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Mannesmann-Prozeß Sieg ohne Victory-Zeichen

22.07.2004 ·  Die Verschwörungstheorien der Staatsanwaltschaft gehören jetzt der Vergangenheit an. Damit scheint die Welt der Deutschland AG wieder in Ordnung zu sein: Der Mannesmann-Prozeß.

Von Henning Peitsmeier
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So sehen Sieger aus. Lachend, entspannt, selbstbewußt. Es ist zehn vor neun, als Josef Ackermann, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, den turnhallengroßen Schwurgerichtssaal L 111 im Düsseldorfer Landgericht betritt. Die anderen Angeklagten sind schon da. Klaus Esser, der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Mannesmann, spricht mit seinem Strafverteidiger. Esser steht mitten im Gerichtsaal mit durchgedrücktem Kreuz, die Arme vor der Brust verschränkt, als wolle er seine Siegeszuversicht demonstrieren - "Seht her, ich bin unschuldig".

Kurz darauf begrüßt er Klaus Zwickel, den einstmals mächtigen IG-Metall-Vorsitzenden, mit Handschlag. Beide reden miteinander wie alte Freunde. Und wenn man sie sieht, könnte man tatsächlich an Kumpanei im Mannesmann-Konzern glauben. Denn allzu großzügig sollen die Angeklagten um Aufsichtsratschef Joachim Funk 60 Millionen Euro an Top-Manager und Mannesmann-Pensionäre verteilt haben. Doch schon in wenigen Minuten sollen sie freigesprochen werden vom Vorwurf der schweren Untreue.

Die Arroganz der Macht

Gleich der zweite Satz der Vorsitzenden Richterin Brigitte Koppenhöfer gibt ihnen die Gewißheit: "Die Angeklagten werden freigesprochen." Es ist der Satz, auf den vor allem Josef Ackermann nach der Prozeßeröffnung am 21. Januar ein halbes Jahr gewartet hat. Keiner stand so im Zentrum des öffentlichen Interesses wie er, der einflußreichste Vertreter der deutschen Wirtschaft. Keiner hatte auch so schnell das Mißtrauen der Bevölkerung auf sich gezogen, wie der Deutsche-Bank-Chef, der mit seinem unbedachten Victory-Zeichen gleich am ersten Verhandlungstag einen Sturm der Entrüstung auslöste.

Von der Arroganz der Macht war die Rede. Über Gier und Anstand wird bis heute diskutiert. Und Erinnerungen an Ackermanns Vorvorgänger Hilmar Kopper wurden wach, der vor zehn Jahren mit seinem "Peanuts"-Spruch über unbezahlte Handwerkerrechnungen bei der Immobilienpleite des Jürgen Schneider die Öffentlichkeit in Rage brachte. Ein PR-GAU für die Deutsche Bank. Um kurz nach neun ist ihr aktueller Vorstandssprecher erlöst. Die Börse reagiert freundlich, der Aktienkurs steigt. Ackermann lächelt zufrieden. Das Victory-Zeichen verkneift er sich diesmal. Die Welt der Deutschland AG scheint wieder in Ordnung.

Souverän über die Bühne gebracht

Doch die resolute Richterin rückt in ihrer Urteilsbegründung die Verhältnisse zurecht. "Das Gericht muß Straftaten beurteilen, nicht unternehmerische Entscheidungen oder gar die deutsche Unternehmenskultur. Schon gar nicht beurteilt es moralische oder ethische Fragen", sagt Koppenhöfer. Sie trägt eine Lesebrille, über die sie oft hinüberschaut, und den Angeklagten ab und zu einen strengen Blick zuwirft. In einer kurzen, vierminütigen Rede findet sie persönliche Worte, schildert, wie während des Mannesmann-Verfahrens von allen Seiten massiv versucht wurde, Einfluß zu nehmen auf das Urteil. "Mit Schmährufen habe ich gerechnet. Nicht aber mit Telefonterror."

Die 52 Jahre alte, ehemalige Jugendrichterin sagt das emotionslos. Sie will kein Mitleid. Den größten Wirtschaftsprozeß der deutschen Nachkriegszeit, diese Gewißheit hatte sie schon vor dem letzten Verhandlungstag, hat sie souverän über die Bühne gebracht. Koppenhöfer hielt auch dem politischen Druck stand. Beinahe genüßlich beschreibt sie, wie sich "Politiker jeglicher Couleur" zu Rechtsexperten aufspielten, entweder die überbezahlten Manager an den Pranger stellten, oder sich um den Wirtschaftsstandort Deutschland sorgten, weil die Elite des Landes vor Gericht saß. Und dann ist die Ironie in ihrer Stimme nicht zu überhören, als sie erzählt, wie "eine ausländische Wirtschaftszeitung" (gemeint ist die "Financial Times") Deutschlands Wirtschaft in großer Gefahr wähnte, "nur weil die Zeitung die Akkreditierungsfrist versäumte" und für den Prozeß damit - zunächst - nicht zugelassen war.

Vom Traditionskonzern zum Selbstbedienungsladen

Für die mündliche Urteilsverkündung nimmt sich Koppenhöfer viel Zeit. Eine geschlagene Stunde redet sie allein über die Abwehrschlacht von Mannesmann, über die zweifelhaften Vorgänge im Frühjahr 2000, als die strittigen Millionenprämien an Vorstände und sogar längst pensionierte Führungskräfte und ihre Angehörigen flossen, der Düsseldorfer Traditionskonzern zu einem Selbstbedienungsladen gieriger Manager verkommen schien.

Wohl alle Zuhörer im Gerichtssaal kennen diese Geschichte, haben sie so oder so ähnlich schon oft gehört oder gelesen. Doch Koppenhöfer trägt diesen Wirtschaftskrimi ganz sachlich vor, ohne jede Spannung. Es sind nur kurze Passagen, die die Brisanz der Geschehnisse bei Mannesmann erkennen lassen. Wenn Koppenhöfer die Rolle Zwickels beleuchtet und dessen "Kenntnisnahme" bei den Beschlüssen als "tatsächlich nicht vorhandene Distanz" wertet. Oder wenn sie auf die vielfältigen Nachbesserungen und Rückdatierungen der Beschlußprotokolle anspielt und später doch dem damaligen Aufsichtsrat "gravierende Pflichtverletzung" attestiert.

Der Boulevard ist empört

So mancher der 60 Besucher ist gelangweilt. Einer erhofft sich mehr Spannung von seiner Lektüre, liest in dem Buch "Die Korruptionsfalle", das von Mannesmann handelt und den Untertitel "Wie unser Land im Filz versinkt" trägt. Der Meinung des Autors schließt sich der ältere, graumelierte Leser an. "Man darf den Prozeß nicht losgelöst von den übrigen Ereignissen in Deutschland sehen", sagt der Mann in einer Verhandlungspause. "Korruption ist überall, das wird sich auch noch nach der Festnahme von diesem Pfahls zeigen", orakelt er. Ganz sicher ist der Fall Mannesmann der Lackmustest für die Frage, ob Millionenprämien und Zuwendungen an Manager im Interesse des Unternehmens und seiner Anteilseigner liegen.

In der öffentlichen Wahrnehmung steht das Verfahren stellvertretend für die Frage der moralischen Integrität von Managern. Dabei steht das Urteil draußen schon seit Wochen fest: Der Boulevard ist empört. Die PDS nutzt das, will ihren Ruf als Protestpartei festigen. Rund um das Düsseldorfer Landgericht hat die Partei an jedem zweiten Laternenmast Plakate aufgehängt. Der lachende Klaus Esser ist darauf zu sehen mit dem Slogan "Mit Esser nicht einfach abfinden." Und wenige Meter weiter macht Klaus Ackermann das berühmte Victory-Zeichen. Die PDS fordert: "Langfinger zur Rechenschaft."

Keine Verschwörung

Das ist die Stimmung der Straße, der Stammtische. Auch im Gerichtssaal finden sich Zuhörer, die sich eine Verurteilung der Angeklagten wünschen. Es sind überwiegend Rentner, manche ehemalige Mannesmann-Aktionäre. "Das ist schon ein starkes Stück, wie sich die Herren die Taschen vollgemacht haben", sagt ein rüstiger älterer Herr, der sich als alter Mannesmann zu erkennen gibt, 35 Jahre lang für das Unternehmen gearbeitet hat. Essers Prämie von 30 Millionen DM empfindet er schlicht als Unverschämtheit und der Gedanke daran treibt ihm die Zornesröte ins Gesicht: "Unmöglich! Esser kann damit seine Urenkel versorgen." Auch Richterin Koppenhöfer zweifelt die Angemessenheit der Prämie an. Der Rentner nickt zufrieden, als er ihre Worte vernimmt.

Auch mit der Staatsanwaltschaft geht die Vorsitzende Richterin hart um. Schräg hinter dem erhöhten Richtertisch stehen Ordner mit Prozeßakten. 7.700 DIN-A4-Seiten Papier in 37 Bänden. Mehr als drei Jahre haben die Strafverfolger recherchiert, haben 61 Zeugen vernommen und eine 460 Seiten lange Anklageschrift verfaßt. Davon läßt Koppenhöfer nicht mehr viel übrig. Sie widerlegt die Verschwörungstheorien, folgt nicht der staatsanwaltschaftlichen Version vom "gekauften Sieg Vodafones", Esser könnte seinen Widerstand gegen eine Übernahme aufgegeben haben, um die Millionenprämie zu kassieren. Koppenhöfer redet fast vier Stunden. Die Luft in dem alten, holzvertäfelten Schwurgerichtssaal ist stickig. Nur ein Fenster ist geöffnet. Die Mittagssonne scheint hindurch. Es ist kurz nach halb eins, als Ackermann, Esser & Co. ins Freie dürfen. Klaus Esser lacht. Wie auf dem PDS-Plakat. So sehen Sieger aus. Er hat den Prozeß gewonnen. Aber nicht die Sympathien ehemaliger Mannesmänner.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2004, Nr. 169
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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent in München.

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