensch zu Mensch verbreiten und bewirken, dass sich Marktteilnehmer wie eine Herde verhalten. Shiller hat festgestellt, dass die Verbreitung von Narrativen der Verbreitung von Krankheitserregern in einer Epidemie ähnelt, und zur Analyse deshalb die von Epidemiologen entwickelten Modelle vorgeschlagen.

          Wie ein Virus

          Mein Kollege Phillip Immenkötter hat die Verbreitung des Narrativs von Bitcoin mit einem epidemiologischen Modell analysiert und festgestellt, dass die Häufigkeit der Berichterstattung in den Medien und daraus abgeleitet die Preisentwicklung von Bitcoin recht gut damit erklärt werden können. Insbesondere wurde deutlich, dass bei einer fortgeschrittenen Entwicklung der „Epidemie“ das Narrativ einen Einfluss auf die Preisentwicklung ausüben kann (und nicht umgekehrt). Narrative können also die Wirklichkeit beeinflussen oder sogar verändern, selbst wenn sie unwahr sind. Ein gutes Beispiel dafür ist die Erzählung vom Waldsterben. Der Göttinger Forstwirtschaftler und Bodenkundler Bernhard Ulrich behauptete 1981, durch Luftverschmutzung geschaffener „saurer Regen“ würde die deutschen Wälder in nur wenigen Jahren vernichten. Obwohl seine These kaum durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt war, erzeugte sie eine öffentliche Hysterie. Das verhalf den Grünen 1983 zum erstmaligen Einzug in den Deutschen Bundestag. Jahre später erwies sich die These als völlig haltlos – die Waldfläche wurde größer statt kleiner. Doch die Geschichte veränderte unsere Wirklichkeit und grub sich in das kollektive Gedächtnis der Deutschen ein. Sie veränderte die deutsche Politik. Noch heute haben viele Leute Angst um den Wald.

          Nach den Modellen der Epidemiologen verbreiten sich Narrative schnell und klingen dann langsam ab. Philipp Immenkötter hat dies für das Bitcoin-Narrativ festgestellt. Ungefähr jeder Zweite, der in einer bestimmten Woche davon gehört hat, hat die Geschichte weitererzählt. Jeder Vierte, der von dieser Geschichte „infiziert“ war, hat dann in einer bestimmten Woche wieder von ihr abgelassen. Narrative verschwinden, wenn genügend Leute gegen sie „immunisiert“ sind. Immun wird man, wenn die Geschichten so weit von der wahrgenommenen Wirklichkeit abweichen, dass man ihnen nicht mehr glaubt. Ein Beispiel für ein überwundenes Narrativ ist, dass die kommunistische Wirtschaftsordnung der liberalen überlegen ist.

          Doch können im Kern nachweislich falsche Geschichten auch neue Narrative begründen. So hat die Erzählung vom Waldsterben der Erzählung vom durch den Menschen verursachten Klimawandel den Weg bereitet. Und die Erzählung von der Überlegenheit des Kommunismus hat einen Nachfahren im Narrativ, dass der „Neoliberalismus“ an allen Problemen unserer Welt schuld ist.

          Der Aufstieg der sozialen Medien erlaubt es jedem, ein Narrativ in die Welt zu bringen und seine epidemische Verbreitung zu betreiben. Wir leben in einer Zeit des Kampfs der Narrative, wobei die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Narrativen unglücklicherweise enorm schwer ist. Ein erster Schritt zur Immunisierung ist, sich dessen bewusst zu sein.

          Der Autor ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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