http://www.faz.net/-gqe-6y1xs

Mario Draghis „Dicke Bertha“ : Banken leihen sich Rekordsumme von EZB

  • Aktualisiert am

Kriegs-Rhetorik in der Schuldenkrise: „Dicke Bertha“ statt „Bazooka“ Bild: Bernd Helfert, Foto gemeinfrei

Im mit Spannung erwarteten Dreijahrestender der Europäischen Zentralbank haben sich 800 Banken im Euroraum zusammen 529,5 Milliarden Euro geliehen.

          Die unter der Schuldenkrise leidenden Banken haben von der Europäischen Zentralbank eine neue Geldspritze bekommen. Die Banken haben sich bei dem mit Spannung erwarteten Dreijahrestender der Europäischen Zentralbank (EZB) kräftig mit Liquidität eingedeckt. Wie die EZB mitteilte, erhielt sie von 800 zumeist südeuropäischen Instituten Gebote über 530 Milliarden Euro, die voll bedient wurden. Analysten hatten mit einer Nachfrage von rund 450 Milliarden Euro gerechnet. Die Spanne der Erwartungen hatte zwischen 250 und 750 Milliarden gelegen.

          Für die Geldhäuser ist das Angebot der EZB äußerst verlockend: Für den ungewöhnlich langen Zeitraum von drei Jahren können sie unbegrenzt Mittel leihen - und das zum günstigen Zins von aktuell 1,0 Prozent. Mit der Liquiditätsoffensive will die EZB eine Kreditklemme im Euroraum verhindern. Vor allem in den Krisenländern der Währungszone sind die Banken zunehmend von privaten Mittelzuflüssen abgeschnitten, was die Konjunktur dort weiter abzuwürgen droht.

          Ein umstrittener Nebeneffekt des Dreijahrestenders, den EZB-Präsident Mario Draghi im Interview mit der F.A.Z. als „Dicke Bertha“ bezeichnet hat, ist, dass viele Banken von einem Teil des Geldes auch dieses Mal wieder Staatsanleihen kaufen dürften. Das legen zumindest neue Daten der EZB nahe. Spanische Banken haben ihren Bestand von Staatsanleihen der Euroländer im Januar um die Rekordsumme von 23,1 Milliarden auf 229,6 Milliarden Euro erhöht, wie aus Daten der EZB hervorgeht. Zehnjährige italienische Staatsanleihen rentierten mit rund 5,5 Prozent, während ein Kredit bei der Zentralbank für den Leitzins von derzeit 1 Prozent zu haben ist. Schon im Dezember setzte sich für diese Art von Geschäft im Händlerjargon die Bezeichnung „Sarko-Trade“ durch, benannt nach dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, der in Bezug auf die Ausweitung der Krisenhilfen der EZB sagte: „Das bedeutet, dass jetzt jeder Staat zu seinen Banken gehen kann, die Liquidität zu ihrer Verfügung haben werden.“

          Seit der ersten großen EZB-Geldspritze im Dezember hat sich die Situation an den europäischen Anleihemärkten deutlich entspannt. Experten sind sich einig, dass die großzügige Liquiditätsversorgung des Bankensystems daran einen erheblichen Anteil hat.

          Das Geschäft wird am 1. März wertgestellt und am 26. Februar 2015 fällig. An den Aktien- und Anleihemärkten wurde die Geldspritze der EZB reserviert aufgenommen. Der Euro fiel leicht und auch die Ausschläge auf spanische und italienische Anleihezinsen blieben im überschaubaren Bereich. Die Anleger reagierten leicht enttäuscht, man hätte etwas mehr erwartet, hieß es aus dem Handel.

          Auch beim zweiten Langfristtendergeschäft, der „Dicken Bertha“, haben die Banken eifrig zugegriffen
          Auch beim zweiten Langfristtendergeschäft, der „Dicken Bertha“, haben die Banken eifrig zugegriffen : Bild: dapd

          Im Dezember des vergangenen Jahres hatten 523 Institute eine Summe von 489 Milliarden Euro abgerufen. Der Nettoeffekt war jedoch geringer, weil viele Banken kurzfristige EZB-Kredite durch das dreijährige Geschäft ersetzten. Analysten kalkulierten, dass der Nettoeffekt damals bei gut 200 Milliarden Euro lag. Nach Schätzungen dürften diesmal EZB-Kredite mit kürzeren Laufzeiten in Höhe von rund 220 Milliarden Euro ersetzt werden. Gleichwohl führte die Geldflut vom Dezember zu einer deutlichen Entspannung der Schuldenkrise in der Peripherie der Eurozone und löste eine Rallye an den Aktienmärkten aus.

          Draghis Waffen: „Bazooka“ und „Dicke Bertha“

          Die Europäische Zentralbank kämpft mit verschiedenen Waffen in der Schuldenkrise. Schon im Dezember hat die EZB den Banken fast 500 Milliarden Euro für die ungewöhnlich lange Zeit von drei Jahren geliehen. Die Wirkung dieses Dreijahrestenders sei im Dezember unterschätzt worden, sagte EZB-Präsident Mario Draghi kürzlich im Interview mit der F.A.Z., „weil viele eine Ausweitung der Staatsanleihenkäufe von der EZB erwarteten, die berühmte „Bazooka“. Vielleicht hätte ich den Tender als „Dicke Bertha“ ankündigen sollen, dann hätten alle zugehört.“

          Unter dem Schlagwort „Bazooka-Lösung“ macht seit Monaten die Forderung die Runde, mit möglichst großem Kaliber die Euro-Schuldenkrise zu bekämpfen und ein für allemal einzudämmen. Den Anhängern der „Bazooka“ - einer Panzerfaust - schwebt nicht nur ein stärkeres Engagement der Europäischen Zentralbank (EZB) in europäischen Staatsanleihen vor. Sie wollen das maximal mögliche Hilfsvolumen auf 750 Milliarden Euro aufstocken oder notfalls auf 1,5 Billionen Euro verdreifachen. Die „Dicke Bertha“, eine riesige Kanone, war eines der bekanntesten Geschütze im Ersten Weltkrieg.

          Quelle: FAZ.NET mit Dow Jones, Reuters

          Weitere Themen

          EZB kauft immer mehr Südländer-Anleihen

          F.A.Z. exklusiv : EZB kauft immer mehr Südländer-Anleihen

          Aus der Wissenschaft kommt scharfe Kritik an dem umstrittenen Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank. Der F.A.Z. liegt eine Studie vor, nach der zu viele Anleihen aus Schulden-Staaten gekauft werden.

          Wenn Gold krank macht Video-Seite öffnen

          Bergbau : Wenn Gold krank macht

          Rings um Johannesburg gibt es rund 200 Abraumhalden, eine Hinterlassenschaft aus der Zeit des Goldrausches im 19. Jahrhundert. Aus den Halden treten krankmachende Stoffe aus, doch weder Politik noch Wirtschaft fühlen sich zuständig.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          EZB-Präsident Mario Draghi in Frankfurt am Main

          F.A.Z. exklusiv : EZB kauft immer mehr Südländer-Anleihen

          Aus der Wissenschaft kommt scharfe Kritik an dem umstrittenen Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank. Der F.A.Z. liegt eine Studie vor, nach der zu viele Anleihen aus Schulden-Staaten gekauft werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.