Home
http://www.faz.net/-gqe-75iiy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Masterplan“ mit Hilfe deutscher Wissenschaftler Nordkorea bereitet baldige Öffnung der Wirtschaft vor

Das kommunistische nordkoreanische Regime hat offenbar schon konkrete Pläne für eine wirtschaftliche Öffnung des Landes für ausländische Investoren. Nach Informationen der F.A.Z. wird Pjöngjang dabei von deutschen Ökonomen und Juristen beraten.

© REUTERS Arbeitskraft billig, Technologie veraltet: Arbeiterinnen in einer nordkoreanischen Seidenspinnerei

Nordkorea plant eine wirtschaftliche Öffnung des Landes für ausländische Investoren. Nach Informationen der F.A.Z. wird das kommunistische Land dabei diskret von deutschen Wirtschaftswissenschaftlern und Juristen beraten. „Es gibt einen Masterplan“, sagte einer an den Beratungen beteiligten Wissenschaftler dieser Zeitung. „Die wollen die Öffnung noch in diesem Jahr.“

Philip Plickert Folgen:

Interesse zeigt das verarmte und abgeschottete Land vor allem an einer modernen Investitionsgesetzgebung. Für die Öffnung wird aber offenbar nicht primär das chinesische Modell mit Sonderwirtschaftszonen für ausländische Investoren kopiert. „Vielmehr sind sie an der vietnamesische Blaupause interessiert, wo gezielt Unternehmen für Investitionen ausgewählt werden“, sagte der Wissenschaftler, der an einer renommierten deutschen Universität lehrt.

Karte / Nordkorea © F.A.Z. Vergrößern

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hatte zu Neujahr eine „radikale Wende“ der Politik seines Landes angekündigt und dabei von einer möglichen Wiedervereinigung mit dem Süden gesprochen. Der junge Diktator, der nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-il Ende 2011 die Macht übernommen hat, kündigte ebenfalls an, dass 2013 ein „radikales Umsteuern“ in der Wirtschaftspolitik bringen werde, um das Land zu einem „wirtschaftlichen Riesen“ zu machen. Die Landwirtschaft und Leichtindustrie stünden dabei im Zentrum. Sollten sich die Reformer durchsetzen, könnten aber auch ausländische, nicht-chinesische Investoren einen Zugang bekommen. Bislang gibt es die Wirtschaftssonderzone Rason an der nordöstlichen Grenze zu China. Der Onkel des Diktators, Jang Song-taek, den Beobachter wie die Tante als „Graue Eminenzen“ sehen, hat mit den Chinesen im Herbst über die Einrichtung zweier weiterer Sonderzonen auf Inseln im Westen des Landes verhandelt, wo aber bislang noch wenig geschehen ist.

Streit um Reise des Google-Verwaltungsratschefs

Unterdessen hat das amerikanische Außenministerium eine geplante Reise des Google-Verwaltungsratschefs Eric Schmidt und des früheren Gouverneurs Bill Richardson nach Nordkorea kritisiert. Der gewählte Zeitpunkt sei nicht „besonders hilfreich“. Schmidt und Richardson wüssten, dass die Regierung ihre Pläne ablehne. Nach Angaben des Senders CNN wollten die beiden zu einer „privaten humanitären Mission“ aufbrechen. Hauptziel sei es, die Freilassung eines Amerikaners zu erreichen.

Nordkorea ist international isoliert. Von einem „wirtschaftlichen Riesen“ ist das Land weit entfernt, vielmehr ist es völlig verarmt. Wiederholt gab es Hungersnöte, die Stromversorgung fällt häufig aus. Das Land sei technologisch auf dem Stand vor etwa fünfzig Jahren stehengeblieben und habe eine „völlig verrottete produzierende Wirtschaft“, sagte ein deutscher Ökonom, der das Land mehrfach besucht hat. Fachleute schätzen das nordkoreanische Produktivitätsniveau auf nur etwa 5Prozent des südkoreanischen Niveaus. In der Industrie und der Landwirtschaft werden völlig veraltete Techniken angewandt, zudem gibt es Hunderttausende von Zwangsarbeitern in Umerziehungslagern, die etwa Straßen bauen oder Felder bestellen.

Blick in den Sozialismus In der VIP Lounge Nr. 6 im Flughafen von Pjöngjang © Patrick Welter Bilderstrecke 

Einzig der Militärsektor ist vergleichsweise modern und wird durch enorme Investitionen unterstützt. „Militär zuerst“ lautet die politische Devise. „Das Militär kontrolliert die Wirtschaft, und es bereichert sich dabei“, sagt ein Beobachter. Im militärischen Bezirk im Zentrum Pjöngjangs, der für die normale Bevölkerung nicht so einfach zugänglich ist, gibt es bessere Wohnungen, Militärangehörige fahren japanische oder westliche Autos, etwa von Mercedes, und können in speziellen Läden westliche Importwaren kaufen. In einem speziellen chinesisch-koreanischen Kaufhaus werden etwa Flachbildfernsehschirme angeboten.

Seit einiger Zeit gibt es zaghafte Ansätze für wirtschaftliche Reformen, in begrenzten Bereichen wird kleine unternehmerische Initiative geduldet. Während der Hungersnöte der neunziger haben sich einfache Märkte gebildet, auf denen die Bevölkerung Obst und Gemüse handelte, inzwischen gibt es dort ein breiteres Angebot auch von günstiger Kleidung und Elektronikwaren. Größere Unternehmen dürfen aber immer noch nicht in privater Initiative geführt sein.

Mehr zum Thema

Bislang wirbt Nordkorea vor allem um chinesische Investoren. Diese sind besonders an den riesigen Rohstoffvorkommen des Landes interessiert. Nicht nur gibt es Edelmetalle, sondern auch Seltene Erden in Nordkorea. Zum Teil werden die Rohstoffe schon ausgebeutet und nach China exportiert, doch vermuten Fachleute noch ein gewaltiges unerschlossenes Potential. Auch in der Produktion gäbe es angesichts der massenhaft verfügbaren billigen Arbeitskräfte Möglichkeiten, wenn sich ausländische Investoren fänden.

Es gibt in Pjöngjang politische Kräfte, die das Land auch für japanische, südkoreanische und westliche Unternehmen öffnen wollen. Der Leiter der nordkoreanischen Joint Venture und Investment Commission ist bemüht, Know how zu gewinnen und hat dafür auch in Deutschland Kontakte geknüpft. „Das Militär in Nordkorea wird aber die Kontrolle nicht abgeben wollen“ sagte der deutsche Wirtschaftswissenschaftler, „daher ist überhaupt nicht ausgemacht, dass die Reformansätze durchkommen.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
China Die diffusen Grenzen der nationalen Sicherheit

In China definiert ein neues Gesetz beinahe alle Bereiche des öffentlichen Lebens als relevant für die nationale Sicherheit. Chinesische Bürgerrechtler fürchten weitere Beschränkungen - und westliche Investoren Marktunsicherheit. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

01.07.2015, 23:49 Uhr | Politik
Nordkorea Machthaber Kim Jong-un ließ offenbar Verteidigungsminister hinrichten

Nach südkoreanischen Medienangaben habe Staatsführer Kim Jong-un seinen Verteidigungsminister hinrichten lassen. Die Exekution mit Flugabwehrgeschützen durchgeführt worden. Hunderte Personen hätten dabei zugeschaut. Mehr

13.05.2015, 11:38 Uhr | Politik
Nicaragua-Kanal Ein Chinese fährt die Bagger auf

Durch Nicaragua soll ein Kanal gebaut werden. Zur Freude der Bevölkerung. Doch dahinter steckt ein Trick. Mehr Von Simona Pfister

30.06.2015, 08:06 Uhr | Politik
Nordkorea Kim Jong-un bereit zu Gesprächen mit Südkorea

Wenige Stunden nach Kims Ankündigung begrüßt der südkoreanische Minister für Wiedervereinigung die Aufnahme von Gesprächen – unabhängig davon, in welcher Form sie stattfänden. Mehr

07.01.2015, 09:33 Uhr | Politik
Hauptstadtbeleuchtung Rettet Berlins Gaslaternen!

Straßenbeleuchtung ökologisch effizienter zu gestalten, ist eigentlich ein guter Gedanke. Doch Berlin setzt an der falschen Stelle an und modernisiert ein Stück kulturelles Erbe der Hauptstadt. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Hellmut von Laer

20.06.2015, 22:25 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.01.2013, 16:28 Uhr

Maut-Schaden

Von Manfred Schäfers

Die Freude des Verkehrsministers über das Maut-Gesetz währte nur kurz. Tatsächlich rollt nun das Geld, dummerweise in die falsche Richtung: aus dem Verkehrsetat, statt hinein. Mehr 31 21


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Der Zuckerkonsum wächst

Die Weltbevölkerung wird in den kommenden Jahren mehr Zucker konsumieren. Vor allem in Entwicklungsländern wird ein starkes Wachstum erwartet. Mehr 2