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Maut Mit mir kommt die Maut

14.03.2004 ·  Dies verspricht Konrad Reiss, der als Maut-Retter ausersehene Manager von T-Systems. In der nächsten Woche tritt der Telekom-Vorstand mit ihm bei Toll Collect an.

Von Georg Meck
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Es geschah in Südafrika, bei der Kanzlerreise Ende Januar. Die Delegation besuchte die Niederlassung der Telekom-Tochter T-Systems. Die beschäftigt am Kap nicht nur fähige Programmierer, sondern unterstützt auch soziale Projekte: Aids-Hilfe, Schulen in Townships. Gerhard Schröder und Daimler-Chef Jürgen Schrempp ließen sich die guten Werke von T-Systems-Chef Konrad Reiss erläutern. Und sprachen mit ihm über ein höchst unangenehmes Thema: die Blamage mit der Maut.

Zufall oder nicht, kurz darauf wurde dem Volk ein neuer Retter präsentiert: jener bis dahin weithin unbekannte Konrad F. Reiss (das F steht für Friedrich), Jahrgang 1957, dreifacher Familienvater, Diplom-Kaufmann, Dauerläufer und Unternehmer aus Leidenschaft. Der solle es nun richten, wurde am 1. März verkündet. Die Deutsche Telekom übernehme die operative Führung, T-Systems werde Generalunternehmer.

"Mir macht so etwas Spaß"

"Toll Collect will Maut-Projekt zum Erfolg führen" lautete die Botschaft. Jürgen Schrempp und Kai-Uwe Ricke wollten nur noch nach vorn schauen und beschworen die Chancen der Technik. Kühne Reden, denen das mautübliche Geschachere folgte: Die Partner Daimler und Telekom verhedderten sich in Eifersüchteleien, es blühten die Intrigen.

Zwei Wochen reichten nicht, um Reiss formell zu dem zu machen, als was er designiert wurde. Der Hoffnungsträger, ausgebremst im Wartestand. Wann wird er nun offiziell bestellt? Kein Kommentar bei Toll Collect zu den "ungeklärten Verhältnissen". Nächste Woche sei es soweit, heißt es in Kreisen der Konsorten. Reiss könne dann offiziell antreten. Und der Manager selbst? Was meint der Mann, der so abrupt vom IT-Anbieter zum Ehrenretter der deutschen Industrie befördert wurde? Er freue sich auf die Aufgabe, sagt er. "Mir macht so etwas Spaß."

Milliardenausfälle für den Staat

Daß schon vor Antritt gegen ihn geschossen wurde, daß Zweifel laut wurden, ob er sich selbst kontrollieren könne - der Aufsichtsrat Reiss den Lieferanten Reiss. Für ihn alles kein Thema. "Wir wären nicht auf diese Lösung gekommen, hätten wir solche Fragen nicht vorher geprüft." Lange aufhalten mag er sich mit diesen Dingen eh nicht mehr. Der 1. Januar 2005, das ist der Termin, auf den er hinarbeitet. Dann muß das System funktionieren. "Das wird es auch. Wir können am Jahresende an den Start gehen. Davon bin ich überzeugt. Die Grundfunktionsfähigkeit der Technik steht außer Frage." Schließlich sei die Maut-Technologie nicht wirklich neu. "Die wird jetzt nur für einen neuen Zweck zusammengebaut. Das Risiko, daß das ganze Ding überhaupt nicht funktioniert, ist gleich Null."

Wer den Manager so reden hört, der könnte glatt die peinliche Vorgeschichte vergessen. Die verschobenen Starttermine. Das Geeiere von Minister Stolpe. Die Milliardenausfälle für den Staat. Die Drohungen des Kanzlers. Der Spott über den Pannen-Standort Deutschland. Alles kalter Kaffee. Geschichte. Jetzt noch darüber zu diskutieren, wer welche Schuld an dem Debakel hat, hält Reiss für "komplett unsinnig". "Es gibt keinen Unschuldigen, wenn Sie in eine solche Situation kommen." Um das System zum Laufen zu bringen, brauche es jedenfalls nicht Tausende zusätzlicher Ingenieure oder Software-Entwickler. Nötig sind Leute, die das "Projektmanagement auf die Reihe kriegen". Manager wie Konrad Reiss eben.

Jetzt aber schnell

Daß der sich zutraut, die Aufgabe zu meistern - keine Frage. So viel Selbstbewußtsein muß sein. Auch wenn er betont, bei Toll Collect nicht das operative Geschäft zu steuern. Einmischen wird er sich schon. Und eines wird er in jedem Fall verordnen: mehr Transparenz. Die Öffentlichkeit soll über die Zwischenstände unterrichtet werden, auch über Fehler. Denn davon wird es noch einige geben. Da baut Reiss schon einmal vor. "Das wird ein Jahr der Auf und Abs. Wenn wir das System mit realen Daten hochfahren, werden wir immer wieder Fehler entdecken. Je früher, um so besser."

Seit er zum Maut-Retter erkoren wurde, hat sich Reiss in die Details des Systems eingearbeitet ("Vorher waren wir ja nur ein Lieferant von vielen"). Regelmäßig ist er nach Berlin geflogen. Hat an den Sitzungen der Geschäftsführung bei Toll Collect teilgenommen - quasi als Zuhörer mit Beobachter-Status, solange er nicht formell ernannt war. Für die dort versammelten Manager hatte das einen entscheidenden Vorteil: Sie behielten noch ihren Job. Erst wenn Reiss dem Aufsichtsrat offiziell vorsteht, kann er Führungskräfte entlassen. Daß er von diesem Recht Gebrauch machen wird - auch das steht außer Frage. Als erstes muß wohl Geschäftsführer Ziermann gehen. Als "reine Spekulation" tut Reiss entsprechende Meldungen ab. Treueschwüre kommen aber auch nicht über seine Lippen. "Ich habe einen Plan im Kopf, wie wir Toll Collect managen können." Mehr sagt er dazu nicht. Außer, daß alles schnell gehen muß.

"Klassisches Turnaround-Programm"

So schnell wie bei T-Systems, wo auch künftig seine Hauptaufgabe liegen wird, wie Reiss betont. Als er dort voriges Jahr antrat, hat es ganze vier Monate gedauert, bis er die Organisation neu aufgestellt hatte - mit neuen Gesichtern inklusive. Die am meisten unterschätzte Telekom-Sparte - 42.000 Angestellte, 11 Milliarden Euro Umsatz - hat er mit einem "klassischen Turnaround-Programm" so schnell in die Gewinnzone gebracht, daß seine jetzige Beförderung nicht wirklich überrascht. Erst recht nicht bei seinem Vorleben, den Stationen bei den Konsortialpartnern.

Konrad Reiss war Chef von Debis, als das Systemhaus noch zu Daimler gehörte. Er war dabei, als das Unternehmen im Auftrag Schrempps an die Telekom verkauft wurde, und er ist im Zwist mit Ron Sommer ausgeschieden. Wegen "tiefgreifender Differenzen über die strategische Ausrichtung", wie es immer heißt. Kaum war Sommer weg, war Reiss wieder da. Wegen Kai-Uwe Ricke. Der habe ihn überzeugt, als Person wie durch seine Strategie.

Für höhere Aufgaben qualifiziert

Einen Tag pro Woche verbringt Reiss nun in der Zentrale von T-Systems, in der Frankfurter Bürovorstadt Niederrad. Einen weiteren ist er in Bonn bei der Deutschen Telekom, in deren Gesamtvorstand er ebenfalls sitzt. Den Rest der Zeit ist er unterwegs, besucht die 1.500 Großkunden in aller Welt und akquiriert Aufträge.

In Deutschland ist T-Systems mit großem Abstand Marktführer, in Europa unter den größten drei IT-Dienstleistern. "Eine unglaubliche Power" stecke in der Organisation, sagt Reiss. "Wenn 40.000 Leute anfangen zu marschieren, ist das eine Macht." Nur wie lange Reiss noch mitmarschiert oder ob er sich als Maut-Retter - sofern alles gutgeht - für höhere Aufgaben qualifiziert, das wird sich noch weisen.

"Die Realität ist, daß dem Staat bei der Maut sehr viel Geld entgeht und daß die Reputation zweier Konzerne leidet", sagt Reiss. "Das wollen wir abstellen. Das ist mein wichtigstes Ziel." Und danach? "Dann schaun' mer mal."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2004, Nr. 11 / Seite 42
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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