Home
http://www.faz.net/-gqe-6vyc6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Manuel Herder Guttenbergs Verleger

25.12.2011 ·  Ein katholischer Traditionsverlag stürmt die Hitparaden. Mit Margot Käßmann, dem Papst aus Rom und Politikern aller Parteien.

Von Georg Meck
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© Kaufhold, Marcus Manuel Herder, Verleger in sechster Generation

"Geist schafft Leben", grüßt das mächtige Eingangsportal des Verlagshauses, drinnen grüßt Karl-Theodor zu Guttenberg. Niemand anderes hat Platz auf der Tafel im Foyer, auf dem das öffentliche Echo der Autoren gezeigt wird.

Herder heißt der altehrwürdige Verlag, der das Buch des Barons gedruckt hat. 1801 wurde er in Meersburg am Bodensee gegründet. Manuel Herder, Buchmensch in sechster Generation, ist der Mann, der alles eingefädelt hat. Und es wäre falsch zu behaupten, er wäre nicht stolz darauf. Sehr stolz ist er sogar auf das Guttenberg-Werk: "Von null auf Platz zwei in der Bestsellerliste", sagt er.

120.000 Exemplare hat er in die Läden gekarrt zum Weihnachtsgeschäft, die Lager sind leer. Was kümmern ihn da die Attacken in der Presse, die Shit-Storms im Internet? Im Zweifel hilft das alles dem Geschäft.

Manuel Herder, ein sportlich-seriöser Herr, Mitte 40, Sakko, Krawatte, Jeans, fühlt sich in diesen Tagen so unangreifbar wie jeder Verleger, der mit einem Buch solchen Rummel entfacht: "Nur die süffisante und intensive Häme hat mich überrascht."

Wirtschaftlich betrachtet, und um Geld geht es auch im Buchgewerbe, hat Herder alles richtig gemacht: richtiges Thema, richtiger Zeitpunkt, grandiose Kampagne: Auftritt Guttenbergs in Halifax (Merkel-Schelte inklusive), tags darauf die Ankündigung für das Comeback-Buch, noch mal zwei Tage später ausführlicher Vorabdruck in der "Zeit", freudig flankiert von der "Bild"-Zeitung, und am Dienstag drauf, keine acht Tage später, liegen die Stapel im Handel. Eine logistische Meisterleistung, vorbereitet als Geheimprojekt: "Alle haben dichtgehalten", freut sich Herder: "Das klappt nur in einem Familienunternehmen, wo Sie so ein Projekt nicht durch mehrere Instanzen tragen müssen."

Der Star unter den Autoren ist der Papst

Heikel sind die Details des Deals, da wird der Verleger einsilbig: Hat er Giovanni die Lorenzo als Co-Autor für das Interview-Buch vorgeschlagen, oder war es Guttenberg aus Dankbarkeit für eine wohlwollende Kommentierung des "Zeit"-Chefredakteurs? "Ich habe Herrn di Lorenzo als Interviewpartner vorgeschlagen und angesprochen", sagt Herder nur.

Verbürgt ist, wie die beiden zueinanderfanden, der durch und durch bürgerliche Verleger, verwurzelt im katholischen Milieu, und der adelige Politstar, der beim Bürgertum unten durch ist: Stephanie zu Guttenberg, die Politikergattin, ist das Bindeglied. Nach einer "Wetten, dass..?"-Show in Freiburg hat Manuel Herder sie gefragt, ob sie nicht bei ihm veröffentlichen wolle: Ein Buch über Kindesmissbrauch, ein Thema, für das sie sich engagiert hatte, "schon bevor ihr Mann Minister wurde", wie Herder sagt. Und so geschah es: Zu Stephanie zu Guttenbergs Sendung im Privatfernsehen publizierte Herder das Buch "Schaut nicht weg!" 20 000 Mal hat es sich verkauft - nicht gerade ein Megaseller, aber das Thema war es Manuel Herder wert: "Kindesmissbrauch war vorher ein Tabu. Die Bücher, die wir vorher dazu veröffentlicht hatten, sind in der Öffentlichkeit nie durchgedrungen."

Glaube, Werte, Bildung - dafür steht der Verlag, seit mehr als 200 Jahren. "Das ist unser Leitbild", sagt der Chef. Mehr als 500 Titel wirft das Haus (samt Tochterverlagen wie Kreuz, Kerle, Urania, Knecht, Alber) im Jahr aus. Der Star unter den Autoren ist der Papst: 52 Titel von ihm sind von Herder lieferbar. Der erste Autorenvertrag mit Joseph Ratzinger, datiert aus dem Jahr 1956, hängt hinter Glas gerahmt auf dem Büroflur (das Honorar ist geschwärzt).

Noch einträglicher ist Pater Anselm Grün, der es mit Erbauungsfibeln auf eine Millionen-Auflage bringt. Auch eine Margot Käßmann bedient Hunderttausende Leser. Und mit der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ("Das Ende der Geduld") landete Herder voriges Jahr auf Platz 2 der meistverkauften Sachbücher, direkt hinter Thilo Sarrazin.

Sechs Währungen haben die Herders überlebt, auch die ein oder andere Pleite

Und welches der 500 Werke ist dem Verlagsinhaber dieses Jahr das liebste? Was empfiehlt er als Geschenk? "Der Verleger ist der Freund aller seiner Autoren", weicht Manuel Herder aus.

Mit diesen Worten antwortet er auch auf die Frage, wie eng oder herzlich sein Verhältnis zu Karl-Theodor zu Guttenberg in diesen stürmischen Tagen ist: "Natürlich haben wir Kontakt", sagt er nur. Ob er dem gefallenen Hoffnungsträger ein Comeback zutraut, inner- oder außerhalb der Union? Kein Kommentar. "Je näher ich als Verleger der Politik komme, desto mehr spüre ich, wie wenig ich als normaler Zeitungsleser vom Innenleben und den eigenen Gesetzen der Parteien verstehe."

Seit gut zehn Jahren führt Manuel Herder den Verlag nun, hat ihn vom Universalverlag katholischer Milieu-prägung zu einem modernen Sachbuchverlag entwickelt. "Die meiste Zeit verbringe ich mit der Marktforschung", hatte er als Frischling seinerzeit erklärt.

Damals hatten ihm die Demoskopen zugetragen, dass das Volk in wachsendem Maß an Engel glaube, so kam es zu einer Reihe von Engel-Büchern. Seit einiger Zeit hat der Verleger Tod und Trauer als Lesetrend ausgemacht: "Die Menschen sind auf der Suche nach dem Sinn", sagt der Mann, auf dessen Handy Kirchenglocken als Klingelton läuten. "Glaube ist ein extrem aktuelles Thema, da sehen wir ein ungemein hohes Marktpotential."

Dieses Potential gilt es auszuschöpfen, religions- und konfessionsübergreifend: Der Dalai Lama schreibt für Herder, und mit dem Kreuz-Verlag, den er 2006 übernommen hat, stieß eine Schar protestantischer Publizisten dazu.

Sein persönlicher Ehrgeiz ist es, in den gesellschaftlichen Debatten mitzumischen, weiter in das Feld von Politik und Zeitgeschichte vorzudringen; schon vor Guttenberg, quer durch die Parteien: Renate Künast, Franz Müntefering, Roland Koch - allesamt Herder-Titelhelden.

Muss ein Verleger ideologisch flexibel oder gar skrupellos sein? Manuel Herder widerspricht. Er würde nicht jede obskure Splittergruppe drucken. Auch das neue linke Traumpaar Lafontaine/Wagenknecht passt kaum ins Rote Haus - so nennen sie des Anstrichs wegen in Freiburg das mächtige Verlagsgebäude.

Sicher ist: Manuel Herder drängt es, im Gegensatz zum Vater, dem kürzlich verstorbenen Hermann Herder, auf die Bühne. Er genießt die Buchpremieren mit Kanzlerin Angela Merkel oder Altkanzler Helmut Kohl. Er hat Spaß an Ausflügen in die Hauptstadt.

Und vor allem: Er kostet den Triumph aus, wenn er, der Mittelständler aus der Provinz, den forschen Bengeln in den Konzernverlagen eine Nase dreht, schneller ein Thema entdeckt. In letzter Zeit gelingt ihm das auffällig oft. Ausgerechnet Herder, der Verlag, der mit Werken für die Ewigkeit, mit Lexika und Gesangbüchern, groß wurde, punktet gegen die Zeitgeist-Surfer und Trendscouts in den Großverlagen.

„Auch wenn sich die Kirchen leeren, Glaube ist ein extrem aktuelles Thema“

Nach Fukushima war niemand schneller mit dem Buch zur Katastrophe zur Hand als der Pfiffikus aus Freiburg, so wenig wie nach der historischen Baden-Württemberg-Wahl mit der Biographie des Siegers: "Am Wahlabend habe ich Winfried Kretschmann im Fernsehen gesehen und gegoogelt: Gibt es ein Porträt?" Es gab keins, und noch bevor der Grüne im Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, war Herder damit zur Stelle. Und auch dieses Jahr ist es ihm gelungen, die Friedensnobelpreisträger zu würdigen, ehe der Preis verliehen wurde.

Keine Frage, in der Disziplin Hochgeschwindigkeitsbücher ginge der Titel nicht an einen Bugwellen-Dynamiker, sondern ins Badische, an Manuel Herder, den Familienmenschen, der auf klassische Bildung achtet, regelmäßig die vier Kinder (8 bis 14 Jahre alt) ins Bett bringt und sich Abstand bewahrt vor den Aufgeregtheiten "in unserer schnelllebigen Welt": Die Floskel zitiert er amüsiert aus einem Glückwunsch an seinen Verlag: geschrieben übrigens zum 100. Geburtstag, und das ist auch schon wieder 110 Jahre her.

Acht Staatsformen (angefangen mit der freien Reichsstadt Rottweil) haben die Herders erlebt und sechs Währungen: Gulden, Taler, Goldmark Reichsmark, D-Mark und Euro. Die ein oder andere Pleite hat man auch hinter sich gebracht, die letzte im Jahr 1945, ausgebombt nach dem Zweiten Weltkrieg, die erste kurz nach der Gründung: Dem Pionier Bartholomä Herder, der 1798 die ersten Bücher druckt, bleibt der Fürstbischof das versprochene Start-Darlehen schuldig, der Jungunternehmer gerät ins Straucheln und zieht 1808 nach Freiburg um, wo Manuel Herder heute in zwei Büros arbeitet: eines für die Kreativität, eines für die Zahlen: "Das trenne ich im Kopf."

Große Sprünge sind in einer schrumpfenden Branche nicht drin, der Umsatz pendelt um die 40 Millionen Euro, und das seit Jahren: Mit einer "Wir-verdoppeln-den-Umsatz-Rhetorik" kann Manuel Herder nicht dienen. Muss er auch nicht.

Schließlich hat er keine Aktionäre oder Analysten zu beeindrucken: Fremde Investoren kennt er nicht, die Firma gehört der Familie. Und so soll es auch bleiben: "Unabhängigkeit ist ein wertvolles Gut." Den Schatz möchte Manuel Herder an die siebte Generation weiterreichen.

Der Mensch

Manuel Herder verkörpert die sechste Generation im Verlagshaus Herder. Am 4. März 1966 in Freiburg geboren, studiert er in Tübingen, Matsuyama (Japan) und Bonn Japanologie, Betriebswirtschaftslehre, Theologie und Erziehungswissenschaft. 1992 beginnt er seine Berufskarriere im Unternehmen der Familie, 1997 rückt er auf zum Geschäftsführer, im Januar 2000 übernimmt er vom Vater, dem kürzlich verstorbenen Hermann Herder, die Gesamtverantwortung für das Haus. Manuel Herder wohnt mit seiner Familie - Frau und vier Kindern zwischen 8 und 14 - im Schwarzwald, eine halbe Fahrradstunde vom Verlag in der Freiburger Innenstadt entfernt.

Das Unternehmen

Bartholomä Herder (1774 bis 1839) wird im Jahr 1801 vom Konstanzer Fürstbischof Karl Theodor von Dalberg zum "Hofbuchhändler und Hofbuchdrucker" berufen und gründet den Verlag Herder in Meersburg am Bodensee. Infolge der Säkularisation siedelt er 1808 nach Freiburg im Breisgau über. Dort sitzt das Unternehmen bis heute, und bis heute gehören den Nachfahren des Gründers 100 Prozent am Herder-Verlag, der 150 Menschen beschäftigt. Berühmtester Autor des Hauses ist Papst Benedikt. Der Umsatz pendelt seit Jahren um die 40 Millionen Euro. Angaben zum Gewinn macht das Familienunternehmen nicht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 9 9

30.05.2012 09:10 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,01 −0,90%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.381,78 −0,89%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2459 −0,24%
Rohöl Brent Crude 105,91 $ −0,88%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.