Adam Smith (1723 bis 1790), jener schottische Aufklärungsphilosoph, dem wir bis heute unser Wissen über das Wesen der Märkte verdanken, sieht den Wohlstand der Nationen begründet in einer „natürlichen Neigung“ der Menschen, miteinander zu handeln und Dinge untereinander zu tauschen („the propensity to truck, barter, and exchange one thing for another“). Wenn er recht hat und dies tatsächlich eine „natürliche Neigung“ ist, dann darf man mit Gründen annehmen, dass auch schon die Neandertaler Handel und Tausch zum gegenseitigen Vorteil zu nutzen wussten. Wollten beide tauschen und kamen darin überein, dass die Tauschgegenstände gleichwertig sind, war der Handel perfekt. Um die Sache zu vereinfachen, hat man später das Geld erfunden (eine Tat von überragender Bedeutung), womit qualitative Äquivalenzen (ist der eine Gegenstand wirklich so viel wert wie der andere?) in quantitative Relationen übersetzt werden konnten und man die Festlegung der Preise getrost dem Markt überlassen konnte.
Am Anfang war die Handelsharmonie
Gerade weil Menschen egoistisch sind, haben sie die Fähigkeit zur Kooperation im Handel entwickelt. Man kann es auch umdrehen: Gerade weil Menschen ein ursprüngliches Gefühl für Fairness haben, wissen sie, dass es in ihrem ureigenen Interesse sein muss, einander nicht über den Tisch zu ziehen. Tun sie es doch, endet das meist in Mord und Totschlag. Am Anfang der Weltgeschichte stünde somit, folgt man Adam Smith, eine prästabilisierte Handelsharmonie, die Egoismus und Altruismus in der Balance hält und getrieben durch Arbeitsteilung unseren heutigen Wohlstand ermöglicht.
David Graeber, ein in England lehrender amerikanischer Anthropologe und Anarchist, ist nicht der Erste, der antritt, Adam Smith’ Lehre zu zertrümmern. Aber er ist der jüngste Angreifer. Seine Attacke hat Wucht und - zumindest umfangmäßig - Gewicht: Auf engbedruckten 600 Seiten werden 5000 Jahre Markt- und Kapitalismusgeschichte durchmessen. „Schulden“ heißt Graebers Buch, das übernächste Woche in die Buchhandlungen kommt.
Um es kurz zu machen: Der Angriff ist zum Scheitern verurteilt; Adam Smith bezwingt keiner. Aber die Beschäftigung mit Graebers Buch ist gleichwohl sehr lohnend (wenn man einmal von einer Neigung des Autors zu Langatmigkeit und der ausgeprägten Liebe zu Umwegen großzügig absieht).
„Die Wirtschaftsgeschichte ist ein Krieg zwischen Gläubigern und Schuldnern“
Graebers Titel ist Programm. Nicht der Tausch, sondern eine Schuldbeziehung steht am Anfang der Menschheitsgeschichte. Und damit, so Graeber, ist die Katastrophe einer langen Geschichte von menschlicher Unterdrückung und Gewalt von Beginn an perfekt. Einer nimmt vom anderen etwas, ohne dafür eine Gegengabe parat zu haben. Damit gerät er in Schuld und Abhängigkeit. Denn der andere versteht seine Gabe nicht als Geschenk, sondern als rückzahlbare Verpflichtung. Schon die ersten beiden Menschen im Paradies stehen sich bei Graeber als Gläubiger und Schuldner gegenüber.
Wer, wie Adam Smith, die Urszene der Menschheitsgeschichte als Tauschbeziehung begründet, glaubt an Reziprozität und Fairness. Wer sie als Schuldverhältnis beschreibt, geht von der Einseitigkeit einer Unterdrückungsgeschichte aus. „Die Wirtschaftsgeschichte ist ein Krieg zwischen Gläubigern und Schuldnern, ausgetragen auf dem Schlachtfeld des Geldes“, schreibt Graeber, dem Pathos nicht abhold. Die Theorie von Adam Smith vom ursprünglichen Handel verbannt er in das Reich des Mythos.
Das Heimtückische an Schuldverhältnissen, da hat Graeber recht, ist der Umstand, dass moralische und fiskalische Verpflichtung ineinander überfließen. Schulden muss man zurückzahlen, lernen schon die Kinder (noch besser, man macht sie gar nicht, sagt die schwäbische Hausfrau). „Und vergib uns unsere Schuld“, heißt es im Vaterunser-Gebet. Besonders perfide wurde es nach Graeber, als die Menschen anfingen, den Umfang der Schulden zählbar zu machen: durch die Erfindung des Geldes. Damit konnten moralische Verpflichtungen in numerisch quantifizierbare Schulden übersetzt werden. Und der Schuldner saß endgültig in der Falle (besser gesagt im „Schuldturm“).
Staat und Gläubiger arbeiten Hand in Hand
Es kommt noch böser. Zumindest in der Horrorgeschichte des Anthropologen David Graeber. Gläubiger geben ihren Kredit natürlich nicht aus Nächstenliebe und auch nicht nur aus der dem Wucherer eigenen Profitgier. Gläubiger wissen, dass sie Kredite dazu benutzen können, andere Menschen unter Kontrolle zu bringen („Zinsknechtschaft“). Der Gläubiger ist von Hause aus sadistisch.
Umgekehrt können Schuldverhältnisse auch nur durch Zwang und Gewalt aufrechterhalten werden; hat der Gläubiger dazu nicht die Macht, bedient er sich der Hilfe des Staates. Eine Schuld sei „ein Versprechen, das durch Mathematik und Gewalt korrumpiert wurde“, meint Graeber. Staat und private Gläubiger arbeiten im Kapitalismus David Graebers stets Hand in Hand. Er, der Anarchist, ist selbstredend nicht nur kein Freund der unterdrückenden Gläubiger-Märkte, noch weniger ist er ein Freund der ihnen assistierenden Staaten.
Auf der Seite der Armen
Spätestens jetzt wird klar, warum David Graeber zum intellektuellen Helden der Occupy-Bewegung werden konnte. In seiner Weltanschauung sind die Gläubiger, nicht die Schuldner die Schurken. „Gläubiger-Hass“ ist ein bekanntes Phänomen, das stets in Finanzkrisen aufkomme, hat der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker beobachtet. Durch die Hassbrille gesehen, waren es die internationalen Banken und ihre gierigen Investoren, die in der Finanzkrise die amerikanischen Häuserbesitzer in die Zinsknechtschaft nahmen. Es waren abermals die Banken, welche in der Euro-Krise die südeuropäischen Staaten in den Ruin trieben. Ganz so argumentiert derzeit die radikale Linke um Alexis Tsipras in Griechenland. Der Kapitalismus und die den Kapitalismus stützenden Staaten stehen immer auf der Seite der Gläubiger, also der Reichen, die sich ihren Reichtum auf Kosten der unterdrückten Schuldner erpresst haben.
Graeber steht auf der Seite der Schuldner, also der Armen. Deshalb fordert er einen Schuldenerlass für die Abhängigen und Unterdrückten in der ganzen Welt - von Griechenland bis Afrika - ganz so wie ihn schon die Bibel als Jubel- und Sabbatjahr alle sieben respektive alle fünfzig Jahre ausgerufen hat.
Nicht zu Ende gedacht
Doch Graebers fulminanter Antikapitalismus geht nicht auf, weder intellektuell noch praktisch. Sosehr Graeber seinen Leser mit historischem Material traktiert, so ist doch nicht zu übersehen, dass er seine Quellen ideologisch (also im Dienste der Weltanschauung) und nicht wissenschaftlich instrumentalisiert. Andernfalls hätte er auch jene Stimmen etwa der rabbinischen Forschung diskutieren müssen, die das grandiose Scheitern des biblischen Sabbatjahres bezeugen. Weil in den Jahren vor dem Schuldenschnitt die Schuldner ihre Verträge so gedeichselt haben, dass die Tilgung genau in diesem Jahr angefallen wäre, in dem der Schuldenerlass gewährt wurde, haben die Gläubiger vorsichtshalber den Kredit verweigert. Weil es aber keine Kredite gab, gingen die Bauern pleite, denn sie konnten ihr Saatgut nicht mehr vorfinanzieren. Die gesamte Kreditversorgung kam zum Erliegen. Und mit ihr die gesamte Wirtschaft.
Das zeigt: Eine schuldenfreie Welt ist nicht nur Illusion, sie ist noch nicht einmal wünschenswert. Graeber verkennt in spätmarxistischer Ignoranz die Ambivalenz der Schulden. Mehr noch: Er verkennt die Wohlstand schaffende Wirkung der Schulden, die einem Linken und Anarchisten eigentlich sympathisch sein müsste. Denn anders als Graeber müssen wir uns Schuldner und Gläubiger als optimistische Menschen vorstellen. Beide gehen eine freie Vertragsbeziehung ein. Beide glauben sie, dass der Ertrag aus dem geliehenen Geld größer sein wird als die Kosten, die dafür anfallen. Der Gläubiger muss an den Schuldner glauben - ihn eben gerade nicht ausbeuten wollen - und hoffen, dass dessen Einkommen steigt. Denn er will ja, dass dieser seine Schuld zurückzahlt. Und der Schuldner muss eine Geschäftsidee haben, die ihn davon überzeugt sein lässt, dass sich am Ende die Verschuldung auszahlt.
Eine rückwärtsgewandte Utopie
Graeber sieht, schon sprachlich, nur die moralische Schuld (Verschuldung), aber nicht das wechselseitige Vertrauen (Kredit kommt vom lateinischen credere). Er sieht erst recht nicht die revolutionäre Sprengkraft des Kredits, die den Ohnmächtigen in die Lage versetzt, den Mächtigen zu entmachten. Ohne Kredit, also fremdes Kapital, wären nur jene Unternehmer erfolgreich, die ihre Ideen mit eigenem Kapital finanzieren können, mithin nur die Reichen. Mit fremdem Geld (Kredit) aber kann auch ein wagemutiger Habenichts, sofern er einen Financier findet, seine Geschäfts- und Profitidee durchsetzen und für sich und andere Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen. „Auf seinen Schulden reitet der Unternehmer zum Erfolg“, liest man beim frühen Joseph Schumpeter (1911), einem österreichischen Ökonomen. Eine Theorie der Schulden lässt sich durchaus als linke Theorie schreiben.
Schon gar nicht aber ist die Überlegenheit der Vertragstheorie der Schulden bewiesen, von der Graeber ausgeht. Ob am Anfang der Weltwirtschaftsgeschichte reziproke Barter-Tausch-Beziehungen oder einseitige Schuldverhältnisse standen, darüber streiten die Ethnologen bis heute munter. Seriöse anthropologische Arbeiten, darauf weist die Wirtschaftshistorikerin Deirdre McCloskey hin, verharren bis heute bei Adam Smith, wenn sie zeigen, dass die Vorstellung einer Urgesellschaft ohne Märkte nicht gedeckt ist. Das braucht nicht auszuschließen, dass der auf Verträgen basierende arbeitsteilige Handel früh auch Kreditverträge zugelassen hat. Was wäre daran auch schlimm?
Nur David Graeber und seine Freunde finden das schlimm. Für sie sind Marktgesellschaften nichts anderes als versklavende Schuldgesellschaften. Graebers Ideal ist ein Kommunismus, in dem die Devise gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Es ist eine Gesellschaft freiwilliger Gaben, die nicht zurückzahlbar sind. Wie bei vielen linken Kapitalismuskritikern - das große Vorbild ist neben Marcel Mauss (1872 bis 1950) der Gesellschaftstheoretiker Karl Polanyi (1886 bis 1964) - scheint am Ende eine rückwärtsgewandte Utopie der einfachen Gemeinschaft auf, die das Modell der Nachbarschaftshilfe zum Vorbild einer komplexen Ökonomie machen möchte. In Zeiten der Krise haben solche Sehnsüchte Konjunktur.
Vielen Dank für das Durcharbeiten von 600 Seiten Ideologischem Hintergrund
Erik Staack (E_Staack)
- 24.05.2012, 10:58 Uhr
Schulden ok, aber was ist mit dem Zinses Zins
Holger Salvador (H.Salvador)
- 24.05.2012, 10:44 Uhr
Wertvollster Teil des Buches verrissen
Andreas Lehmann (alm)
- 23.05.2012, 23:10 Uhr
Wer sich die aktuelle Situation ansieht...
Jan Frisch (Bunrakunier)
- 23.05.2012, 21:29 Uhr
Wie der Zins bezahlt wird - und wie der Kapitalist subventioniert wird
Stefan Sedlaczek (sedlaczek1)
- 23.05.2012, 21:27 Uhr