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Manager 2006 Darsteller in Wirtschaftskrimis und Schmierenkomödien

29.12.2006 ·  Wie der Manager des Jahres seine Ehe rettete, warum sich niemand über die Einstellung des Ackermann-Prozesses aufregte und was man über Ferdinand Piëch besser nicht schreiben sollte - Personalien des Jahres 2006.

Von Susanne Preuß
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Der Name Klaus Kleinfeld hat schnell Karriere gemacht. So oft wie der Name des erst 49 Jahre alten Siemens-Chefs tauchte 2006 kein Wirtschaftsführer in den Schlagzeilen auf, selbst in den dicken Lettern der Boulevardblätter. Dabei könnte die Ära Kleinfeld bei Siemens schon bald vorbei sein.

Auf der Hauptversammlung am 25. Januar jedenfalls wird er kräftig einstecken müssen, unter anderem wegen der täglich neuen Enthüllungen über Korruption im einstigen Vorzeigekonzern. Auf der Minus-Liste steht auch die provozierendste Gehaltserhöhung des Jahres: 30 Prozent Zuschlag sollten die Siemens-Vorstände bekommen, während gleichzeitig Tausende von Stellen im Konzern gestrichen werden und sich vor den Mitarbeitern der einstigen Siemens-Handy-Sparte nach dem Verkauf an BenQ der Abgrund auftut.

Die Verlängerung von Kleinfelds Vertrag, der bis September 2007 läuft, steht dem Vernehmen nach für April auf der Tagesordnung. Bis dahin soll Kleinfeld nach zwei Jahren Amtszeit nachgewiesen haben, daß er seine selbstgesetzten Renditeziele für alle Konzernsparten erreicht hat. Aber wie sich Meinungsklima und Machtverhältnisse im Aufsichtsrat bis dahin entwickeln, ist fraglich.

Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer, der am Tag nach der Hauptversammlung 66 Jahre alt wird, könnte bis dahin längst zurückgetreten sein - aus der Erkenntnis heraus, daß die Schmiergeldaffäre wohl am besten aufgeklärt werden kann, wenn der einstige Siemens-Chef eben nicht an maßgeblicher Stelle verbleibt. Die Rückschau läßt aber mutmaßen, daß sich das Duo Kleinfeld/Pierer noch eine ganze Weile hält. In der fast 160 Jahre währenden Geschichte des Siemens-Konzerns gab es erst zehn Chefs. "Selbst auf dem Heiligen Stuhl ist die Fluktuation höher", frotzelte im Herbst das Polit-Magazin "Cicero", das am Beispiel des Siemens-Chefs sogar einen neuen Managertypus beschreibt, die "Generation Kleinfeld", die kompromißlos die Globalisierung gestalten wolle.

Generation Kleinfeld

Auch Kai-Uwe Ricke wurde zur "Generation Kleinfeld" gezählt. Ein paar Wochen später war Ricke sein Amt als Telekom-Vorstand los, vier Jahre nachdem er es angetreten hatte. Amtszeiten wie die der alten "Industriekapitäne" der Deutschland AG sind diesem Managertypus offenbar auch nicht vergönnt. Ricke jedenfalls, der bis 2008 den Abbau von 32.000 Stellen angeordnet hat, wurde nicht mehr zugetraut, was er selbst als Aufgabe formuliert hatte: dafür zu sorgen, "daß die Telekom auch morgen und übermorgen weiter erfolgreich bleibt".

Zehn Jahre nach dem Börsengang des einstigen Staatsunternehmens liegt der Börsenkurs der "T-Aktie" noch immer unter dem Ausgabepreis von einst - und während der Dax in diesem Jahr stetig aufwärts kletterte, brach der Telekom-Aktienkurs im Jahresverlauf um ein Viertel ein. Eineinhalb Millionen Kunden waren dem einstigen Monopolisten allein in den ersten neun Monaten des Jahres davongelaufen.

Nun soll René Obermann es richten, der 1998 gemeinsam mit Kai-Uwe Ricke zur Telekom-Mobilfunk-Sparte stieß und dort den Vertrieb auf Vordermann brachte. Angenehmer für die Mitarbeiter wird es nach dem Wechsel wahrscheinlich nicht. Obermann, heute 43 Jahre alt, sei ein Kapitalist wie aus dem Bilderbuch, schrieb die "Wirtschaftswoche" schon Ende der achtziger Jahre über den Studiumabbrecher und führte an, wie dieser seinen Lebenswandel (mit Porsche und Haushälterin) rechtfertigte: Geld, soll er gesagt haben, ermögliche es einem, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Millionenschwerer Punktsieg

Würden alle Spitzenmanager sich auf das Wesentliche konzentrieren, beispielsweise auf die nachhaltige Weiterentwicklung des ihnen anbefohlenen Unternehmens, wären die Wirtschaftsteile der Zeitungen wohl nur halb so dick und, offen gestanden, auch ein bißchen langweiliger. An wahrhaften Wirtschaftskrimis fehlte es in den vergangenen Monaten aber nicht, und auch nicht an Schmierenkomödien.

Das in aller Öffentlichkeit ausgetragene gegenseitige Zerfleischen früherer und amtierender Infineon-Mächtiger gehört dazu, das dem einstigen Superstar Ulrich Schumacher im September übrigens einen millionenschweren Punktsieg einbrachte: Trotz laufender Korruptionsermittlungen muß der Chipkonzern dem ehemaligen Vorstandschef auch den fälligen zweiten Teil seiner Abfindung zahlen, macht 2,625 Millionen Euro plus Zinsen.

Auch der Kampf des amerikanischen Investors Guy Wyser-Pratte um Einfluß bei dem Karlsruher Maschinenbauer IWKA gehört in diese Rubrik. Als er 2003 bei IWKA einstieg, gehörten ihm nur 5 Prozent der Aktien, doch Wyser-Pratte suchte und fand Verbündete für seine Attacken, mal auf der Kapitalseite, mal im Aufsichtsrat, mal in den Medien. Die bisherige Bilanz der Scharmützel: Fünf Vorstände und sieben Aufsichtsräte wurden bei IWKA allein in den zurückliegenden 17 Monaten verschlissen.

„Wer ist Ackermann?“

Als einer der spektakulärsten Wirtschaftskrimis der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt der Prozeß um die millionenschweren Abfindungen bei Mannesmann, für den der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann seit Anfang 2004 immer wieder die Anklagebank des Gerichtssaals drückte. Noch vor einem Jahr mußte Ackermann ernsthaft um seinen Posten bangen, weil nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs das Untreue-Verfahren noch einmal aufgerollt werden mußte. Ende November dann konnte der Schweizer aufatmen: gegen Zahlung von 3,2 Millionen Euro (weniger als ein Viertel seines Jahresgehalts) wurde das Verfahren eingestellt. "Freikauf erster Klasse" titelte der "Spiegel", doch die Empörung der Massen blieb aus.

Nur ein einziger Demonstrant erschien laut Polizeiangaben am letzten Prozeßtag, und die wartenden Journalisten wurden von Passanten irritiert gefragt: "Wer ist Ackermann?" Das mag dem Prügelknaben Klaus Kleinfeld Hoffnung geben, denn schließlich war Ackermann noch im Jahr zuvor der Buhmann der Nation gewesen, als die Deutsche Bank Rekordgewinne zeitgleich mit Stellenabbau-Plänen verkündete.

Den Buhmann hat in diesem Jahr derweil auch Allianz-Chef Michael Diekmann gegeben. Während der Versicherungskonzern auf einen Rekordgewinn von 6 Milliarden Euro in diesem Jahr zusteuert, sollen 5700 Arbeitsplätze gestrichen werden, ungeachtet der Monate währenden öffentlichen Proteste von Allianz-Beschäftigten.

Am längeren Hebel

Die meiste Spannung brachte derweil Ferdinand Piëch in die Wirtschaftsberichterstattung. Der Enkel des legendären Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche setzt offenbar alles daran, das Familienerbe zu retten und aus dem Volkswagen-Konzern wieder ein Familienunternehmen zu machen. Als Vehikel dient ihm der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche, der zusehends seine Macht ausbaut, am Kapitalmarkt ebenso wie direkt in den Werken, in die Beraterteams geschickt wurden.

Wendelin Wiedeking, der für Porsche Jahr für Jahr neue Rekordergebnisse verkündet, dient offenkundig gern als Erfüllungsgehilfe Piëchs, schon weil die Herausforderungen bei VW in Wolfsburg ganz andere Dimensionen haben als die daheim in Zuffenhausen. Doch immer wieder demonstriert Piëch, daß er am längeren Hebel sitzt.

Quälend lang dauerte es, bis der Vertrag von VW-Chef Bernd Pischetsrieder im Mai um fünf Jahre verlängert wurde, auch mit den Stimmen von Wiedeking. Letztlich setzte sich Piëch aber doch durch, servierte Pischetsrieder nur ein halbes Jahr später ab und ersetzte ihn durch seinen Gefolgsmann, den bisherigen Audi-Chef Martin Winterkorn - wodurch auch gleich die Position von VW-Markenchef Wolfgang Bernhard ins Wanken geriet.

Sich Piëch in den Weg zu stellen, wie vor allem Ministerpräsident Christian Wulff als Vertreter des VW-Aktionärs Niedersachsen es beharrlich tut, ist zumindest anstrengend, davon kann man bei VW ein Lied singen.

Farbschwache Krawatten

Dabei leistet es sich Piëch, auch auf Nebenkriegsschauplätzen aktiv zu werden. Vor dem Landgericht Düsseldorf erstritt sich der VW-Aufsichtsratsvorsitzende eine Gegendarstellung gegen ein Wirtschaftsmagazin, das berichtet hatte, er kenne die Zahl seiner Kinder nicht (das renommierte "Munzinger-Archiv" berichtet, es "sollen" zwölf sein) und er trage grelle Krawatten mit Jagdmotiven.

Ähnlich streitlustig hat man zuletzt allenfalls ENBW-Chef Utz Claassen erlebt, der auch vor öffentlichem Krach mit Politikern nicht zurückschreckt. Nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm, weil der Vorstandschef des drittgrößten deutschen Energieversorgers einigen Mandatsträgern Eintrittskarten für die Weltmeisterschaft ins Haus geschickt hatte, witterte Claassen gar einen Justizskandal.Für Claassen übrigens scheinen Krawatten ebenfalls einen höheren Stellenwert als persönliche Eigenschaften zu haben. Die letzte Frage eines Fragebogens zum Thema, was er an sich gar nicht möge, beantwortete Claassen mit: "farbschwache Krawatten". Humor, das zeigen solche Beispiele, ist eine heikle Sache.

Manager des Jahres

Viele deutsche Manager würden solche Fragen gar nicht erst beantworten, oder genauer: vielen würde man solche Fragen gar nicht erst stellen, weil sie ganz ohne Glanz und Glamour vor sich hin arbeiten. Bayer-Chef Werner Wenning beispielsweise, der seit 40 Jahren im Konzern arbeitet, aber außerhalb des Bayer-Imperiums kaum bekannt ist, legte in aller Ruhe ein 16-Millliarden-Euro-Angebot für den Berliner Pharmakonzern Schering vor und stach damit den Darmstädter Konkurrenten Merck KGaA aus.

Auch Jürgen Hambrecht hat für die Öffentlichkeit kein Gesicht. Doch der Schwabe, der seit Mai 2003 den Chemieriesen BASF führt, hat in diesem Jahr gleich dreimal die Konzernkasse weit aufgemacht: für 3,8 Milliarden Euro wurde der amerikanische Katalysatorhersteller Engelhard übernommen (der sich zunächst mächtig wehrte), 2,7 Milliarden Euro war BASF die Bauchemie-Sparte von Degussa wert und noch einmal rund eine halbe Milliarde Euro kostete die Übernahme von Johnson Polymer.

Hambrecht war schon im Vorjahr zum "Manager des Jahres" gewählt worden, in diesem Jahr kann sich Wolfgang Reitzle mit diesem Titel schmücken, weil er den einstigen Mischkonzern Linde radikal umgebaut hat: Durch den fast 12 Milliarden Euro teuren Kauf des größeren britischen Konkurrenten BOC machte Reitzle Linde zum weltgrößten Hersteller von Industriegasen und schaffte es gleichzeitig, die nicht mehr passenden Unternehmensteile überraschend schnell zu hohen Preisen abzustoßen, so daß allein in diesem Jahr mehr als 5 Milliarden Euro dadurch in die Kasse kamen.

„Genial, aber nicht zäh genug“

Mancher hätte dem 57 Jahre alten Autonarr so eine Leistung nicht zugetraut: "Reitzle ist genial, aber nicht zäh genug", lautete etwa das Urteil von Ferdinand Piëch - weshalb er im Jahr 2001 nicht Reitzle, sondern dessen Rivalen Pischetsrieder zum VW-Chef berief. Wer weiß, welche Wendungen der Wirtschaftskrimi um VW andernfalls genommen hätte? Nun jedenfalls sorgt Wolfgang Reitzle dafür, daß im neuen Jahr der Konzernsitz von Linde von Wiesbaden nach München verlegt wird, wo schon seit Jahren seine Frau Nina Ruge wohnt. "Eine Goldknopflady werde ich sicher nicht", sagte die Fernsehmoderatorin und Boulevard-Journalistin dem Magazin "Bunte" über die bevorstehende Einrichtung eines gemeinsamen Heimes. Ihre Arbeit bei der Sendung "Leute heute" will Nina Ruge aber dennoch aufgeben, offenbar aus Liebe: "Es gab Zeiten", so Ruge, "da war unsere Ehe wegen meiner Tätigkeit als Boulevard-Journalistin vielleicht sogar echt in Gefahr."

Daß einmal der Mann kürzertritt und seine Frau Karriere machen läßt, ist freilich immer noch der Ausnahmefall, gelebt etwa im Haushalt von Ingrid Matthäus-Maier, deren Mann Robert Maier nach der Geburt des zweiten Kindes seine Mathematikerlaufbahn aufgab. Seit Oktober ist Ingrid Matthäus-Maier Chefin bei der KfW, und damit die erste Frau an der Spitze eines deutschen Bankhauses. Das läßt hoffen. Doch spätestens seit die siebenfache Mutter und promovierte Ärztin Ursula von der Leyen uns als Familienministerin beglückt, hat man ohnehin den Eindruck, Kinder, Karriere und Eheglück müßten ganz problemlos zu vereinbaren sein.

Quelle: F.A.Z., 29.12.2006, Nr. 302 / Seite 15
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Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

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