Home
http://www.faz.net/-gqe-77wjy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.03.2013, 15:29 Uhr

Massenproduktion Hundert Jahre Fließband

Vor hundert Jahren lief das Ford T-Modell das erste Mal vom Band. Bis heute ist die industrielle Massenfertigung das Maß aller Dinge.

© ddp Ford-Werk in Köln: Fließbänder haben Massenproduktion erst möglich gemacht - auch heute bewähren sie sich

Was für eine Traumfabrik! Als der schwedische Autohersteller Volvo im Mai 1989 der Welt sein neues Werk in Uddevalla präsentierte, da war das Arbeiterparadies ganz nah. Fortan herrschte Anarchie in der Arbeitswelt des hohen Nordens: Statt wie bisher monoton und geisttötend in Akkordhetze Stück für Stück Teile an die auf dem Band vorbeiziehenden Karosserien der Marke aufzuschrauben, sollten selbständige Teams von acht bis zwölf Werktätigen einen kompletten Volvo montieren. „Henry Ford hat das Fließband eingeführt“, tönte der Chef der Autosparte. „Volvo schafft es ab.“

Hendrik Ankenbrand Folgen:

Die Arbeitssoziologin Silke Ernst, damals in den Diensten von Porsche, heute im Gesamtbetriebsrat von Daimler, pilgerte wie so viele Gewerkschafter zur Befreiung der Arbeiterschaft ins heilige Uddevalla-Walhalla: „Wir waren fasziniert von der Vorstellung, dass Effizienz und Gerechtigkeit vereinbar seien.“

Die Vorstellung ist bis heute eine solche geblieben, die Idee des Abschieds vom Ford’schen Fließband hat sich irgendwie ganz anders entwickelt als geplant, gegenteilig, könnte man sagen. 1999 mussten Volvo seine defizitäre Pkw-Division an die Ford Motor Company verhökern. Mittlerweile ist die einst stolze Schwedenmarke nach China verkauft.

Geburt des Massenprodukts

Und bei noch einem Autobauer, der sich Anfang der neunziger Jahre rühmte, Fords Fließband und die damit verbundene Entmenschlichung der Arbeit zu überwinden, gehen allmählich die Lichter aus: Anfang der Neunziger war diese Zeit der Revolution, als in Rüsselsheim Dutzende Opel-Bandarbeiter einmal die Woche vormittags zu Tische saßen - der Meister war nicht eingeladen -, um unter Gesprächsführung des demokratisch gewählten Gruppenleiters Fragen zu diskutieren wie diese: „An welchem Tag machen wir die Vormontage? Wann setzen wir die Reifen auf?“

Vor 100 Jahren, im Dezember 1913, rollten im amerikanischen Detroit die ersten T-Modelle vom Fließband. Es war die Geburt des Massenprodukts. Das Auto für jedermann rollt vom Band bis heute. In Michigan, Wolfsburg, München, Stuttgart, Toyota. In Lübeck befördert das Band Marzipanstückchen, in Hamburg Nivea-Dosen - und die Konsumgesellschaft dem immer höheren Lebensstandard entgegen: Denn das Band senkt die Kosten. Die Gemüter bewegt es seit eh und je.

Infografik / Die Massenproduktion bringt den Wohlstand © F.A.Z. Vergrößern Die Massenproduktion bringt den Wohlstand

Wie eine Schafherde drängen die Arbeiter in Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“ aus dem Jahr 1936 aus der U-Bahn in die Fabrik ans Band. In den 70er Jahren wurde die Frage nach der Menschlichkeit des Fließbandtakts genauso gestellt wie in den 80ern, 90ern, Anfang unseres heutigen Jahrtausends. Den Fordismus zu überwinden, das ist stets Menschheitstraum geblieben. Oft schon sei die Ford’sche Arbeitsteilung totgesagt worden, spottet der Erlanger Soziologe Gert Schmidt, vielfach kopiert, nie erreicht. Unter Fordismus versteht der Arbeitsforscher weit mehr, als dass ein Automobil im Arbeitstakt des Fließbands gefertigt wird. Fordismus, das steht für Massenproduktion, Massenkonsum, den Wohlfahrtsstaat und Wachstum. Eine gewaltige ökonomische und gesellschaftliche Umwälzung des vergangenen Jahrhunderts. Und die Blüte des Fordismus stünde noch bevor, ruft Soziologe Schmidt: „Denken Sie an die Fabriken in China! In Brasilien! Indien!“

Erschwingliche Autos für den Großteil der Bevölkerung

In der Tat. Nicht weniger als eine Revolution hat Henry Ford mit seiner Technik der Welt beschert. 39 Jahre war er alt, als er sein Gesellschaftslabor namens „Ford Motor Company“ im Jahr 1903 eröffnete. Sein Ziel: ein Automobil zu bauen, das langlebig und robust sein sollte, aber vor allem so günstig, dass es sich ein Großteil der Menschen leisten könne.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Autos im Jahr 1966 Diese Legenden feiern ihren Fünfzigsten

1966 ist ein Autojahr mit bemerkenswerten, heute legendären Neuheiten. Eine davon, der Fiat 124, kommt jetzt zurück. Die anderen, vom Lamborghini Miura über den Volvo 144 bis zum Wartburg 353, sind unvergessen. Mehr Von Walter Hönscheidt und Boris Schmidt

04.02.2016, 10:34 Uhr | Technik-Motor
Amerika Google und Ford verhandeln über Fertigung selbstfahrender Autos

Google testet bereits Prototypen seiner Roboterautos in den USA. Der Autohersteller Ford hinkt den Konkurrenten auf dem Gebiet bisher hinterher. Mehr

04.02.2016, 09:05 Uhr | Wirtschaft
Automobilmarkt Ford setzt auf urbane Sportlichkeit – und spart dabei

Der Autohersteller will in Europa dauerhaft Gewinn machen. Dafür sollen viele neue Modelle sorgen – und weitere Mitarbeiter gehen. Mehr Von Carsten Knop

06.02.2016, 16:06 Uhr | Wirtschaft
Antarktis Britischer Abenteurer stirbt bei Expedition

Henry Worsley ist beim Versuch, als erster Mensch ohne Hilfe die Antarktis zu durchqueren, gestorben. Der frühere Offizier der britischen Armee wollte mit seiner Aktion Spenden für verwundete Soldaten sammeln. Mehr

26.01.2016, 11:18 Uhr | Gesellschaft
Wo Flüchtlinge wohnen Neues Deutschland

Manheim bei Köln ist eine Geisterstadt. Der Ort soll dem Tagebau weichen, die Häuser werden bald abgerissen. Aber bis dahin ziehen dort mindestens 400 Flüchtlinge ein. Ist das verrückt – oder eine Chance fürs Land? Mehr Von Niklas Maak

03.02.2016, 14:28 Uhr | Feuilleton

Das Syriza-Virus

Von Leo Wieland, Lissabon

Wie in Griechenland gefährdet in Portugal und Spanien die Politik die wirtschaftliche Erholung. Portugals Ministerpräsident sagt das Richtige, tut dann aber das Falsche. Mehr 19 21


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“